FRANKFURT A.M., im Dezember. "Ich kann das nicht glauben" oder "So etwas kann ich nicht nachvollziehen": Immer wieder hatte Richter Heinrich Gehrke sein Missfallen geäußert, immer wieder sein Unverständnis über die Angeklagte. Dass er sie verurteilten wird, davon sind die meisten Prozessbeobachter überzeugt. Monika Böttcher ist seit dem 2. September 1999 zum dritten Mal angeklagt, ihre Töchter Melanie und Karola Weimar am 4. August 1986 erstickt beziehungsweise erwürgt zu haben. Es ist jedoch nicht die Last der Beweise, es ist die im Gerichtssaal greifbare Überzeugung des Richters von der Schuld der Angeklagten, die gar keine andere Deutung zulässt. Ein Freispruch Böttchers wäre sehr überraschend. Ganz gewöhnlicher FallHeinrich Gehrke ist der Vorsitzende, der auch den Pleitier Jürgen Schneider hinter Gitter brachte. Schneiders unbezahlte Rechnungen ließen sich rasch zusammenzählen, die Beweise für Schuld am Tod zweier Kinder zu finden, ist ungleich schwerer. Trotzdem gab Gehrke gleich zu Beginn die Richtung vor. "Das ist ein ganz gewöhnlicher Fall", verkündete er. In den Ohren mancher Zuhörer klang das, als wollte er damit sagen, die Sachlage sei gar nicht so verwickelt.Der Richter zeigte sich an der Person der Angeklagten herzlich wenig interessiert; ihre Welt blieb ihm verschlossen, an Ambivalenzen in Böttchers Gefühlen zu ihrem Ehemann wollte er nicht glauben. "Entweder Mann oder Freund. Sie können nicht wegfahren und gleichzeitig hier bleiben wollen", belehrte er die Angeklagte, als sie von ihrer emotionalen Zerrissenheit erzählte. Das Verhalten der Frau nach dem Tod der Kinder, wie es die 41-jährige schildert, empörten ihn: "Sie kommen in der Nacht nach Hause. Sie sehen zu Ihrem Entsetzen: Beide Kinder sind offenbar tot. Jeder hätte jetzt einen Schrei erwartet, ein Herbeirufen der Verwandtschaft: Helft mir, der Reinhard hat etwas Schreckliches gemacht! Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie nichts von dem gemacht?" Die Antwort überrascht ihn dann schon nicht mehr. "Nein", haucht die Angeklagte. Auch die psychologische Sachverständige Elisabeth Müller-Luckmann muss sich vom Richter belehren lassen. Als sie bedauert, über Reinhard Weimar, Monika Böttchers Ex-Ehemann, nur "schmale Erkenntnisse" zu haben, sagt Gehrke, das sei gar nicht nötig. "Wenn ich was anderes nicht wissen will, dann will ich das eben nicht wissen." Warum Monika Böttcher ihre Kinder ermordet haben soll, dieses Motiv konnte auch Gehrke nicht aufhellen. Melanie und Karola hätten ihrer neuen Beziehung zu dem US-Soldaten Kevin Pratt nicht im Wege gestanden, beteuerte die Angeklagte. Ihr Ex-Liebhaber Pratt hatte das im zweiten Gießener Prozess bestätigt. In Frankfurt wollte ihn Gehrke gar nicht hören. Wie er auch alle anderen Zeugen als nicht wichtig einstufte, die angaben, Reinhard Weimar hätte ihnen gegenüber die Tat gestanden. Der Vater von Melanie und Karola, Nebenkläger in dem Verfahren, blieb dem Prozess komplett entzogen. Er war von einem Amtsarzt für vernehmungsunfähig erklärt worden; der Gutachter, der über seine psychische Krankheit Auskunft geben sollte, musste das auf Grund unvollständiger Krankenakten tun.Auch mit der Bewertung von vier Zeugen, die die Kinder noch am Vormittag des 4. August 1986 gesehen haben wollen und Böttcher damit belasten, blieb Gehrke in der Spur der ersten beiden Verfahren. Den von der Verteidigung vorgeschlagenen Psychologen Max Steller, der in einem vorläufigen Gutachten deren Aussagen als "nicht verlässlich" bezeichnet hatte, wollte er sich nicht zumuten. Einen anderen Zugang zu dem Fall hat Gehrke damit nicht gefunden. Vielleicht hat er ihn auch gar nicht mehr gesucht, als er spürte, dass kein Geständnis zu erwarten war. Es genügte ihm, die Unstimmigkeiten in den Aussagen Böttchers festzuhalten. Und davon gibt es viele. So viele, wie es Zweifel an ihrer Täterschaft gibt. Die Wahrheit über den Tod zweier Mädchen liegt weiter hinter einem Vorhang aus Lügen, Scham und Schuld verborgen.

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