Für Heiko Herrlich hätte es eine tolle Sommerpause werden können. Schließlich hat er in der letzten Saison alles erreicht, wovon Elitekicker hierzulande träumen. Erst der Stammplatz bei Gladbach - beim Ex-Verein Leverkusen war für den 23jährigen zuvor mehr Frust als Lust angesagt -, dann die Leistungsexplosion. Soviel Tore wie der eher introvertierte Badenser erzielt ansonsten nur noch Bremens Skandalspieler Mario Basler.Ähnlich wie "Super-Mario" schaffte Herrlich den Sprung in die Stammformation des National-Teams. Zur Krönung dann noch das Törchen zum Pokalsieg über Wolfsburg - Fußballerherz, was willst du mehr?Doch statt sich nun genüßlich auf die faule Haut zu legen und sich von den diversen Sportgazetten feiern zu lassen, provoziert der Jungstar den Eklat der Liga: Obwohl noch bis Mitte '97 vertraglich an die Gladbacher gebunden, will Herrlich zum Meister nach Dortmund wechseln. Und das bitte schön! jetzt, sofort und gleich. Als die Vereinsoberen die Freigabe verweigern, wird Herrlich rabiat. Er kündigt mit sofortiger Wirkung, klagt beim Arbeitsgericht. Und droht, notfalls die ganze Karriere zu schmeißen: "Nie wieder spiele ich für Gladbach. Eher höre ich ganz mit dem Fußball auf und fange an zu studieren." Ein Geldgeier Es folgt eine Schlammschlacht, der schmutzigste Transfer der Ligageschichte nimmt seinen Lauf. Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Auf der einen Seite die neureichen "Millionarios" aus Dortmund, die aufgrund ihrer verletzungsbedingten Angriffsmisere - der Däne Fleming Poulsen ist mittlerweile Sportinvalide, die Dauerverletzten Stephane Chapuisat und Karl-Heinz Riedle stehen Trainer Ottmar Hitzfeld frühestens im Herbst wieder zur Verfügung - der halben Liga den Kopf verdrehen. Auf der anderen Seite der "Geldgeier" Heiko Herrlich, der den Hals nicht voll genug kriegen kann.Auch der unter Mithilfe des Deutschen Fußballbundes in der Nacht zum Donnerstag doch noch erzielte Transferkompromiß - der Stürmer spielt ab sofort für ein Jahresgehalt von 1,4 Millionen Mark für Dortmund, Gladbach erhält statt der ursprünglich auf 4,5 Millionen Mark fixierten Ablösesumme gut zehn Millionen -, ändert an dieser Einschätzung nichts.Im Gegenteil: In seltener Einmut sehen "Bild" und "FAZ", "Frankfurter Rundschau" und "Süddeutsche Zeitung" (Herrgottsacra, endlich san's mal nicht die Bayern, die die Liga aufkaufen!) eine der Grundfesten des deutschen Gemeinwesens in Gefahr: die Vertragstreue. Wo schließlich soll sie denn noch gelten, die Devise "Ein Mann, ein Wort", wenn nicht im Sport?Daß man auf ein Wort unter Sportsmännern bauen kann, daran indes hatte auch Heiko Herrlich lange Zeit geglaubt. "Vertraulich" hatte Herrlich seinen Manager Rolf Rüssmann noch vor dem Pokalfinale über das Angebot der Dortmunder unterrichtet. Und an eine mündliche Nebenabrede zu seinem Arbeitsvertrag erinnert, wonach er bei einem besseren Angebot jederzeit den Verein wechseln könne, wenn nur die Ablösesumme stimmt.Schlitzohr Rüssmann reagierte prompt. Dem abwanderungswilligen Stürmer offerierte er eine Erhöhung der Bezüge auf gut eine Million Mark, den Konkurrenten Borussia Dortmund machte er über die Medien madig: Es müsse endlich Schluß sein mit der "Wilderei" der Westfalen, Verträge seien dazu da, daß sie eingehalten werden. Herrlich bleibe in Gladbach, wenn er nicht spiele, notfalls auch auf der Tribüne, basta. Ein Trickser Ein gekonnter Befreiungsschlag des Ex-Verteidigers Rüssmann, der BVB und Heiko Herrlich waren öffentlich ins Abseits manövriert. Für Rüssmann nicht unwichtig, denn noch ist seine Hausmacht gegenüber dem ehrgeizigen Vereinspräsidenten Karl-Heinz Drygalsky nicht allzu