Die gute Laune", pflegte Joseph Goebbels zu sagen, "ist ein Kriegsartikel; unter Umständen kann sie nicht nur kriegswichtig, sondern auch kriegsentscheidend sein." Zum Erhalt der deutschen Laune im Zweiten Weltkrieg gehörte die prinzipielle Vermeidung all dessen, was an die Niederlage von 1918 hätte erinnern können. Deshalb lehnte Hitler die Kriegsdienstverpflichtung deutscher Frauen mit Nachdruck ab und setzte auf Zwangsarbeit. Deshalb verhinderte er alle Kriegsanleihen, Edelmetall- und Schmucksammlungen, weil sie 1916/18 den patriotischen Mittelstand um Familiengold und -vermögen gebracht hatten und fand andere Auswege. Deshalb spielten die Theater fast uneingeschränkt weiter; deshalb beschloß die deutsche Führung im extrem kalten, militärisch prekären Januar 1942, "die Rüstungsindustrie abzudrosseln, um wenigstens notdürftig die Hausbrandversorgung aufrechtzuerhalten".Im Zentrum des Lernens aus den Erfahrungen des "Weltkrieges", so sagte man bis Ende 1941, aber stand die Frage der Ernährung. In Folge der britischen Seeblockade waren zwischen 1916 und 1918 mindestens eine halbe Million Deutsche verhungert. Im "Steckrübenwinter" 1916/17 waren die Lebensmittelzuteilungen auf durchschnittlich 1336 Kalorien pro Tag abgesunken. Sie lagen also weit unter dem physiologischen Minimum von 1800 bis 2000 Kalorien für jenen berühmten Erwachsenen, der keine Schwerstarbeit verrichtet, und seither Otto Normalverbraucher heißt. In Großstädten noch deutlich darunter: In Berlin wurden 1917 im Jahresdurchschnitt 1200 Kalorien erreicht, in Frankfurt a.M. zeitweise nur 700 Kalorien.Auch im Zweiten Weltkrieg war Deutschland nicht blockadefest, es konnte nur 83 Prozent der benötigten Lebensmittel selbst produzieren. Das galt im Frieden. Die Zerstörungen des Krieges, das Fehlen von Pferden, Düngemitteln und Arbeitskräften mußten die Situation noch verschlechtern. Die deutsche Führung kannte das Problem und legte von Anfang an fest, "wenn gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere" (Göring). Die Wehrwirtschaftsgeneralität formulierte das Ziel vor dem Überfall auf die Sowjetunion ähnlich: "Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn für uns das für uns Notwendige aus dem Land herausgeholt wird."Es blieb nicht bei dieser Absichtserklärung: In Frankreich, Belgien, Polen, Griechenland und in der Sowjetunion wurden regelrechte Hungersnöte in Kauf genommen und herbeigeführt, ebenso in den Ghettos, Kriegsgefangenenlagern und psychiatrischen Anstalten. Unsere Mütter und Großmütter erinnern sich daran mit Genugtuung, und berichten nicht ohne Selbstmitleid: "Bis 1945 klappte die Lebensmittelzuteilung fabelhaft, gehungert haben wir erst danach."Obwohl die Politik des geplanten Hungers zum Kern der verbrecherischen Kriegsführung Hitler-Deutschlands gehörte und für die Entscheidungen zur systematischen Ermordung einzelner Bevölkerungsgruppen von hoher Bedeutung war, wurde sie bisher nicht systematisch erforscht. Mit seinem Buch über das Hungersterben in der Psychiatrie hat Heinz Faulstich immerhin einen Anfang gemacht. Der pensionierte Psychiater, früher Stellvertretender Direktor des Landeskrankenhauses auf der Reichenau, erforschte in jahrelanger Kleinarbeit ein Thema, vor dem professionelle Historiker versagt haben. Der Hungertod von Menschen wurde dezentral organisiert. Er bedurfte nur weniger ministerialer Vorgaben und vieler, die mitmachten. Da in der Psychiatrie auch aus anderen Gründen gestorben wird, mußte Faulstich die Sterberegister fast aller deutschen Anstalten durchgehen, die Speisepläne untersuchen, um nach einzelnen Regionen und Orten differenziert herauszufinden, daß während des Zweiten Weltkriegs mehr als 100 000 "nutzlose Esser" vorsätzlich dem Hungertod preisgegeben wurden.Das Buch beginnt 1914 und endet 1949. Der Zeitrahmen ist notwendig, weil schon im Ersten Weltkrieg etwa 70 000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten wegen Unterernährung den Tod fanden. Die 166 Patienten, die 1917 in der rheinischen Anstalt Bedburg-Hau gestorben waren, hatten durchschnittlich 37 Prozent ihres Gewichts verloren. Die Messung ist nicht ganz richtig, "da ja das im Körper vorhandene Ödemwasser mitgewogen wurde". Im Jahr 1946 anwortete ein pfälzischer Beamter einem Anstaltsdirektor, der ihn um Lebensmitteln für die Überlebenden der "Euthanasie-Aktion" angefleht hatte: "Wir haben nicht genug für die Gesunden, da brauchen die Narren erst recht nichts." In den ersten Nachkriegsjahren verhungerten mindestens 20 000 deutsche Anstaltspatienten. Allein in der Sowjetischen Zone betrug die Sterberate in den Nervenheilanstalten 1946: 23,2 Prozent, 1947: 18,8 Prozent und 1948: 11,4 Prozent. 1933 waren jährlich etwa drei von hundert Patienten gestorben.In den Zeiten des Schwarzmarkts waren die in Institutionen untergebrachten, kaum handlungsfähigen Menschen extrem benachteiligt, sie verhungerten, weil die Gesunden sich nicht um sie kümmerten. Zwischen 1939 und 1945 wurde dieses Sterben jedoch systematisiert und mit voller Absicht herbeigeführt. Faulstich beschreibt in seinem Buch nicht etwa die "Aktion T4" den Mord an 70 000 Patienten in den Gaskammern 1940/41 , die gründlich erforscht ist, sondern die parallel begonnene und bis zum Kriegsende fortlaufend gesteigerte Hungerpolitik. So hatte beispielsweise die Anstalt Kaufbeuren in Bayerisch Schwaben 1942 damit angefangen, mit einer fettfreien Kost zu experimentieren. Der Direktor Valentin Faltlhauser berichtete davon auf einer Konferenz: "Innerhalb dreier Monate gingen die Kranken daraufhin durch Hungerödem ein." Später nannte man diese Diät "E-Kost". Das "E" stand für Euthanasie. Einzelne Anstalten richteten Hungerhäuser ein und verpflegten die therapierbaren, kriegsversehrten und arbeitsfähigen Kranken zu Lasten der Arbeitsunfähigen. Faulstich errechnet, daß in Kaufbeuren mindestens 1547 Menschen zwischen 1941 und dem 30. April 1945 verhungert sind, in Bayern insgesamt 9400. Nicht selten halfen Ärzte mit geringen Gaben von Luminal nach, um die Hungernden schläfrig zu machen. Diese Kombinationstherapie war auf dem Sonnenstein in Pirna entwickelt worden und führte zu einer tödlichen Lungenentzündung. Im Juli 1945 berichtete ein Überlebender: "Sie sagen, du brauchst mehr Schlafmittel, da brauchst du nicht soviel zu essen." Das alles geschah, um die leistungsstarke deutsche Mehrheitsbevölkerung bei Laune zu halten. Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 1998, 756 S., 80 Mark.