Einmal hat nachts um halb drei das Telefon geläutet. Ein Stammkunde meldete sich aus einer Bar in New York. Dort hatte ihm gerade jemand mit einer Zigarette ein Loch in den Smoking gebrannt und er wollte wissen, ob er den Anzug nun wegwerfen muss. Helga Duwe konnte den Anrufer beruhigen. Einige Tage später brachte er das gute Stück zu ihr.Die 60-jährige Mahlsdorferin übt in ihrer Werkstatt an der Ridbacher Straße ein selten gewordenes Handwerk aus: Sie ist Kunststopferin. Helga Duwe repariert die Auftrittsgarderobe von Künstlern, Fräcke von Politikern und mottenzerfressene Abendroben von Stars und Diplomaten. Und sie hilft, wenn teure Strümpfe Laufmaschen haben. Mit 17 hat Helga Duwe gelernt, die hauchdünnen Fäden der Nylons wieder so zu verknüpfen, dass kein Schaden am Strumpf zu erkennen ist. Und obwohl zarte Strümpfe längst kein Luxusartikel mehr sind, ist ihre Reparatur nach wie vor gefragt. Gesundheitsstrümpfe für Thrombose-Patienten, Badebekleidung, Nachtwäsche und Bodys bringt Helga Duwe unter 200-Watt-Licht wieder in Ordnung - mit hauchdünnen Fäden und Nadeln, vor den Augen eine Lupenbrille, die bis zu 100fach vergrößert.Auch die Kunststopferei, die sie im Laufe der Jahre in ihr Angebot aufnahm - "etwa zehn Jahre braucht man, um darin perfekt zu sein, absolutes Farb- und Stilempfinden" - erfreut sich großer Nachfrage. Zu Helga Duwes Kunden zählen Ballett-Tänzerinnen und Politiker, gut Betuchte und Leute, die sich ihr kostbares Abendkleid zusammensparen mussten. Namen nennt sie nicht - "die Kundschaft wünscht Diskretion". Doch Motten und Zigarettenglut - häufigste Gründe für Löcher - nehmen keine Rücksicht auf Rang und Namen: "Hochwertige Wollstoffe mögen Motten am liebsten", sagt Helga Duwe. Und weil sie rasch und unkompliziert zu helfen weiß, wurde ihre Adresse auch in den Umzugsführer für Bonner Beamte aufgenommen. In einem Berlin-Kompendium für Diplomaten findet sich ebenfalls ein Hinweis auf ihre Werkstatt. Weil aber nicht jeder an den östlichen Stadtrand fahren möchte, hat sie drei Annahmestellen bei Kooperationspartnern: an der Xantener Straße in Wilmersdorf, am Hagenplatz in Grunewald und am Alexanderplatz in Mitte.Einmal hat ihr ein Mann aus Neuseeland ein dickes Paket mit Pullovern und Strümpfen geschickt. Er hatte von Berliner Verwandten gehört, dass es hier jemand gibt, der seine Lieblingssachen retten kann. Einen Auftrag aber hat sie bis heute nicht vergessen. "Vor einigen Jahren brachte ihr eine alte Dame ein Kleid, total mottenzerfressen." Die Frau war Jüdin, das Kleid ihr einziges Erinnerungsstück an die in Auschwitz ermordete Mutter. "Wir haben monatelang daran gearbeitet, versucht, es dem Original wieder ähnlich zu machen." Der schönste Lohn für sie sei gewesen, als die Kundin mit Tränen in den Augen sagte: "Es sieht aus, als ob es Mutter nur mal kurz abgelegt hat."Einige Jahre will Helga Duwe noch repassieren, stopfen und ändern. "Dann ist Schluss", sagt sie. Wer dann den Kampf gegen Mottenfraß und andere Malheure aufnimmt, weiß sie nicht. "Ich habe zu DDR-Zeiten etwa 220 Lehrlinge ausgebildet, viele sind nach der Wende nicht im Beruf geblieben", sagt sie. Auch nach 1990 wollte sie Kunststopferinnen das Handwerk beibringen. Damals habe man ihr aber beim zuständigen Arbeitsamt gesagt: "Wozu? Wir leben doch in einer Wegwerfgesellschaft."Seltenes Handwerk // Kunststopfen und Repassieren sind keine typischen Handwerksberufe. Man kann keine Meisterprüfung ablegen. Deshalb gibt es keine eigene Innung oder ein spezielles Gewerk.Im Berliner Branchenbuch der Telekom sind ganze sechs Adressen unter der Rubrik Kunststopfen zu finden. Die Industrie- und Handels- kammer Berlin führt keine Betriebe dieser Art in ihrer Statistik. Die Sprecherin der Handwerkskammer, Almuth Draeger, weiß nur, "dass es ganz wenige in der Stadt gibt".BLZ/WULF OLM Hat ein Händchen für Zartes: Helga Duwe aus Mahlsdorf bei der Arbeit.