Eines der beliebtesten Weihnachtsgeschenke in Berlin: Karten für den alljährlichen Konzertmarathon von Helge Schneider und Band. Der Allround-Unterhalter aus Mülheim an der Ruhr feiert im Alter von 53 Jahren sein 35-jähriges Bühnenjubiläum mit einer formidablen Band um die Schlagzeuglegende Pete York - angeführt vom "albernen Helge" an einer Vielzahl von virtuos beherrschten Instrumenten. Die Berliner Zeitung traf ihn am Tag nach der Hauptstadt-Premiere seiner neuen Show "Cirque Du Katz - Wullewupp Kartoffelsupp?" zum Gespräch, das alles andere als albern verlief.Herr Schneider, viele halten Sie für einen musizierenden Clown. Tatsächlich wurden Sie 2008 zum Pianisten des Jahres gewählt.Ja, ich hab ja auch Klavier studiert. Aber nur zwei Semester.Nutzen Sie den Klamauk, um Ihrem Publikum den Jazz unterzujubeln?Nein, aber mit anderer Musik würde das, was ich mache, nicht gehen. Das geht nur mit beswingter Musik. Es bleibt genug Luft für den Humor. Für Clownerie. Für den Clown.In der aktuellen Show spielen Sie selbst kein Klavier mehr. Eine bewusste Entscheidung?Da habe ich gar nicht dran gedacht. Es sollte bloß mal wieder was anderes sein. So kann ich mich mehr um meine Patienten kümmern.Wie waren Sie selbst mit dem Debüt der Show in Berlin zufrieden?Ich war vielleicht etwas übermüdet. Ich kam zunächst mit der Akustik nicht so richtig klar. Wir hatten vorher Auftritte in großen Konzertsälen, größere Bühnen - mehr Platz zum Tanzen. Da wird man auch gleich ganz anders vom Publikum aufgenommen. Hier ist es halt ein Theater - total theatralisch. Ich muss mich da erstmal akklimatisieren. Es geht nicht immer alles sofort: Tolles Konzert spielen usw. Am ersten Abend war es vielleicht ein bisschen schwierig. Manchmal liegt so was - komischer Weise - aber auch irgendwie in der Luft. Es gibt so Tage, an denen man denkt: "Wo ist denn jetzt die Reaktion? Warum ist denn da nichts?" oder: "Warum verstehen die das jetzt nicht?"Ich war gerade in der Jazz-Abteilung in einem Kaufhaus, wo eine Kundin die Verkäuferin nach "Pianojazz" fragte; und die Verkäuferin patzig: "Ja, was weiß denn ich, was sie für einen Pianojazz hören wollen?!" Oft schwierig, gerade für junge Leute, einen Einstieg in den Jazz zu finden.Wenn die Fachverkäufer schon keine Ahnung haben, dann ist das natürlich ein wunder Punkt, genau wie in der Schule. Ich meine: Man sollte sich schon mal für was interessieren. Genau aus dem Grund fängt man ja auch - wenn man Jazz lernen will - immer mit Blues an. Man sollte auch Geschichten darüber lesen. Sich nicht nur für das, was aus der Trompete rauskommt, interessieren, sondern auch für den, der sie spielt. Das ist wichtig, finde ich. Das geht heute verloren.Wie meinen Sie das?In unserer Zeit zählt ja wirklich nur noch das Geld. Viele Leute wollen nur schnell Verträge machen, berühmt sein. Das kann man sich ja schön in Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" anschauen. Eine Katastrophe! Tatsächlich gibt es dann ein paar, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können, aber auf Kosten der ganzen anderen, die vorgeführt werden, um die Nation - sagen wir mal - zum Lachen zu bringen. Aber was haben die für Intentionen? Die wissen gar nichts, überhaupt nichts. Ich finde es nicht schlimm, wenn jemand nicht Englisch sprechen kann - das meine ich nicht. Aber diese Leute: Sie wissen überhaupt nichts über die Menschen, die Musik machen - wo sie herkommt. Die Musik kommt nicht aus den oberen Chefetagen - aber jetzt soll es so sein.Oder nehmen wir einmal den Fall Amy Winehouse. Die ganzen englischen und amerikanischen Pop-Ikonen, die kommen alle aus einer ganz