Die beste Zeit ihres Lebens, da ist sich Helen Pidd sicher, begann vor acht Jahren. Damals ging die Engländerin während ihres Germanistikstudiums für ein Austauschjahr nach Berlin. Sie tanzte bis morgens um sieben in Clubs, kaufte auf dem Markt am Maybachufer ein, lernte unzählige Leute kennen. Es gefiel ihr so gut, dass sie beschloss, eines Tages hier leben zu wollen. Als sie zwei Jahre später mit 24 als Journalistin bei der Tageszeitung "The Guardian" in London anfing, rückte ihr Traum ein Stück näher. Schließlich hat der Guardian, eine der größten seriösen Zeitungen Großbritanniens, einen Korrespondenten in Berlin. Und Pidd sprach perfekt Deutsch. Sie bewarb sich für die Stelle, doch ihre Chefs fanden, sie sei zu jung. Erst jetzt, sechs Jahre später, kam der ersehnte Anruf aus der Chefetage. Die 30-Jährige überredete ihren Freund, eine Fernbeziehung zu führen und bezog Ende Januar ihr Büro am Schiffbauerdamm, nahe am Regierungsviertel.Leere Straßen, billige WohnungenNun ist sie eine von Hunderten Auslandskorrespondenten, die von Berlin aus für ihre Heimatmedien über Deutschland berichten. Der Verein der Ausländischen Presse in Deutschland (VAP), in dem die hiesigen Korrespondenten organisiert sind, zählt 410 Mitglieder aus 60 Ländern. 380 sitzen in Berlin. Trotz Wirtschaftskrise und Sparzwängen, so der Verein, sei die Zahl der Journalisten, die von hier aus berichten, in den vergangenen zehn Jahren relativ stabil geblieben.Als Helen Pidd hier anfing, hat sie sich selbst ein Ziel gesetzt. "Mindestens zwei Wochen lang wollte ich nichts über Hitler schreiben." Geschichten über Nazis und die Stasi, sagt sie, haben die Blattmacher in London besonders gern. Zwar ist das Deutschland-Bild seit der Fußball-WM 2006 etwas differenzierter, aber britische Klischees über Deutschland sind immer noch sehr auf den Zweiten Weltkrieg fixiert. Pidd will mehr abbilden als das. Ihr kleines Ziel hat sie erreicht. Erst in der dritten Woche schrieb sie einen Artikel, in dem Hitler vorkam. Er handelte von einem Rechtsstreit über das Hamburger Kartenspiel "Tyrannen-Quartett", in dem Diktatoren wie Honecker und Mao auf 32 Spielkarten versammelt sind. Hitler sticht als "Blitztrompf" alle aus.Diese Geschichte ließ sich leicht verkaufen. Auch die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Guttenberg schafften es ins Blatt. Schwierig wird es, wenn Helen Pidd Texte zur Hartz-IV-Reform oder Frauenquoten anbietet. Den Chefs ist das meist zu sperrig. "Allgemein ist Politisches schwer zu vermitteln, es sei denn, es hat Auswirkungen auf England, betrifft wichtige Wahlen oder dreht sich um Angela Merkel", sagt Pidd. Die Kanzlerin sei in England sehr beliebt und angesehen, hatte man doch mit Margaret Thatcher selbst schon mal eine Regierungschefin. Und die Briten finden es offenbar interessant, dass Merkel aus dem Osten kommt und man recht wenig über sie persönlich weiß. Die Guardian-Korrespondentin hätte gerne in einem Interview mehr über sie erfahren, aber Merkels Büro lehnte ab. Die Kanzlerin konzentriere sich im Jahr wichtiger Landtagswahlen auf die inländischen Medien, hieß es.Da trifft es sich ganz gut, dass Helen Pidd mehr tun will, als aus dem Zentrum der Macht zu berichten. Sie will alle Bundesländer besuchen, "Deutschland ist schließlich nicht gleich Berlin". Im Alltag allerdings entscheidet die Nachrichtenlage. Sie darf keine wichtige Neuigkeit verpassen, das schafft Druck. Schlimm wäre, wenn jemand aus London anruft und nach einem Vorfall fragt, von dem sie noch nichts gehört hat. "Das darf nicht passieren, schließlich bin ich am nächsten dran", sagt Pidd, während sie auf ihrem Handy die aktuellen Nachrichten scannt.In ihrer Wohnung in Neukölln schaut sie jeden Morgen, was die Kollegen der "Times" aus Berlin berichtet haben. Dann durchforstet sie Zeitungen und Internet und schlägt ihrer Heimatredaktion Themen vor. Im Schnitt wird eines pro Tag genommen. Momentan liegt der Fokus der Auslandsberichterstattung auch im Vereinigten Königreich auf den Geschehnissen im Nahen Osten und Nordafrika.So bleibt Pidd neben dem Job auch Zeit für Alltägliches. Im Vergleich zu London stellt die Neu-Berlinerin viele Unterschiede fest."Ich genieße es, in einer Millionenstadt unterwegs zu sein und so viel Platz zu haben. Verglichen mit London sind die Straßen hier leer." Für ihre Berliner Wohnung zahlt sie die Hälfte, dabei ist sie doppelt so groß wie die in London. Überhaupt sei in Berlin alles so billig und manchmal auch etwas absurd. So twitterte sie kürzlich amüsiert, dass im Supermarkt eine Flasche Wasser 19 Cent kostet. Und das Pfand 25 Cent.In ihrem Job fängt Helen Pidd nahezu bei Null an, muss sich viele Kontakte erst aufbauen. Früher hatten die Korrespondenten des Guardian Assistenten, die ihnen zuarbeiteten. Das ist vorbei, obwohl der Nachrichtendruck immens gestiegen ist, seit es das Internet gibt. Trotzdem liebt Pidd ihren Job. "Er wird einfach niemals langweilig."------------------------------Foto: Seit ein paar Wochen berichtet Helen Pidd, 30, für ihre Leser in Großbritannien aus Berlin. Ihr Büro am Schiffbauerdamm teilt sie sich mit den Kollegen von der britischen Rundfunkanstalt BBC. Es liegt in unmittelbarer Nähe zum Regierungsviertel, sodass der Weg zu wichtigen Terminen kurz ist.