Helem ist die einzige Organisation in der arabischen Welt, die sich für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzt: Raus ans Tageslicht

BEIRUT. Als Georges Azzi im November Tunesien besuchte, war er der Star. Überall, wo der Libanese auftauchte, hatten seine Gesprächspartner die von ihm und anderen Mitarbeitern der Beiruter Homosexuellen-Organisation Helem herausgegebene Zeitschrift "Barra" schon gelesen. "Barra", was so viel heißt wie "Raus", lässt sich auch im Internet herunterladen - das Geheimnis für Azzis Erfolg ganz im Westen der arabischen Welt. "Bei diesem Besuch in Tunesien ist mir zum ersten Mal richtig klar geworden, was für eine Verantwortung wir auf uns geladen haben", sagt Azzi.Nur leiser ProtestDenn Helem ist nicht nur die erste, sondern weiterhin auch die einzige Organisation, die sich in der gesamten arabischen Welt für die Rechte von Lesben, Schwulen, Trans- und Bisexuellen einsetzt. Seit zwei Jahren arbeitet Azzi als Nationaler Koordinator der im traditionell liberal geprägten Westbeiruter Stadtteil Hamra untergebrachten Initiative. Etwa 30 Mitarbeiter kümmern sich freiwillig um die Organisation von Diskussionsabenden, Buchvorstellungen und Aufklärungsveranstaltungen. "Wir sind schneller gewachsen als wir je gedacht hätten", sagt der 27-Jährige. Etwa 700 Leute aus dem ganzen Land nehmen regelmäßig an Aktionen der Homosexuellen-Initiative teil.Sie führen einen eher stillen Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung im wegen seines wilden Nachtlebens einst als "Paris des Nahen Ostens" gepriesenen Beirut. Während israelische Schwule und Lesben im November in Jerusalem zur "Gay Pride" lauthals auf die Straße gingen, setzt Helem auf leisere Zeichen. "Wir wollen zeigen, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind", beschreibt Azzi die Strategie. Zuletzt protestierten die Aktivisten am Rande des Beiruter Marathons mit einem Stand und Plakaten gegen Homophobie.Mehr ist in der nur 250 Kilometer nördlich von Tel Aviv gelegenen arabischen Mittelmeermetropole zur Zeit nicht drin, glaubt Azzi: "Wir sind nicht stark genug, um uns mit einer eigenen Gay Pride in die Öffentlichkeit zu wagen." In den Wochen vor dem Krieg zwischen den Milizen der schiitischen Hisbollah und Einheiten der israelischen Armee im vergangenen Sommer hatten sunnitische Geistliche in der Nachbarschaft des Zico-Hauses, wo Helem sein Büro unterhält, gegen die Initiative mobil gemacht. Auch die Polizei schaute regelmäßig in den Räumen des gemeinsam mit anderen linken Gruppen in einem alten Beiruter Bürgerhaus untergebrachten Projekts nach, ob Inkriminierendes zu finden sei. Schließlich hat das libanesische Innenministerium dem Antrag auf eine offizielle Anerkennung von Helem nie zugestimmt.Abgelehnt freilich wurde das im Herbst 2004 eingereichte Schreiben auch nicht, was bezeichnend ist für den Umgang des Staates mit den von Azzi als "Bürger zweiter Klasse" beschriebenen Schwulen und Lesben. Eine Doppelmoral, die sich in allen Bereichen der libanesischen Gesellschaft wieder finden lässt. So suggerieren halbnackte Frauen auf den Werbeplakaten von Modefirmen und Parfümherstellern das Image eines Landes ohne Tabus. Kurz vor dem Krieg titelte das Beiruter Stadtmagazin "Time Out" provokant: "Sex". Doch kommt man auf den Umgang mit Sexualität im Alltag zu sprechen, herrscht bald Schweigen oder bestenfalls Verkrampftheit.Davon kann auch die Theaterregisseurin Lina Khoury ein Lied singen, die im Sommer eine libanesische Adaption der "Vagina-Monologe" der US-Amerikanerin Eve Ensler auf die Bühne brachte: "Ich wollte die Zuschauer nicht schocken oder provozieren, sondern zur Auseinandersetzung anregen." Anderthalb Jahre dauerte es, ehe die Zensurbehörde das Stück "Hakeh Niswen" (Frauengespräche) schließlich passieren ließ - nach der fünften Überarbeitung. Selbst für Vagina musste sich Lina Khoury mit "Coco" ein Ersatzwort einfallen lassen.Dass die 30-Jährige ein lesbisches Coming-Out in einem der Dialoge auf die Bühne brachte, stellte selbst für den im Vergleich zu anderen arabischen Staaten äußerst liberalen Libanon eine Sensation dar. Die Vorstellungen waren auf Wochen ausverkauft, erst der Krieg setzte dem Run ins Monot-Theater ein Ende. Zu gerne würde Khoury das Stück auch in anderen arabischen Ländern wie Ägypten oder Syrien zeigen, doch das hält sie angesichts