POTSDAM. Ingrid Rabe verteilt vor dem Saal 1 des Landessozialgerichts in der Potsdamer Zeppelinstraße Protestzettel. "Es ist eine Schande, dass Heinz Barth über Jahre eine Opferentschädigungsrente bekommen hat und es hier auch noch für rechtens befunden wurde", sagt die 84-Jährige. Ingrid Rabe ist für die Lagergemeinschaft des ehemaligen KZ Ravensbrück nach Potsdam gekommen. Sie frage sich, wie dieser Kriegsverbrecher eine Opferrente beanspruchen könne. "Zwangsarbeiter aus der Nazizeit haben bis heute noch keinen Pfennig erhalten. Wer weiß, ob sie zu Lebzeiten noch eine Entschädigung bekommen", sagt die Rentnerin. Ingrid Rabe würde Barth gern ihre Empörung ins Gesicht schreien, sagt sie. Doch der Mann aus Gransee (Oberhavel), der als "Mörder von Oradour" in die Geschichtsbücher eingegangen ist, ist nicht zum Gerichtstermin erschienen. Trotz richterlicher Anordnung. "Er hat ein Attest geschickt. Er ist krank. Immerhin verlor er im Krieg ein Bein, sein einer Arm ist durch eine Kriegsverletzung steif. Er hat Diabetes, Bluthochdruck und Augenprobleme", sagt der Sprecher des Sozialgerichts, Johann Müller-Gazurek.Heinz Barth hat gegen das Versorgungsamt geklagt, weil ihm 1996 auf Grund seiner Verbrechen in der Nazizeit seine Kriegsopferrente entzogen worden war. Und er hat an diesem Mittwoch einen Teilsieg errungen. Auf den Tag genau 17 Jahre, nachdem er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der DDR zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er soll unter anderem 1944 als SS-Offizier am Massaker im französischen Oradour beteiligt gewesen sein. Damals hatte die SS 642 Dorfbewohner getötet.Barth darf seine zwischen 1991 und Februar 1998 bezogene Kriegsopferrente von zuletzt 800 Mark im Monat, die er laut Gericht zusätzlich zu seinen 2 300 Mark Altersrente bezog, behalten. So lautet die Entscheidung von Richterin Katharina Jung nach vierstündiger Verhandlung. Es habe für diese Zeit im Bundesversorgungsgesetz keine rechtliche Grundlage gegeben, dem Mann die Zusatzrente zu streichen, sagt sie. Das habe das von Heinz Barth verklagte Versorgungsamt unrechtmäßig getan. Seit zwei Jahren müsse der 79-Jährige auf diese Leistung verzichten, so das Urteil. Im März 1998 war - angeregt durch die Diskussionen um die Opferrente des verurteilten Kriegsverbrechers Heinz Barth - in das Gesetz ein entsprechender Artikel aufgenommen worden. Demnach konnten ab diesem Zeitpunkt Kriegsopferrenten bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Rechtstaatlichkeit gestrichen werden.Mit dem Urteil ist das Gericht auch nur teilweise den Anträgen von Barths Anwalt Karl-Heinz Christoph nachgekommen. Er hatte auch die Weiterzahlung der Kriegsopferrente gefordert. "Mein Mandant hat seine Strafe abgesessen und seine Taten auch bereut. Es ist unbestritten, wie grausam es war, was in Oradour geschehen ist", sagt Christoph. Barth könne aber dafür nicht zweimal bestraft werden.Darum habe er auch beantragt, dass das Verfahren ausgesetzt und dem Verfassungsgericht vorgelegt werde. Das wurde abgelehnt. "Es müssen Beweise darüber erbracht werden, ob mein Mandant für einen Verstoß gegen die Menschlichkeit im Sinne des Versorgungsgesetzes verantwortlich ist", sagt der Anwalt. Der Prozess gegen Barth zu DDR-Zeiten sei ein Schauprozess gewesen. Christoph ist überzeugt: Hätte sein Mandant damals in der Bundesrepublik gelebt, wäre er nie verurteilt worden und würde heute diskussionslos eine Kriegsopferrente beziehen. "Weder ein einstiger Vorgesetzter meines Mandanten noch ein Richter sind jemals für ihre Taten in der Nazizeit verurteilt worden", sagt der Anwalt. Zudem müsste geklärt werden, was damals wirklich in Oradour geschehen sei. "Die Akten zu dem Massaker sind noch bis 2004 verschlossen", sagt Christoph. "Eigenartig ist doch, dass selbst in Frankreich Beteiligte an dem Verbrechen in Oradour zwar verurteilt, aber nur drei Tage später von der Nationalversammlung begnadigt worden sind."ULLSTEIN"Unrecht ist, jemanden für ein Verbrechen zweimal zu bestrafen. " Anwalt Christoph