BERLIN, im März. Am liebsten bindet er sich Krawatten mit Tiermustern um. Kleine Walfische auf gelbem Grund. Kleine Pinguine auf Hellbeige. Kleine Flusspferde auf Rot. Heinz Buschkowsky mag das, es ist lustig gemeint. Er trägt eine große Brille mit goldfarbenen Bügeln. Beim Zuhören kneift er die Augen zu. Er isst gerne, er berlinert. "Nüscht Neuet", sagt er, wenn er nichts Neues meint.Auf der Internetseite des Berliner Bezirks Neukölln stehen die "Politischen Lebensdaten" des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky. Geboren am 31. Juli 1948, verheiratet, Mitglied der SPD, Diplom-Verwaltungswirt. "Wohnhaft seit Geburt in Neukölln" steht dort, ganz oben. Das ist ihm wichtig. "Ich spiele in der Bezirksliga", sagt Heinz Buschkowsky.Inzwischen ist das eine Untertreibung. Seit Monaten schon spielt Buschkowsky nicht nur in seinem Bezirk eine Rolle, in Neukölln, 30 0000 Einwohner, davon fast 10 0000 Ausländer, davon fast vierzig Prozent arbeitslos. Seit Wochen gibt Buschkowsky ein Interview nach dem anderen. Es geht um Neukölln und die Schwierigkeiten mit der Integration von Ausländern. Wenn er sich zu diesem Thema mit Journalisten trifft, dann nicht nur in seinem Büro im Rathaus. Er hat noch eine Art Außenstelle im Bezirk: das Café Götterspeise. Es ist das Café der kleinen Neuköllner Opernbühne, direkt an der Karl-Marx-Straße. Das Café Götterspeise mit seinen lederbespannten Sitzbänken, den quadratischen Holztischen, dem Flügel auf der Kleinkunst-Bühne könnte so auch in den schicken Szenestraßen von Berlin-Mitte stehen. Doch es steht mitten im Neuköllner Kiez. Dort, wo die Probleme sind, um die es Heinz Buschkowsky geht. Der Bürgermeister bestellt an diesem Abend einen Salat mit Fleischstreifen, rührt in seinem Café Latte herum und erzählt. Er will eine "fordernde Integrationspolitik", sagt er. Heute trägt er seine Walfisch-Krawatte.Mit seinen Thesen hat es Buschkowsky über die Lokalteile der Hauptstadtzeitungen längst hinaus geschafft. Er stand in der Frankfurter Allgemeinen, im Focus, in Spiegel Online, in der Stuttgarter Zeitung, der Hannoverschen Allgemeinen, der Südwest-Presse, im Schwarzwälder Boten. Aus Österreich waren schon Journalisten da, auch in der Schweiz gab es Berichte. Dreißig, vierzig Interviews dürften es bisher gewesen sein, schätzt der Bürgermeister, immer noch kommen Belegexemplare per Post ins Rathaus von Neukölln. Auch im Fernsehen war er längst; nicht nur im Regionalsender RBB, er war bei Maybritt Illner im ZDF. Heinz Buschkowsky hat in all diesen Interviews stets das Gleiche gesagt. Oft mit den gleichen Worten, den gleichen Zahlen, den gleichen Beispielen. In den Überschriften stand meist das Zitat: "Multikulti ist gescheitert". Die Daten dazu hat Buschkowsky, in dessen Bezirk Menschen aus 163 Nationen leben, immer parat: siebzig Prozent der Neuköllner Schüler haben höchstens den Hauptschul-Abschluss, dreißig Prozent haben gar keinen. Im Norden Neuköllns, im alten Rixdorf, wo der Ausländeranteil bei vierzig Prozent liegt, lebt jeder Dritte unterhalb der Armutsgrenze. 95 Prozent der ausländischen Jugendlichen haben keinen Ausbildungsplatz. Achtzig Prozent der jugendlichen Straftäter sind Ausländer. Von 29 jungen Intensivtätern im Bezirk sind 27 nicht deutsch.Buschkowsky spricht von Parallelgesellschaften. Von arabischen Großclans, die von organisierter Kriminalität leben. Von jungen Türken, die kein Deutsch können und auch nicht lernen müssen, weil sie unter sich bleiben. Davon, dass immer mehr junge Musliminnen wieder Kopftücher tragen. Von obskuren islamischen Vereinen mit nur ein paar Dutzend Mitgliedern, die aber über Millionensummen verfügen, wer weiß woher. Von Jugendlichen ohne Geld, Job, Perspektive, die zu Räubern, Schlägern, Drogenhändlern