gefestigt.Zwar ist ihm mit der Verpflichtung Stefan Effenbergs zu Beginn der letzten Saison ein spektakulärer Coup gelungen, doch mußte er dafür die Vereinsfinanzen bis zum äußersten strapazieren. Und bei einigen Verträgen mit anderen Spielern - wie zum Beispiel Heiko Herrlich, aber auch bei Holger Fach - ein wenig mit Nebenabsprachen tricksen. Doch das gehört für Manager wie ihn zum Handwerk. Letztlich zählt für Rüssmann ohnehin nur das, was schriftlich fixiert ist.Heiko Herrlich indes fühlt sich durch Rüssmanns Offensive nicht nur reingelegt, weil sich der Manager an die mündliche Nebenabsprache plötzlich nicht mehr erinnern konnte. Er sieht sich auch noch bloßgestellt. Als ob er den Dortmundern die Unwahrheit über seine Freigabe-Modalitäten erzählt hätte. Und Herrlich reagiert so, wie er immer reagiert, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt: Er dreht durch und schaltet auf stur.Für diejenigen, die Herrlich halbwegs kennen, nichts Neues. Berti Vogts: "Als wir ihn einmal nicht zur U 15 einluden, wollte Heiko die Schuhe an den Nagel hängen." Der damalige Jugendtrainer Vogts nahm sich die Zeit und redete mit dem Nachwuchs-Talent, überzeugte ihn zum Weitermachen. Der Nationalspieler weiß um seine Macke: "Ich war schon früher so." Als er sich in der Schule von einem Lehrer blamiert sah, rastete er aus. Die Folge: Strafarbeit. Herrlich: "Ich war mir keiner Schuld bewußt, konnte die Strafe nicht begreifen, bin regelrecht Amok gelaufen. Mein Vater mußte kommen, um mich wieder einzufangen." Ein Wilder Einen Grund für seinen Fanatismus sieht Herrlich im Glauben: "Ich interpretiere Christ-Sein auch so, daß es sich lohnt, um ein gegebenes Versprechen zu kämpfen." In seinen Leverkusener Anfängen nahm er es mit den christlichen Grundsätzen noch nicht ganz so genau, schlug sich des öfteren in Diskos bei Whisky-Cola die Nacht um die Ohren. Doch 1990 war damit Schluß. Da kam der brasilianische Ballkünstler Jorginho. Der zauberte nicht nur auf dem Rasen, sondern lud auch noch zum Bibelkreis. Mit Heiko Herrlich als Stammgast. Entsprechend renitent geriet denn auch mitunter Herrlichs Auftritt in der Bayer-Truppe.Das Buch der Bücher war auch in Gladbach Herrlichs ständiger Begleiter. Stürmer-Kollege Martin Dahlin: "Ein komischer Typ. Der sitzt auf dem Klo und liest die Bibel." Die eher bodenständigen Dortmunder werden sich an ihren neuen Schriftgelehrten erst noch gewöhnen müssen. Aber das ist ihnen die ganze Angelegenheit allemal wert, können sie im lukrativen internationalen Geschäft jetzt wider Erwarten doch noch mit einem gestandenen - und scheinbar treffsicheren - Stürmer aufwarten. Ein Unbelehrbarer Und bei dem Fingerspitzengefühl, das Trainer Hitzfeld im Umgang mit schwierigen Spielertypen - wie beispielsweise dem als Dauer-Mimose geltenden Andreas Möller - bislang bewiesen hat, dürfte auch der Transfer-Sonderling relativ glatt in das Star-Ensemble zu integrieren sein. Die wirklichen Probleme kommen später. Dann nämlich, wenn die wieder genesenen Stars Chapuisat und Riedle auf ihren Einsatz pochen. Dann wird's eng mit den Stammplätzen in der Dortmunder Millionentruppe. Und wehe, Heiko Herrlich sieht sich völlig zu Unrecht auf die Bank verbannt.Daß er auch künftig zu seinen Prinzipien steht, daran läßt Herrlich keinen Zweifel. Beim Transfer-Kompromiß in der Sportschule Hennef hat ihm der DFB eindringlich nahegelegt, seine Erklärungen über Rüssmanns angeblich gebrochenes Versprechen zurückzunehmen. Doch kaum zum ersten Training in Dortmund eingetroffen, legt Herrlich nach: "Es hat sich gelohnt. Vielleicht überlegen es sich manche ja jetzt vorher, ob sie ein Versprechen brechen."