der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse dort für absolut ausgeschlossen. Welten lägen zwischen dem vielleicht wegen seiner Mischung aus christlicher und muslimischer Bevölkerung toleranteren Libanon und diesen arabischen Gesellschaften, sagt die Regisseurin und Autorin."Das Phänomen von Schwulen-Bashing gibt es im Libanon nicht", sagt Georges Azzi, der während seines Medienkommunikations-Studiums in Paris weitaus offenere Formen von Diskriminierung kennengelernt hat. Ihre Liebe öffentlich zeigen könnten Homosexuellen im Libanon zwar nicht, doch anders als in den anderen arabischen Staaten seien sie auch nicht skrupelloser staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Und in Sachen HIV-Prävention und Aids-Aufklärung klappe die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium sogar hervorragend.Toleranz und Diskriminierung liegen im Libanon dicht beieinander, stellt auch Roger Whitaker fest, der mit "Unspeakable Love - Gay and Lesbian Life in the Middle East" das erste Buch zum Thema geschrieben hat. Zwischen vielen anderen Büchern steht es in der kleinen Bibliothek im Helem-Büro. "Wenn ein Junge nach den Vorstellungen dieser Macho-Gesellschaft zu weiblich aufwächst", schreibt der Nahost-Korrespondent der britischen Zeitung Guardian, "wenn seine Familie ihn schlägt, ihn ächtet und ihm vorwirft, Schande über den Haushalt zu bringen, dann sind das Resultat Verzweiflung und manchmal Tragik."Soziale, keine religiösen GründeDen sozialen Druck, nicht die religiösen Normen, nennt auch Georges Azzi als Grund dafür, dass Homosexuelle weiter am Rande der Gesellschaft stehen. Er selbst arbeitete noch als Freiwilliger in Aids-Aufklärungsprojekten in Paris mit, als sich politisch bewusste Schwule und Lesben in Beirut Ende der 90er Jahre im Schutz nächtlicher Tanzclubs erstmals zusammensetzten, um eine Initiative zu gründen. 2002 dann wandten sich die Aktivisten als "Club Free" an die Öffentlichkeit mit dem Ziel, dieselben Rechte wie andere Bevölkerungsgruppen zu erlangen und die Abschaffung des Paragrafen 5.3.4 des libanesischen Strafgesetzbuches durchzusetzen. Der sieht vor, dass gleichgeschlechtlicher Sex mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet wird.Zwar wurde der Paragraf das letzte Mal vor zehn Jahren angewandt, doch seine Tilgung liegt bislang im Utopischen. Vielleicht auch deshalb haben sich die Aktivisten für Helem als Namen entschieden, dem arabischen Wort für Traum. "Ich habe einen Traum", stand auch auf den Buttons, die sie trugen, als sich die kleine Beiruter Homo-Bewegung bei einer Demonstration gegen den Irak-Krieg 2003 erstmals auf der Straße zeigte.------------------------------In sechs Ländern droht Homosexuellen die TodesstrafeDer Koran fordert die Bestrafung von Homosexualität: "Und diejenigen, die es von euch Männern begehen, strafet beide. Und so sie bereuen und sich bessern, so lasset ab von ihnen. Siehe, Allah ist vergebend und barmherzig." (Sure 4, Vers 16).Die Wortwahl ist aber relativ milde im Vergleich mit der Verurteilung anderer Vergehen, etwa dem außerehelichen Verkehr.Die Art der Bestrafung von Homosexualität bleibt im Koran offen, was in den islamischen Rechtsschulen zu einem Dissens geführt hat. Während die Hanafiten als größte Rechtsschule die Entscheidung in das Ermessen des einzelnen Richters stellen, sehen die Hanbaliten, analog zum Ehebruch, die Steinigung vor. Die Wahhabiten genannte Richtung des sunnitischen Islams sieht ebenfalls die Todesstrafe vor.In sechs islamischen Ländern kann Homosexualität zwischen Männern mit dem Tode bestraft werden: im Jemen, Iran, Saudi-Arabien, Sudan, Nigeria und Mauretanien.Gefängnisstrafen und staatliche Verfolgung sind in den anderen arabischen Ländern üblich. Razzien in Nachtclubs und bei Privatparties sind an der Tagesordnung, etwa in Ägypten, Jordanien und Syrien.Gesellschaftlich tabu ist das Thema in allen islamischen Ländern. "Araber, auch solche, die sich für Reformen einsetzen, diskutieren das Thema höchst ungern", hat Roger Whitaker, Autor des Buches "Unspeakable Love" festgestellt. "Wenn es überhaupt zur Sprache kommt, wird es von schmutzigem Lachen begleitet, oder - häufiger - als eine unnatürliche, widerliche, un-islamische, westliche Perversion erachtet."------------------------------Foto: Schwuler Sänger und Bauchtänzer in einem Beiruter Nachtclub. Der Libanon ist das liberalste arabische Land.