In der Nacht der Landtagswahl in Thüringen, die FDP war gerade mit 1,1 Prozent zur Splitterpartei abgesunken, da stand für Guido Westerwelle der Schuldige schon fest. Der FDP-Landesvorsitzende und Spitzenkandidat Heinrich Arens habe mit seiner Aufforderung, die CDU zu wählen, das Debakel zu verantworten. "Die Karriere von Herrn Arens ist beendet", dekretierte der wütende FDP-Generalsekretär. Vielleicht hat Westerwelle sich da geirrt. Arens will auf einem Sonderparteitag am kommenden Sonnabend doch wieder für den Landesvorsitz kandidieren auf Vorschlag des Kreisverbandes Erfurt. "Die Basis hat immer zu mir gestanden", sagt der 58-Jährige. An seiner Wiederwahl besteht für ihn kein Zweifel.Anfang September, wenige Tage vor den Wahlen, hatte Arens die FDP-Wähler in Thüringen aufgefordert, ihre Zweitstimme dem CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel zu schenken. Dies begründete der FDP-Politiker mit der Gefahr einer SPD-PDS-Koalition im Erfurter Landtag. "Erst der Bürger, dann das Land, dann die Partei", argumentierte er und bezeichnete sich am Wahlabend sogar als "Mitsieger."Die Parteiführung in Berlin reagierte prompt. Ein Parteiausschlussverfahren wurde eingeleitet, auf der ersten Sitzung des Bundesvorstandes, in dem auch alle Landeschefs sitzen, wurde Arens aufgefordert, den Raum zu verlassen. Außerdem beschloss der Thüringer Parteivorstand, den Vorsitzenden für die Dauer des Verfahrens von seiner Funktion zu entbinden. Doch dagegen setzte Arens eine einstweilige Verfügung durch. Das Amtsgericht Erfurt entschied, dass der Politiker nur von einer Mitgliederversammlung abgewählt werden dürfe. Deshalb findet jetzt der Sonderparteitag statt, um Landesvorstand und Vorsitz neu zu wählen.Seit dem Urteil tut Heinrich Arens so, als sei nichts geschehen. "Natürlich bin ich noch im Bundesvorstand, mit Sitz und Stimme", sagt er. Auf dem Sonderparteitag am Wochenende will er ein Programm vorlegen, in dem er eine völlige Neustrukturierung der FDP fordert. "Basisdemokratischer" soll die Partei werden, mit "mehr Transparenz". Heinrich Arens kam 1990 aus Rheinland-Pfalz nach Thüringen. Der ausgebildete Rechtspfleger arbeitete als Dezernent in der Staatsanwaltschaft Gera, außerdem ist er Inhaber eines kleinen Betriebes. FDP-Mitglied ist Arens "seit Ewigkeiten", im März dieses Jahres wurde er überraschend zum Landesvorsitzenden gewählt. Gleichzeitung bestimmten die Delegierten Arens auch zum Spitzenkandidaten.Schon damals hatten die meisten Funktionäre den Seiteneinsteiger mit Misstrauen empfangen. Jetzt, da er den gesamten Landesvorstand gegen sich hat, fühlt sich Arens erst recht in der Rolle des Underdog. "Parteigremien", sagt er, "interessieren mich nicht." Für ihn zählten nur die aufmunternden Briefe, die er angeblich "säckeweise" erhalte. Zudem sei er ja von den einfachen Erfurter FDP-Mitgliedern zur Wiederwahl vorgeschlagen worden.Knapp die Hälfte der 137 Mitglieder des Kreisverbandes der Landeshauptstadt hatte sich an einer Briefwahl beteiligt. Genau 37 stimmten für Arens, 19 sprachen sich für den stellvertretenden Landesvorsitzenden Oliver Möller aus, der auch dem Erfurter Verband angehört. Das Ergebnis habe ihn "geschockt", sagt Möller. Noch im September war er als Nachfolger von Arens gehandelt worden. Zurzeit überlegt der 27-Jährige, ob er überhaupt kandidieren soll. Möller ist zwar der Meinung, dass "Arens uns im Grundsatz verraten hat" glaubt aber jetzt, dass der Landesvorsitzende damals "das Richtige" wollte.In der Bundesführung herrscht Ratlosigkeit über die Thüringer Vorgänge. "Warum ein FDP-Kreisverband einen Mann vorschlägt, der zur Wahl der Union aufruft, kann ich nicht erklären", sagt die stellvertretende Bundesvorsitzende Cornelia Pieper. Mit seiner Wahlaussage habe sich Arens doch eindeutig "parteischädigend und moralisch unkorrekt" verhalten. In dieser Woche hat der Thüringer FDP-Vorstand vor dem Erfurter Landgericht Berufung gegen jenes Urteil eingelegt, das Arens in seinem Amt bestätigte. Der Landeschef gibt sich unbeeindruckt: "Nach meiner Wiederwahl wird keiner mehr wagen, mich gegen den Willen der Basis zu feuern.""Ich werde auf dem Parteitag kämpfen, kämpfen, kämpfen. Das einfache FDP- Mitglied ist mir wichtiger als irgendein Parteifunktionär. " Heinrich Arens

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