Heimatmuseum arbeitete interne Akten einer ehemaligen Brotfabrik auf: Tresor enthielt die wahre Wittler-Geschichte

Eine Stunde arbeitete der Schlosser, dann ließ sich die acht Tonnen schwere Stahltür öffnen. Dahinter lagen 80 Jahre Firmengeschichte. Über Jahrzehnte hatten die Inhaber der Brotfabrik Wittler den 25 Quadratmeter großen Raum im Keller ihres Verwaltungsgebäudes an der Maxstraße als Archiv und Abstellkammer benutzt, Personalakten, Bilanzen und Briefe dort abgelegt. Um das zu erfahren, mußte der neue Hausbesitzer, die niederländische Immobilienfirma Birka Max, im August 1998 zum 100. Firmenjubiläum den Tresor aufbrechen lassen. Seit 1984, als Wittler in Konkurs ging, hatte niemand die Kammer betreten. Der Schlüssel war verlorengegangen, der Tresorcode vergessen.Gabriele Lang, Leiterin des Heimatmuseums Wedding, hat den Fund nun ausgewertet. An Abenden und Wochenenden blätterte sie in dem Keller Akten, Bücher und Ordner durch. "Eine Geschichte der Bürotechnik" habe sich vor ihr auf den Holzregalen gestapelt: In den zwanziger Jahren wurden die Bilanzen handschriftlich in dicke Bücher eingetragen. Später kamen Schreibmaschinen, ab 1977 gaben Computer Lochkarten aus.Interessanter als die Geschäftsberichte waren aber die Personalakten und die Ordner mit der Aufschrift "Interna". Seit Gabriele Lang die Dokumente gelesen und katalogisierte, hat die einst größte Brotfabrik Europas für sie "an Leben und Deutlichkeit gewonnen". 5 000 Tonnen Mehl wurden in den vierziger Jahren monatlich verarbeitet, Kutscher brachten die Brote zu 9 000 Verkaufsstellen in und um Berlin. Stück für Stück hat die Museums-Chefin aus den Ordnern eine inoffizielle Geschichte der Familie Wittler herausgelesen, die "das übliche harmonische Bild bröckeln läßt". Normalerweise sei immer davon die Rede, wie erfolgreich der Familienbetrieb war. Dabei sei es mit der Harmonie nicht weit hergewesen. Bislang galten zum Beispiel Heinrich und August Wittler beide als Firmengründer. Tatsächlich gründete August ein Konkurrenzunternehmen zu Heinrich Wittlers "Pumpernickel- und Schwarzbrot-Fabrik". Erst 1916 wurde aus beiden Betrieben die Gebrüder Wittler GmbH. "Und August verdrängte Heinrich auf Repräsentationsposten", sagt Lang. August war es auch, der 1938 in seinem Testament festlegte, daß keiner der Ehemänner seiner zwei Töchter Anspruch auf den Betrieb habe.Nie wieder war der Betrieb so erfolgreich wie vor 1945. "Die Wurst wird immer dicker, das Brot immer dünner", beklagte in den fünfziger Jahren Firmenchef Herbert Wittler die sich ändernden Essensgewohnheiten der Berliner. 1984 mußte er die Fabrik schließen. Bald wird im Tresorraum nichts mehr an den Brothersteller erinnern. Die wichtigsten Dokumente lagern künftig im Heimatmuseum Wedding.