bestimmten Tradition, die haben das studiert - und plötzlich steht die Drogensucht eines Mädchens im Mittelpunkt, und es wird ein vollkommen zweifelhaftes Vorbild aufgebaut, wo jeder denkt: Das kann ich auch. Ein unheimliches Scheißbild - produziert von gewissenlosen Managern in den Chefetagen der Schallplattenfirmen, die nicht mehr wissen, wie es weitergeht, weil die Zeit des Schallplattenverkaufens einfach vorbei ist.Die Geschichte von drogensüchtigen Jazzmusikern ist ja aber auch nichts Neues.Klar, wenn man an Earl Hines oder so denkt. Aber diese Leute waren wirklich Könner. Das macht nun wirklich noch einen Unterschied. Aber klar, es gibt auch Leute, die haben einfach eine Stimme, die man schnell wiedererkennt. Sagen wir Elton John oder George Michael - die fallen mir vermutlich ein, weil die sehr berühmt sind oder zusammen wohnen oder was weiß ich .Es ist in der Popmusik einfach nicht so wichtig, wie gut man sein Instrument beherrscht. Das fängt ja schon bei dem Schlagzeugspiel Ringo Starrs an.Das ist aber wieder eine ganz andere Geschichte. Die Beatles haben wenigstens noch eigene Songs geschrieben und sich selbst auf die Bühne gestellt und sie gesungen. Sie sind damit megaberühmt geworden, aber nicht nur durch die Musik, sondern auch durch das, womit Elvis oder Bill Haley vor ihnen angefangen hatten.Womit?Mit der Rebellion. Bill Haley ist meiner Meinung nach der Urvater dieser modernen Populärmusik. Naja, erst Elvis mit seinem Hüftschwung, man wurde immer frecher, bis schließlich: Lambada! Und dann musste es irgendwann so einen Scheiß geben wie Paris Hilton, die plötzlich auch noch singt. Im Grunde genommen ist es heute so: Mit wenig Material viel Geld zu verdienen. Also mit wenig Tun. Und diese Frau - Beispiel Paris Hilton - ist Repräsentantin dieser Politik und damit auch der Finanzkrise, die dadurch entstanden ist. Damit ist es mal ganz deutlich beim Namen genannt.Nichts tun, nichts können, nur absahnen: Paris Hilton als personifizierte Finanzkrise?Richtig. Faulheit siegt!Aber jetzt steckt der faule Mensch in der Krise.Deshalb sind so fleißige Menschen wie ich auch völlig krisenfest. Ich kann überall spielen. Ich kann mich auch auf die Straße stellen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte . Ich habe ja Glück in meinem Leben gehabt, dass ich ein Instrument spielen kann. Das ist etwas anderes, als ein Auto zu bauen. Denn: Ein Auto haben sie ja alle.Sie sagten "Schallplatten verkaufen ist vorbei". Welche Perspektive haben junge Musiker? Interessiert Sie das?Mich interessieren Menschen, die irgendwie den Schneid haben, einen Live-Club zu betreiben, in dem unbekannte Leute spielen können. Gescheite Leute und nicht beschissene Leute. Das alles ist eben auch eine Frage der Erziehung, der Geschichte, der Kultur. Qualität und Humanismus sind einfach ganz wichtig und für mich nicht wegzudenken. Wenn das gar nicht mehr vorhanden sein wird, dann geht die Welt unter. Alles hat miteinander zu tun: Die McDonald's- und Coffee-to-go-Kultur ist auch Bestandteil der Popmusik.Der Popkultur.Richtig.Pop ist Mist?Richtig. Ich mach zwar manchmal auch Stücke mit Pop-Anleihen, einfach, weil es lustig ist. Aber eigentlich ist es scheiße.Medien sind das wichtigste Organ der Popkultur. Was ist mit diesem Gespräch? Was denken Sie über den ganzen Apparat?Nehmen wir mal Michael Jackson. Der hat sich ja praktisch zur Verfügung gestellt: als Plakatfläche für Wünsche, Träume und Illusionen. Das funktionierte ein paar Jahre lang - da ging es in erster Linie auch noch nicht ums Geld - es lief ja. Aber dann haben irgendwann Manager in dem Geschäft die Überhand