Es war eine ungewöhnliche Trauergemeinde, die sich am 16. August 1974 auf dem Zentralfriedhof Bonn Bad-Godesberg zur Beerdigung Heinz Lippmanns versammelte. Viele waren ebenso Wanderer zwischen zwei Welten, wie es Lippmann zu Lebzeiten gewesen war. Sie hatten nach dritten Wegen zwischen dem "realexistierenden" Sozialismus der DDR und dem Kapitalismus der Bundesrepublik gesucht. Im Osten als Renegaten verfehmt, stießen sie auch im Westen auf Mißtrauen.Heinz Lippmann wurde nur 52 Jahre alt. Und sein Leben war - wie sein langjähriger Freund Hermann Weber in einem Vorwort zu Lippmanns jüngst erschienener Biographie schrieb - "wie kaum ein anderes von den deutschen Verhältnissen geprägt worden". So spiegelt die Biographie Lippmanns, die der Berliner Historiker Michael Herms vorlegte, ein wichtiges Stück Zeitgeschichte wider. Jähes Ende Unter normalen Umständen wäre aus dem 1921 geborenen Lippmann wohl ein erfolgreicher Unternehmer geworden. Doch die behütete Kindheit und Jugend in einem Berliner Bürgerhaus sollte in der Nazi-Diktatur ein jähes Ende finden. Seine eigenen Landsleute stempelten ihn als "Halbjuden" zum "Untermenschen". Als 2Ojähriger gerät er in die Hölle von Auschwitz. Im Konzentrationslager wird Lippmann ein gläubiger, ja glühender Kommunist.Die Befreiung erlebt er im KZ Buchenwald. Danach geht er in die Politik. In der FDJ macht der versierte Organisator rasch Karriere. Ab 1949 ist er für die Westarbeit des Einheitsjugendverbandes verantwortlich. Zwei Jahre später macht ihn Erich Honecker zu seinem Stellvertreter. Als Vertreter der FDJ-Gründergeneration scheint ein Aufstieg in die Spitzen der Parteinomenklatur programmiert. Da setzt sich Lippmann im Herbst 1953 nach Westdeutschland ab.Es war vermutlich weniger die Desillusionierung durch den 17. Juni, als die "führende Partei des Proletariats" auf ihre Arbeiter schießen ließ, die den FDJ-Funktionär ins Lager des "Klassenfeindes" wechseln ließ. Im Spätsommer 1953 hatte Lippmann immer mehr Anzeichen dafür registriert, daß er ins Visier der Parteiinquisition geraten war, die schon so viele der eigenen Genossen in die Gefängnisse der Staatssicherheit gebracht hatte.Doch Lippmann geht nicht still und leise. Dreihunderttausend Westmark läßt er aus der FDJ-Kasse mitgehen, bevor er sich zur Flucht aufmacht. In Westdeutschland taucht Lippmann zunächst unter. Ein Jahr später wird die westdeutsche Polizei seiner habhaft. Es ist die Blütezeit der politischen Strafjustiz in der Bundesrepublik. Die Staatsanwaltschaft setzt Lippmann, gegen den eine Reihe von Strafverfahren laufen, unter Druck. In mehreren Prozessen gegen KPD-Funktionäre tritt er in den folgenden Jahren als - wenn auch widerwilliger - Zeuge der Anklage auf. Merkwürdige Allianzen Trotz seines Bruchs mit dem "Realsozialismus" Ost-Berlins wird Lippmann nicht zum Antikommunisten. Gemeinsam mit Gleichgesinnten engagiert er sich für seine Idee eines demokratischen und menschlichen Sozialismus. In der Republik Adenauers entstehen dabei merkwürdige Allianzen. So weiß allein Lippmann, daß die von ihm gegründete Zeitschrift "Der Dritte Weg", die zur Plattform einer linken DDR-Kritik wird, vom Kölner Verfassungsschutz finanziert wird. Trotzdem bleibt Lippmann ein "Fremder im eigenen Land". Seine kommunistische "Vergangenheit" verhindert, daß seine scharfsinnigen Analysen der DDR für die Politik nutzbar gemacht werden. Erst mit seiner Honecker-Biographie, die im Oktober 1971 erscheint, findet er Anerkennung. Doch drei Jahre später ist er tot.Michael Herms: Heinz Lippmann - Porträt eines Stellvertreters. Mit einem Vorwort von Hermann Weber. Dietz Verlag Berlin, Berlin 1996. 320 S., 39,80 Mark. +++

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