Haare Haare Haare - das herrlichste Frisurenherumwerf-Ereignis der laufenden Konzertsaison fand am Donnerstag im Kreuzberger Kato Club statt, bei dem gewaltigen Auftritt der norwegischen Black-Metal-Band Satyricon. Zum hymnischen Gegrunze ihres Sängers Satyr und zur rasenden Doppelbasstrommel des unfassbaren Schlagzeuger-Tiers Frost bildete sich vor der Bühne ab der ersten Sekunde ein wahnsinniger haarig wirbelnder moshpit. Derart drangvoll eng war der Saal gefüllt und so feucht und stickig die Luft, dass es nicht auszuhalten gewesen wäre - hätte das Publikum nicht durch unaufhörliches Hin- und Herschütteln seiner prächtig bewachsenen Köpfe für steten Luftzug gesorgt. So aber wurde eine fast meditative Erfahrung daraus; von sämtlichen Seiten wurde man von flauschig umherwehenden Strähnen umschmeichelt und gelegentlich auch ganz schön gekitzelt.Satyricon haben sich Anfang der Neunzigerjahre in Oslo formiert, im Umfeld des legendären Helvete-Schallplattenladens und der darum herum erblühenden Satansrocker- und Holzkirchenanzünder-Szene. Zu Beginn ihrer Karriere nahmen sie denn auch einige der finstersten Teufelslobpreisungs-Platten auf, die man sich vorstellen kann - wobei die zum Purismus neigende Death- und Black-Metal-Szene freilich schon immer dadurch irritiert wurde, dass Satyricon das genretypische Gegrunze, Gitarren- und Doppelbasstrommelgedresche mit Synthesizern, Flöten und Frauengesang kombinierten.Auf dem Debütalbum "Dark Medieval Times" widmeten sie sich passagenweise der norwegischen Folklore; auf dem 1999er Album "Rebel Extravaganza" - von dem sie im Kato unter anderem das grandiose "Filthgrinder" spielten, "unsere Hymne an den Hass", wie Sänger Satyr eingangs erläuterte - waren die Gitarren so monochromatisch geworden und die stehenden Brummtöne aus den Synthesizern so dominant, dass die Grenze zwischen Black Metal und Industrial verschwamm: ein Grund dafür, warum Satyricon sich heute auch in Go thic-Kreisen einiger Beliebtheit erfreuen.Die Stücke ihres neuen Albums "Now, Diabolical", die im Mittelpunkt des Kreuzberger Auftritts standen, sind hingegen von einer bisher eher unbekannten räudigen Hardrock-Ruppigkeit; als hätten Satyricon sich - ähnlich wie ihre alten Gesinnungsgenossen von Darkthrone auf deren aktueller LP - beim Hören von Motörhead-Platten musikalisch neu orientiert; Schlagzeuger Frost hat sich in seiner zweiten Band 1349 (sie wurde nach dem Jahr benannt, in dem in Norwegen die Pest ausbrach) ja länger schon mit eher traditionellem Hau-drauf-und-Schluss-Hochgeschwindigkeitsmetal befasst.Soli aber gibt es hier immer noch nicht, die Gitarren sirren und schwirren vielmehr wie ein Schwarm satanischer Wespen; Sänger Satyr posiert dazu mit leichenweiß geschminktem Gesicht vor einem gewaltigen Ziegenbocksgeweih, an seinem charakteristischen Mikrofonständer, der wie eine Mischung aus einem verkrüppelten Baum, zwei sich umeinander windenden Schlangen und einem krallenbewehrten Monster aussieht.Um ihn herum wirbeln die Tour-Gitarristen ihre knielangen blonden Haarmatten umher, bis die Frisuren auf, vor und neben der Bühne sich zu einem vibrierenden Knoten verknäulen - in Regionen mit hoher Headbangerdichte hat sich in diesem Zusammenhang ja bereits das neue Berufsbild der Entmoscherin herausgebildet: Marketenderinnen, die mit einem Köfferchen voller Kämme vor der Konzerthalle darauf warten, den erschöpften Headbangern am Ende des Abends das Haar wieder zu entwirren und ihm seine volle natürliche Flauschigkeit zurückzugeben.------------------------------Die Gitarren sirren und schwirren wie ein Schwarm satanischer Wespen, Sänger Satyr posiert vor einem gewaltigen Bocksgeweih.------------------------------Foto : Satyricon mit ihrem Sänger Satyr (in der Mitte, am satanischen Mikrofonständer zu erkennen) in Berlin.