genommen. Manager, die gar nichts von Musik verstehen. Dann hat irgendwann Michael Jackson aufgehört zu spielen, und alles drehte sich nur noch um seine Nase. Es geht nur noch um solche Leute. Alle reden über Angelina Jolie und Brad Pitt und ihre Kinder, aber keiner spricht von ihren 18 Kindermädchen. Dass die nämlich ständig ohne die Kinder unterwegs sind. Solche Sachen. Das tumbe Unverschämte ist Kultur geworden. Und ich bin immer noch der Typ, der sagt: Obwohl Michael Jackson plötzlich in diese Kultur hineingeraten ist, ist er immer noch ein großartiger Sänger und Musiker. Das ist Qualität, und sogar das ist kaputt gemacht worden. Und zwar von den Medien. Davon sprechen wir ja gerade.Wie erklären Sie sich diese Skrupellosigkeit?Die Medien heischen einfach nach Sensationen. Machen Sie irgendeinen Fernsehsender an. Gerade ist ein Flugzeug in Amsterdam abgestürzt. Diese aufgetakelten Sprecher. Im direkten Kontakt mit den Journalisten. So nach dem Motto: "Wie tot sind denn die Toten?"Bei der Premierenshow haben Sie sich wunderbar über die Sportberichterstattung lustig gemacht.Ah ja, genau. Die Nummer. Die war spontan. Beim Bobfahren muss man vor dem Fernseher ganz besonders aufpassen. Sehr, sehr gefährlich!Sind Sie gezwungen, sich wegen Ihres Berufs mehr Fernsehen anzuschauen als Sie aushalten?Nein! Nie! Bloß nicht!Haben Sie hier in Berlin einen festen Tagesablauf? Feste Ausflugsziele? Sehenswürdigkeiten, die Sie schätzen um sich abzulenken?Ich stehe früh auf und gehe mit den Hunden spazieren. Dann ist Mittag. Und dann geht's meist auch schon los mit den Vorbereitungen. Ich habe nicht mal die Zeit, Freunde in Berlin zu besuchen. Es konzentriert sich alles auf den Abend.Einer ihrer Hunde stand mitten in der Show auf der Bühne. Und ein Kleinkind stand plötzlich auch dort.Das war eins von meinen Kindern. Es hatte sich verlaufen. Sie guckt immer mal, wo der Papa gerade ist. Ist ja wichtig. Sie musste gucken, ob alles in Ordnung ist. Sie kennt das schon von Geburt an. Wenn die Kinder klein sind, dann kann man sie noch mitnehmen. Sie mag das gerne, sie spielt schon selber Schlagzeug.Wenn Ihre Kinder sich Popmusik anhören, wie reagieren Sie dann?Ich weiß es nicht. Der eine hört dies, der andere das. Die kennen natürlich meine Musik auch. Ich glaube aber grundsätzlich: Kinder wollen einem nicht nacheifern, sie wollen ihren eigenen Weg gehen. Das merkt man schon im kleinsten Kindesalter. Wenn man sagt "Hier lang!", gehen sie sowieso in die andere Richtung, lachen sich kaputt und rennen weg, wenn möglich unter eine Straßenbahn.Bill Ramsey hat neulich in einem Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, dass er gerne mit Ihnen mal ein Duett singen würde.Kann man ja machen. Aber ein Duett? Er kann ja singen - ich spiele Klavier. Bill Ramsey war ein großer Einfluss für mich. Als ich zehn Jahre alt war.Es heißt, Sie hätten mit dem Filmgeschäft abgeschlossen, stimmt das?Nö. Ich drehe demnächst Tarzan. Hab ich in der Show ja schon angekündigt. Die Idee ist einfach super: Ich muss der nächste Tarzan sein.Das Gespräch führte Maurice Summen.Helge Schneider gastiert noch bis zum 8. März im Admiralspalast, tgl. 20 Uhr------------------------------"Man sollte sich nicht nur für das, was aus der Trompete rauskommt, interessieren, sondern auch für den, der sie spielt."------------------------------"Fleißige Menschen wie ich sind völlig krisenfest. Ich kann überall spielen. Ich kann mich auch auf die Straße stellen."------------------------------Foto: "Cirque Du Katz - Wullewupp Kartoffelsupp?" So heißt das Programm, mit dem Helge Schneider gegenwärtig im Berliner Admiralspalast gastiert.