LEIPZIG. In der leichtathletischen Disziplin Weitsprung kommt es vor allem auf den Absprung an. Um den Balken genau zu treffen, braucht es ein gutes Gefühl für sich selbst, für die Übersetzung von Anlaufgeschwindigkeit in freien Flug, für den maximalen Satz. Kaum eine weiß das so gut wie Heike Drechsler, die 400 Mal jenseits der Siebenmeter landete. Diese Woche soll die Doppel-Olympiasiegerin in Osaka vom Weltverband IAAF in die Frauenkommission gewählt werden, ein gewaltiger Sprung - Drechsler wäre damit eine der höchsten deutschen Sportfunktionärinnen.Doch es gab Kritik an der Personalie, zuletzt in dem Gremium, das sie beschlossen hatte, im Präsidium des Leichtathletik-Verbandes DLV. Um die Glaubwürdigkeit im Antidoping-Kampf gehe es, befand Vizepräsident Eike Emrich, ein Soziologieprofessor. Kollegin Dagmar Freitag, für die SPD im Bundestag, wünschte Stellungnahme zum DDR-Staatsdoping.Heike Drechsler hat versucht, diesen Balken zu treffen. Sie hat in einem Interview ein paar bemerkenswerte Sätze über ihre Zeit als DDR-Vorzeigeathletin gesagt. Dass sie "ein Blindläufer" war und sich nicht einmal als Volkskammerabgeordnete benutzt fühlte. Dass Dopingpraktiken und Staatssicherheit "menschenverachtend" waren. Dass sie all das verurteile, "aufs Schärfste".Anabole VergangenheitTrotzdem las sich das Bekenntnis so, als ob Drechsler vor dem Absprung gezielt gestoppt hätte. Das lag an dem, was sie bezweifelte - ihre eigene anabole Vergangenheit. Drechsler sagte, sie könne Doping "nicht mehr ausschließen". Damit blieb sie bei der Erkenntnis, die ihr vor über einem Jahrzehnt juristisch aufgezwungen wurde. 1992 in Barcelona hatte die Olympiasiegerin Buchautorin Brigitte Berendonk der Lüge bezichtigt, nachdem diese Doping-Dokumente auch über sie veröffentlicht hatte. Seit Drechsler den Prozess verlor, gilt ihre Einbeziehung ins ostdeutsche Hormonprogramm als erwiesen. Verbandsarzt Hartmut Riedel protokollierte sie in seiner Habilitation. Für 1983 etwa, als die 18-Jährige vom SC Motor Jena den ersten Weltmeistertitel gewann. Kurz zuvor stellte sie mit 7,14 Meter den noch gültigen Junioren-Weltrekord auf. Ihr Herandopen bis elf Tage an den Wettkampf ist exakt belegt. Drechsler galt als Paradebeispiel für den mit Oral-Turinabol und Testosteron-Spritzen anabolisierten Nachwuchs.Von ihrem Scheinbekenntnis rückt sie dennoch nicht ab, betont auf Nachfrage, sie habe "weder willentlich noch wissentlich" gedopt. Es sind die üblichen Nebelkerzen derer, die etwas zu verlieren haben: Sie haben nichts gewusst, vor allem nichts von der eigenen Rolle im System. Sich erinnern ist noch immer etwas, das die Opfer leisten. Nicht die Täter und die Profiteure. Drechsler lässt das anklingen: Naiv sei sie gewesen, aber sie habe damals auch profitiert.Gutachten prüft DopingrekordeHeike Drechsler profitiert noch immer. Frühe Erfolge zu DDR-Zeiten, verriet ihr Manager einmal, seien ihr Markenzeichen, ebenso "nie bewiesene Dopingvorwürfe". Das Rezept aus Traditionspflege und Marktgängigkeit greift: Drechsler tourt als Charity-Lady und honorierte Botschafterin, sie passt für die Bundesgartenschau in Erfurt und als Fairplay-Missionarin an Schulen. Hat sie Dopingdoktor Riedel je befragt, gab es je eine Entschuldigung? "Nein!" Das erwarte sie nicht: "Eigentlich müsste das System, in dem wir alle gelebt haben, sich bei den Menschen entschuldigen."Der pauschale Freispruch, der Täterschutz meint, funktioniert, solange der Sport ihn toleriert. In aktuellen Debatten gerät so etwas gerade aus der Mode. Aber noch sind der DLV und seine Kandidatin kompatibel. Ändern könnte sich das nach der Leichtathletik-WM in Japan, wenn der Verband ein Rechtsgutachten zur Löschung von Dopingrekorden geprüft hat. Drechsler hält viele aus DDR-Zeiten: neben dem Junioren- auch den Hallen-Weltrekord, dazu deutsche Rekorde aller Altersklassen. Freigeben will sie keine der für saubere Athletinnen unerreichbaren Marken: Ethik sei nur relevant, "wenn man vorsätzlich betrogen hat".Kann eine, die nach der eigenen Wahrheit in einem pervertierten Frauensport nie gesucht hat, ein Spitzenamt im Weltsport, in der Frauenkommission, bekleiden? Ja, sagt Helmut Digel, der erneut als IAAF-Vizepräsident kandidiert: "Die Deutschen haben ihr nach dem Olympiasieg 2000 zugejubelt." In Osaka wird Drechsler die IAAF-Fahne ins Stadion tragen und für das Schweizer Fernsehen kommentieren. Wie will sie über fragwürdige Fabelrekorde sprechen? "Frei fühlen", sagt Drechsler, werde sie sich da nie ganz. "Ich bin schließlich nach wie vor ein Kind der DDR."Über ihre Homepage hat die 42-Jährige ein älteres Motto gestellt: "Der Traum vom Fliegen und das Gefühl, nicht loslassen zu können von dem, was man am besten kann, ist es, was mich nach über zwanzig Jahren noch immer in die Sandgrube springen lässt." Man wünscht auch Heike Drechsler einen Sport, der ihr beibringt, was Loslassen heißt. Und dass man dazu bereit sein muss. Vor dem Absprung.------------------------------"Ich bin schließlich nach wie vor ein Kind der DDR." Heike Drechsler------------------------------Foto: "Die Deutschen haben ihr nach dem Olympiasieg 2000 zugejubelt": Heike Drechsler (Foto) gewann im Alter von 35 Jahren in Sydney olympisches Gold im Weitsprung mit 6,99 Metern. Schon acht Jahre zuvor hatte sie in Barcelona gewonnen. Jetzt soll sie für die deutschen Leichtathleten in die Frauen-Kommission des Weltverbandes IAAF einziehen.