werden. Er spricht davon, dass Tausende angesichts dieser Zustände aus Neukölln wegziehen. Dass hier in fünfzehn Jahren "unregierbare Gebiete" drohen, wenn nichts unternommen wird.Buschkowsky sagt auch, wer seiner Meinung nach Schuld ist an der ganzen Lage. Es sind die Gutmenschen. Mehr noch, es ist die "Mafia der Gutmenschen", wie er den deutsch-türkischen Schriftsteller Zafer Senocak gern zitiert. Die sozialromantischen Multikulti-Träumer, die netten Ausländerbeauftragten, die schon immer wortreiche Seminare über Fremdenfeindlichkeit abhielten und über zwei, drei Jahrzehnte die wachsenden Probleme nicht wahrhaben wollten. "Ich will das Wegschauen beenden", sagt Buschkowsky.Mit den Gutmenschen sitzt er manchmal zusammen auf Podien. Mit Berlins Ausländerbeauftragten Günter Piening zum Beispiel, der sich seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren nicht Ausländer-, sondern "Integrations- und Migrationsbeauftragter" nennt. Piening, mit 54 nur wenig jünger als Buschkowsky, ein Grüner, beherrscht das Vokabular der politischen Korrektheit virtuos. Er beklagt die fortschreitende "Marginalisierung" von "Menschen mit Migrationshintergrund", er warnt vor der "Ethnisierung sozialer Konflikte". Piening will die "ethnisch-kulturellen Milieus" einbeziehen, durch Projekte, Sozialarbeit, durch mehr "interkulturelle Kompetenz von Verwaltungen". Buschkowsky spricht von Schulklassen mit hundert Prozent Ausländerkindern, in denen es nichts mehr zu integrieren gibt. Alarmismus nennt Piening so etwas; man müsse die positiven Seiten sehen, die guten Ansätze, die Chancen. Wirklichkeitsverweigerung nennt es Buschkowsky. "Es muss Menschen geben, die sehen, was vor Ort wirklich los ist", sagt er. "Menschen wie mich."Seinen Bezirk hat Buschkowsky nie verlassen, in 56 Lebensjahren nicht. Er stammt aus dem südlichen Teil und wohnt dort noch, im "kleinbürgerlichen Buckow", wie er sagt. Den Wandel in Neukölln in den vergangenen Jahrzehnten hat er miterlebt. Es gab auch einmal ein "Neukölln des Aufstiegs", sagt Buschkowsky: In den 70er Jahren herrschte hier Vollbeschäftigung, selbst unter den Gastarbeitern, wie sie damals noch hießen. Integration war kein Thema, es waren ja Gäste, die wieder gehen würden. Sie sollten arbeiten, schweigen und in ihre Heimat zurückkehren. Doch sie blieben - und lange dachte keiner darüber nach, was das bedeuten könnte. Dann kam die Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit. "Wir nähern uns wieder dem Neukölln der Gründerzeit, dem Standort der Armen", sagt der Bürgermeister. "Das geht wieder in Richtung Zilles Milljöh." Jetzt ist es Mehmets Milieu.Buschkowsky ist ein Sozialdemokrat, der eine linke Idee für gescheitert erklärt. Er ist ein Bürgermeister, der die hässlichen Seiten seiner Kommune hervorhebt. Und er ist ein Politiker, der die Politik für die Lage verantwortlich macht.Als er vor sechs Jahren Bürgermeister werden wollte, da erklärte der Jugendstadtrat Buschkowsky, in Neukölln dürften keine "Nebenwelten" entstehen. Er hätte auch Parallelgesellschaften sagen können, aber das Wort war noch nicht so geläufig. Als er vor vier Jahren wirklich Bürgermeister wurde, da sagte er, Neukölln brauche mehr Geld für die Integration von Ausländern. Integration bedeute erst einmal: Deutsch lernen. Und zwar schon im Kindergarten. Das sagt Buschkowsky heute noch. Als er vor zwei Jahren warnte, die Lage in Nord-Neukölln sei "katastrophal", der soziale Frieden gefährdet, da bat ihn keiner zum Interview. Und als die Berliner Polizei vor einem Jahr "Problemkieze" der Hauptstadt ausrief, natürlich auch in Neukölln, da beklagte der Bürgermeister einmal mehr den "sozialen Sprengstoff" im Bezirk, forderte er einmal mehr die Sprachprobleme anzugehen, schlug er einmal mehr vor, in den