Ein wenig klingt alles nach Ironie: Die Galerie in der Greifswalder Straße nennt sich "December", obwohl wir gerade hohen Sommer haben. Und die soeben begonnene Ausstellung trägt den sinnigen Titel "Wir sind alle Kosmonauten", wo das doch längst nicht mehr auf Russisch gesagt wird, sondern westlich korrekt Astronauten heißt. Was der Besucher ahnt, bestätigt sich in den Gemälden von Sven Reile aus Berlin, den Tuschzeichnungen der Chemnitzerin Marlen Melzow. Und den Videos der New Yorkerin Mariam Ghani, die aus Fenstern hinaus filmt, sogar aus dem Flugzeug - auf Wolken und Dächer fremder Städte - und so das Niemals-Ankommen im Überall-Sein anspricht.Es geht also um Wegfahren und doch nie Ankommen, um Expeditionen mit ungewissem Ausgang, um Heilsuche in fernen, fremden Welten. Bloß sind diese hier nicht kosmisch im Sinne des wissenschaftlichen Weltalls. Es geht, selbst noch im Flugzeug, ums ausgesprochen Irdische und seine universalen Mythen: um Traum und Desillusion, Liebe und Enttäuschung, Leidenschaft und Hass, Nähe und Ferne, Obsession und Kalkül. Mit den Grauzonen der Lust beschäftigt sich Sven Reile in seinen Bildern. Da ist Gewalt, im Bild "Rückkehr zum Mond" ist eine männliche nackte Figur gemalt wie unter Folter, Handgelenk und Kopf bedeckt mit weißer Farbe wie Binden. Eine schwarze Farbspur wirkt so, dass man sie als Geschoss durch die Brust deuten könnte. Oder als wuchtigen Pfeil wie in den alten Gemälden vom Martyrium des Heiligen Sebstian. Reiles Bilder stecken voller Hinweise und sind doch nicht eindeutig zu erschließen. Sie bedrücken irgendwie, denn der Betrachter ertappt sich als heimlicher, auch hilfloser Beobachter einer Welt, in der sich Gewalt und Sex vermischen. Im Dialog dazu zeigt Marlen Melzow ihre verknappt getuschten Serien mit Tier-Mensch-Wesen, die Körper, die gehörnten Köpfe in schier unmöglichen Verrenkungen. Melzow bezieht sich auf Henri Millers "Wendekreis des Steinbocks". Sie wollte zeichnerische Parallelen zu dessen autobiografischem Reifeweg in New York und Paris schaffen. Die rücksichtslose Zurschaustellung des Animalischen wirkt bei Melzow melancholisch - wie ein stummer Schrei nach Humanität.Galerie December, Greifswalder Str. 217, bis 30. 9. Di-So 15-20/24 Uhr.------------------------------Foto: Sven Reiles Malerei beschäftigt sich mit den Grauzonen der Lust.