Ricardo Schneider holt eine Kanne Kaffee aus der Küche, er hat eine rote Decke auf den Tisch gelegt und zwei Becher hingestellt. Seine Wohnung, fünf Minuten vom Einkaufszentrum Helle Mitte in Berlin-Hellersdorf entfernt, ist schlicht eingerichtet, ein roter Zweisitzer, zwei Sessel, ein Tisch, ein Regal, die Möbel sind nicht neu. Er ist ein schmaler junger Mann mit raspelkurzen Haaren und einem weichen Gesicht.

Er trägt das, was die meisten Jungs hier tragen, Jeans, Turnschuhe, kurzärmeliges Hemd und eine schwere Silberkette um den Hals. Er ist 22 Jahre alt. Er lebt von Hartz IV, nach der Hauptschule fand er keine Lehrstelle. Im Moment besucht er drei Mal die Woche einen ausbildungsvorbereitenden Kurs in Schöneberg. Dort lernt man, wie man Bewerbungen schreibt. Ricardo Schneider weiß eigentlich, wie man Bewerbungen schreibt, er hat schon mehrere abgeschickt, aber nie eine Zusage bekommen.

Es ist halb zwölf, im Fernsehen läuft auf RTL die Doku-Soap „Familien im Brennpunkt“, aber Ricardo Schneider schaut sich neuerdings auch Wahlsendungen an, wie „Task Force Berlin“, ein Programm, mit dem Pro Sieben der Jugend die Politik näherbringen will. Die Schauspielerin Sophia Thomalla und der Rapper Gentleman machen mit. Ricardo Schneider gefällt die Sendung, da höre man kaum „Politikergequatsche“.

Neulich ist er beim TV-Duell hängengeblieben und schaute sich Merkel und Steinbrück an. Er hat nicht alles verstanden, was die beiden gesagt haben, es ging ziemlich schnell hin und her. Die Task Force Berlin und das Fernsehduell werden ihn auch nicht von seiner Entscheidung abbringen.

Ricardo Schneider war noch nie wählen, aber am Sonntag wird er es tun. Wegen der Sache mit dem Heim.

Irgendwann im Juli erfuhr er aus den Nachrichten, dass in seinem Bezirk ein Asylbewerberheim aufgemacht werden soll. Die ersten Bewohner seien schon nach Hellersdorf unterwegs, sagte jemand im Fernsehen. 400 Flüchtlinge aus Kriegsgebieten sollten in einer leer stehenden Schule an der Carola-Neher-Straße untergebracht werden. Warum hier, wir haben doch schon genug Probleme, war Schneiders erster Gedanke.

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Er dachte an die Viertel Berlins, in denen schon viele Ausländer wohnten, er dachte an Kreuzberg. Er fing an, sich seine Gedanken über das Zusammenleben mit den Flüchtlingen zu machen. Er fühlte sich von ihrer bevorstehenden Ankunft bedroht, es war etwas Neues, Unberechenbares. In seinem Kopf vermischte sich alles, was er je über Ausländer gehört hatte. Geschichten, in denen sie den Deutschen die Arbeit und die Kitaplätze wegnehmen, viel Propaganda, aber sprachen nicht auch die Politiker von einer Asylflut? Von Kriminalität, die rund um Asylbewerberheime ansteige? Er wurde die Gedanken nicht mehr los.

Die Nachricht vom Asylbewerberheim platzte in sein Leben, sie platzte in das ganze Viertel. Am 9. Juli fand eine Anwohnerversammlung statt, über tausend Menschen kamen, darunter auch Mitglieder der NPD, die Veranstaltung geriet außer Kontrolle, wurde zur Stimmungsmache gegen Ausländer. Aufgebrachte Bürger beschwerten sich, dass sie nicht früher informiert worden seien.

In den Tagen danach gab es Demonstrationen, zu denen linke und rechte Gruppen aus der ganzen Stadt anreisten und die Stimmung anheizten. Parallelen zu Rostock-Lichtenhagen wurden gezogen. Damals, vor 21 Jahren, hatte ein rechter Mob tagelang vor einem Asylbewerberheim randaliert, Anwohner standen daneben und klatschten Beifall.

Bald waren Kameras aus der ganzen Welt vor dem künftigen Flüchtlingsheim aufgebaut und filmten Menschen, die kein Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft wollten. Hellersdorf hatte wieder ein Problem.

Hellersdorf ist der jüngste Stadtteil Berlins, er wurde seit 1983 aufgebaut. Damals waren viele stolz, dass sie in die neuen Wohnungen ziehen konnten. Nach der Wende verließen viele Familien die Plattenbauten, Sozialhilfeempfänger zogen ein. Viele Mädchen bekommen mit 16 oder 17 Jahren ein Kind, statt eine Ausbildung zu machen.

