GERA, im Dezember. Durchlaucht sind bei Laune. Als der schmale, asketisch wirkende Heinrich XIII. Prinz Reuß sich auf dem Parkplatz neben dem Geraer Theater aus seiner schweren Limousine schwingt, betrachtet er das Gebäude mit Wohlgefallen. "Die Reußen das war eine Kultur, klein aber fein", sagt er pathetisch. "Zuckmayer hat für unser Theater hier geschrieben, Quadflieg und Minetti waren mit meinem Großvater befreundet. Für sie wurde dieses Haus zum Sprungbrett in große Karrieren."Das kostbare Jugendstilkleinod ist in keinem guten baulichen Zustand. Das macht dem Nachfahren feudalistischer Revolutionäre Sorgen. 1918, als die Novemberrevolution durch Deutschland fegte, hatten sich Ostthüringens Blaublütige ein letztes Mal aufgebäumt gegen die neue Zeit. Sie gründeten ihren Freistaat Reuß, der das Gebiet von Altenburg bis Schleiz, von Bad Zeulenroda bis Greiz umfaßte, und ernannten Gera zur Landeshauptstadt. Die kuriose Staatenbildung hielt bis Mai 1920, dann mußten die Reichsfürsten nach salischem Recht abtreten, das Fürstentum wurde Thüringen zugeschlagen. Vorbei war es mit Reußens Gloria. "Aber wir haben eine Ladung großer Geschichte auf unseren Schultern", sagt der Prinz. "Wir sind nach der Wende sofort zurückgekehrt, meine Mutter hat sich 1990 wieder hier angesiedelt. Wir haben geholfen, wo wir konnten, auch Gutes getan und nicht darüber geredet. Das wurde damals gern angenommen. Heute weht der Wind anders."Multiunternehmer aus FrankfurtWenn die Rede auf Geras parteilosen Oberbürgermeister Ralf Rauch kommt, bekommt der Prinz einen Strichmund, als gelte es, einen Insurgenten zu züchtigen. "Was dieser Mann nicht versteht, ist: Eigentum verpflichtet!" belfert er. "Geht es nach Rauch, wird die Stadt sich an uns bereichern. Unsere Rechte werden mit Füßen getreten."Prinz Reuß, Multiunternehmer mit Sitz Frankfurt am Main Immobilienhandel, Projektentwicklungsgesellschaften, Sektproduktion, Kunstgüterverwaltung , ist sauer. Der Streit um das 1902 eingeweihte Geraer Theater droht zu eskalieren. 1990 hat das Fürstentum Reuß, das 700 Jahre lang die Geschicke der Region bestimmte, 1945 vertrieben und danach enteignet worden war, seine vermögensrechtlichen Ansprüche geltend gemacht. Die aus fünf großen Familien bestehende Sippe will ihre Geraer Stadthäuser, die vier Schlösser, den umfänglichen Forst- und Landwirtschaftsbesitz sowie das Geraer Jugendstil-Theater zurück. Einen Teil der ererbten, aber von der DDR enterbten beweglichen Schätze erhielt das Geschlecht Anfang 1998, nachdem man sich gütlich mit der Stadt Gera geeinigt hatte. Das Auktionshaus Christie s brachte daraufhin 700 erlesene Antiquitäten, Bilder und andere Kunstgegenstände unter den Hammer. Geschätzter Erlös: 3,5 Millionen Mark.Anerkennung bei den "Geerschern" brachte den Reußen, daß sie 305 Einzelstücke als Dauerleihgabe an städtische Museen gaben. "Wir wollen hier kein Geld rausholen", sagt der Prinz als Sprecher des Hauses. Uns geht es um die Vergangenheit, um die Wiederherstellung unserer Familienehre."Der agile Erbverwalter zupft an der Krawatte. "Verdammt, wir wollen der Kultur helfen. Gera braucht ein reges kulturelles Leben, und darum steht es derzeit nicht zum besten. Alles, was wir verlangen, ist, was das Theater betrifft, eine Grundbuchberichtigung."Vor hundert Jahren gehörte Gera mit seiner blühenden Textilwirtschaft zu den zehn reichsten deutschen Städten. Bürgerschaft und Adel wollten einen prachtvollen Theaterbau für die thüringische Residenz. Die Fürstliche Kammer öffnete die aristokratische Schatulle und gewann den damaligen Stararchitekten für Theaterbauten, Heinrich Seeling aus Berlin. Für 1 102 837 Goldmark errichtete er einen technisch hochmodernen Musentempel mit Rangtheater, Konzertsaal und prunkvollen Deckengemälden, einheitlich als Jugendstilbau konzipiert. Die Fürsten übernahmen auch den Großteil der Unterhaltskosten. Noch in der Nazizeit pflegte der Großvater seine Passion. "Er liebte das Moderne und ließ Stücke von Brecht aufführen. Berlin hat getobt!"Das Haus ist dringend sanierungsbedürftig. "Es gibt einen Reparaturstau von 12 bis 13 Millionen Mark", sagt der Prinz. Wie viele Bühnen ist auch die aus einer Fusion mit dem benachbarten Altenburg hervorgegangene Theater GmbH von Etatsorgen geplagt. "Wenn man uns die Immobilie überschreibt, würden wir als Eigentümer keine Miete verlangen und dafür sorgen, daß der Theaterbetrieb weitergeht", lockt der Prinz. "Das Haus macht 15 Millionen Miese pro Jahr. Lange kann das von der Stadt nicht mehr getragen werden man wird das Theater schließen. Dann bleibt die Immobilie, und die wird verkauft, denn der Stadtsäckel ist