Armutsgebieten auf KitaGebühren zu verzichten. "Wenn hier nicht Maßnahmen der Politik greifen, wird das in wenigen Jahren ein völlig unregierbares Gebiet sein", sagte er. Immer das Gleiche, Jahr für Jahr, nüscht Neuet. Es hörte keiner hin. Buschkowsky war uninteressant. Ein Kommunalpolitiker. Ein kleines Licht.Berühmt wurde er erst im vergangenen November, kurz nachdem in Holland der Filmemacher und Islamkritiker Theo van Gogh von einem Islamisten ermordet worden war. Heinz Buschkowsky diktierte in die Blöcke von Journalisten, dass die Niederlande und Deutschland sich in nichts unterscheiden. Plötzlich lag Amsterdam neben Neukölln. Jeder konnte unwidersprochen schreiben, dass ein fundamentalistischer Mord wie in Holland auch hier möglich sei. Eben das hatte Buschkowsky gemeint. "Zu jedem Thema gehört eine gesellschaftliche Situation, in der es sich durchsetzen kann", sagt er heute. Der Mord an van Gogh sei so ein Fanal gewesen. "Da hat sich das Bewusstsein geändert."Vor ein paar Tagen machte Buschkowsky dann einen Fehler. Vielleicht war alles zu viel geworden, vielleicht hatte er ein bisschen den Überblick verloren. Unter all den Interviewanfragen im Rathaus war auch eine der Wochenzeitung "Junge Freiheit". Der Redakteur bat um ein Gespräch zum Thema Integration. Buschkowsky ließ nachfragen, was für eine Zeitung denn die Junge Freiheit sei. Eine "konservative Wochenzeitung", war die Antwort. Man habe auch schon Interviews mit Egon Bahr, Peter Glotz, Ephraim Kishon und anderen geführt - was stimmt. Buschkowsky war zufrieden und sagte auch diesmal, was er immer sagt: Multikulti gescheitert, Gutmenschen schuld, Migranten gefordert. Mehr Geld, mehr Deutsch, kostenlose Kitas für Neukölln. Nichts Neues.Doch der Bürgermeister hatte sich nicht richtig informiert. Denn die Junge Freiheit gilt unter Linken als eine Art Kampfblatt des Salonfaschismus. Im nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzbericht - allerdings auch nur dort - wird die Zeitung seit ein paar Jahren dem Rechtsextremismus zugerechnet: "um Intellektualisierung bemüht", gleichwohl "antiliberal, antidemokratisch, revisionistisch und nationalistisch". Kaum war das Interview veröffentlicht - Überschrift, wie sonst: "Multikulti ist gescheitert" - brach es über Buschkowsky herein. Sein Parteichef rügte ihn, die Landesverbände von Grünen und PDS, später die Jusos, forderten Konsequenzen. Ausgerechnet die Neuköllner CDU verlangte gar seinen Rücktritt - offenbar in erfolgreicher Verdrängung der Tatsache, dass gerade CDU-Politiker von Michel Friedman über Wolfgang Böhmer, Peter Harry Carstensen, Jörg Schönbohm bis zu Laurenz Meyer der Jungen Freiheit immer wieder Interviews gaben.Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass Buschkowsky in Bedrängnis geriet. Vor den Bezirksverordneten im Rathaus verlas er im Tonfall des Büßers eine Erklärung und beteuerte, nichts von der umstrittenen Ausrichtung der Jungen Freiheit gewusst zu haben. Er lobte die "belebenden und befruchtenden Elemente" der Zuwanderung, er pries die "unzähligen Beweise gelungener Integration", er verwarf die "einfachen Rezepte rechter Rattenfänger" und plädierte für einen "sicher auch manchmal quälenden und anstrengenden Diskurs".Seine Sprache war das nicht. Der Text war mit den Grünen und der PDS im Bezirk Wort für Wort abgesprochen. Für einen kurzen Moment war Heinz Buschkowsky also zum Gutmenschen geworden. Damit er weitermachen kann.------------------------------"Es muss Menschen geben, die sehen, was vor Ort wirklich los ist. Menschen wie mich."Heinz Buschkowsky------------------------------Foto: Buschkowsky lebt seit 56 Jahren in Berlin-Neukölln. Er sah, wie sich der Bezirk veränderte. "Multikulti ist gescheitert", sagt der SPD-Politiker heute.