leer. Das ist nicht im Sinne des Theatergründers. Mein Urgroßvater hat testamentarisch festgelegt, daß für den Fall, der Theaterbetrieb wird eingestellt, das Haus wieder der Familie zufällt. Das liegt schwarz auf weiß vor."Hinweis auf die TraditionWill er wirklich nur den Grundbucheintrag? "Na ja, ein bißchen mitreden möchten wir schon. Das Haus sollte wieder seinen alten Namen tragen, Reußisches Theater. Der Hinweis auf die Tradition macht Sinn. Und eine Stiftung sollte gegründet werden, damit das Haus unterhalten werden kann."Oberbürgermeister Rauch erklärt, er werde gegen das Ansinnen des Herrscherhauses gerichtlich vorgehen. "Ich sehe keine Chance mehr auf eine gütliche Einigung mit den Reuß-Erben", sagt er. Im Mai habe er mit dem Prinzen Reuß ein letztes Mal eine Lösung diskutiert. Die hätte in einem zwischen dem fürstlichen Erbe und der Stadt auszuhandelnden Pachtvertrag bestanden."Wir haben uns nicht einigen können", erinnert sich Rauch. "Nun ist die Sache als Verfahren anhängig, hat sich verselbständigt, Rechtsanwälte sind im Spiel. Der Prinz hat das Klima zerstört. Ich selbst habe während einer Gala erlebt, wie er unseren Ministerpräsidenten Bernhard Vogel zwei Stunden lang in die Zange nahm, bis der sagte: ,Prinz, wenn Sie nicht sofort aufhören, verlasse ich den Saal. Prinz Reuß ist stillos, er versucht es mit der Überrumpelungsmethode. Ich bedaure, daß seine Mutter, Prinzessin Woizlawa, wohl keinen Einfluß mehr auf ihn hat."Auch die Gesellschaft der Theater- und Konzertfreunde Gera habe empört reagiert, berichtet Rauch. "Ich gehe davon aus, daß das Amt für vermögensrechtliche Fragen dem Prinzen einen abschlägigen Bescheid erteilen wird."Prinz Reuß betrachtet Rauchs Haltung als Wortbruch. "Er hat mir interne Zusagen gegeben, jetzt mobbt er. Rauch ist kein verläßlicher Partner. Ich Dummkopf habe ihm vertraut und geglaubt, Politiker im Osten seien anders." Aus der Sicht des Prinzen ist er der Stadt entgegengekommen, hat bürgerschaftlich gehandelt, wollte etwas aufbauen. "Noch vor drei Wochen haben wir einen Teil der Exponate ins Stadtmuseum gegeben, darunter ein auf unsere Kosten restauriertes Lackkabinett. Und dann, gleichsam als Antwort, so was."Getroffen hat ihn vor allem die Ablehnung der Stadt, den Särgen Heinrich Posthumus von Reuß-Gera (1595 1635) und seiner Familie einen angemessenen Aufenthaltsort zu verschaffen. Posthumus ist die humanistische Visitenkarte der Reußen, von denen nur wenige Regierende durch individuelle Leistungen herausragten. Posthumus aber förderte Kirchen und Schulen, Rechtspflege, innere Verwaltung und Bürgertum. Seine Staatsführung im lutherischen Sinne strahlte auf andere thüringische Höfe aus. Sein Sohn Heinrich II. war ein Freund des Pietisten August Herrmann Francke in Halle und kümmerte sich darum, daß alle jüngsten Untertanen auf die Schulbank gelangten. In dieser Zeit siedelte sich in Ebersdorf eine Herrnhuter Brüdergemeine an. Ein stolzes Geschichtskapitel. "Vergessen", sagt der Prinz. Traurig.Die Kommunikation liegt brachEr bot der Stadt an, eine Posthumus-Stiftung zu gründen, die sich um die Pflege der Sargstätte kümmert. Jeder sollte mit 3 000 Mark Stiftungskapital hineingehen. "Wissen Sie, was Apparatschik mir gesagt hat? ,3 000 Mark, das kriege ich nie durch den Haushalt. Und damit war das Thema für ihn abgehakt. Darf man so mit Geschichte umgehen? Damit hat der OB die Stadt Gera, nebenbei gesagt, auch um ein touristisches Highlight gebracht." Die Kommunikation liegt brach. Genau ist nicht zu klären, woran das liegt. Persönliche Animositäten? Die Kollision zweier Welten? Oder vielleicht war es nur die falsche Wortwahl, die beide gegeneinander aufbrachte?Abendessen im Dorint Hotel Gera. Direktor Jörg Tempel lobt das Engagement der Prinzenfamilie, "vor allem für den Museumsstandort Gera", würdigt er die Prinzenmutter, "die sich hier hat einbinden lassen, damit hat sie ein Zeichen gesetzt". Viele Geraer seien mit dem Fürstengeschlecht verwurzelt. "Es ist unsere Geschichte hier. Ich kenne alte Leute, die haben noch am Hofe gearbeitet und sind stolz darauf", sagt Tempel. Der Prinz entspannt sich sichtlich, bestellt noch ein Köstritzer Schwarzbier.Prinzessin Woizlawa erwartet von ihrem Sohn Heinrich XIII. die Rückkehr nach Thüringen. Doch der ist zögerlicher als je zuvor. Weiß nicht, ob seine beiden Kinder in Gera zurechtkämen, weiß aber, daß seine Frau, eine Iranerin, "hier eingehen würde wie eine Primel". Gleich nach dem Abendessen bricht der Prinz zur Heimfahrt auf, schlägt das Übernachtungsangebot des Hoteldirektors aus. Das sieht nach Flucht aus.

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