Wenn Medien etwas über Hartz IV bringen, zeigen sie gern Bilder von Teenager-Müttern in Hellersdorf. Inzwischen ziehen auch wieder Familien, die günstige Wohnungen suchen, verstärkt in den Stadtteil, in dem es viel Grün gibt, aber diese Seite wird nicht gezeigt. Auch Ricardo Schneider wollte lieber woanders hin, aber die Wohnung in Helle Mitte war die erste, die er fand, als er vor fünf Jahren von zu Hause auszog.

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Ricardo Schneider hat nicht gegen das Heim demonstriert. An einem Tag im August zog er gemeinsam mit seiner Freundin und seinem kleinen Sohn los, um es sich anzuschauen. Sie wohnen nicht zusammen, der Kleine wohnt bei der Mutter, wenige Minuten von der Carola-Neher-Straße entfernt. Ricardo Schneider drehte mit Freundin und Sohn eine Runde, um das Gebäude zu mustern. Sie machten das unauffällig, sie sahen nicht wie Heimgegner aus, sondern wie ein Paar, das einen Spielplatz sucht.

Es war ein sommerlicher Nachmittag, inzwischen waren die ersten Flüchtlinge eingezogen. Ein paar Linke hatten einen Tisch aufgestellt, mit Keksen und einem Schild: „Refugees welcome“. Es waren auch ein paar Polizisten da, sie versteckten sich hinter den Büschen, die Lage hatte sich offensichtlich beruhigt. Das ehemalige Max-Reinhardt-Gymnasium stand fünf Jahre leer und sollte eigentlich abgerissen werden. Im ersten Stock hatte jemand lilafarbene Vorhänge angebracht, die sich manchmal bewegten.

Vor der Tür stand ein Wachschützer. Er war hauptsächlich damit beschäftigt, die Geschenke anzunehmen, die Anwohner vorbeibrachten, Blumen, Kuchen, Obst, Kinderkleidung, Spielzeug. Ricardo Schneider und seine Freundin hielten an und guckten. Er dachte nicht an die Schicksale der Menschen hinter den Vorhängen, er dachte daran, dass es in der ganzen Umgebung keinen sauberen Spielplatz für seinen Sohn gibt.

Sein Sohn ist ihm wichtig. Er hat seinen Namen auf den linken Unterarm stechen lassen. In seinem Wohnzimmer hängen nur Bilder von dem kleinen Jungen.Er ist zweieinhalb, er soll eigentlich längst zur Kita gehen, damit Schneiders Freundin ihre Ausbildung beenden kann, damit sie sich eine gemeinsame Wohnung suchen können. Aber man hat ihnen gesagt, es gebe keinen Kitaplatz für ihren Sohn. Er wisse nicht recht, wie es weitergehen solle, sagt Schneider. Er steht vor dem Heim und blinzelt in die Sonne. Seine Freundin steht still daneben.

Das Problem mit den Kitaplätzen bestand schon eine Weile, der Bezirk hat offenbar nicht gut geplant, doch als bekannt wurde, dass die leer stehende Schule in ein Flüchtlingsheim umgewandelt wird, da sah Ricardo Schneider einen Zusammenhang. Er bekam das Gefühl, dass da etwas nicht stimmte. Dass der Bezirk es nicht schafft, einen Kitaplatz für seinen Sohn zu schaffen, dann aber schnell ein ganzes Haus umbaut.

Er findet, dass es in Berlin zu viele Ausländer gibt

Mit Ausländern hatte Ricardo Schneider noch nicht viel zu tun. In der Schule hatte er einen Mitschüler, der Türke war und mit Schlagstock und Elektroschocker zum Unterricht kam. Schneider geriet mit ihm aneinander. Es dauerte eine Weile, bis die Lehrer etwas merkten, es gab viele schwierige Schüler, dann musste der Türke mit dem Elektroschocker die Schule verlassen, erinnert sich Schneider. Er ging auf die Felix-Wankel-Schule, eine Hauptschule. Sie wurde mit der Schulreform geschlossen.

Es war nur eine Begegnung, aber danach stand das Bild. Türken sind laut, grob und haben eine große Klappe. Als sein Vater noch lebte, hat er ihn mal in Hohenschönhausen besucht, er gab ihm Taxigeld für die Heimfahrt, und der Taxifahrer war Türke. Er habe sich unwohl gefühlt, sagt Schneider in seinem Wohnzimmer.

Er findet generell, dass es in Berlin schon zu viele Ausländer gibt. Jedes Mal, wenn er durch Kreuzberg fährt, fühlt er sich in seiner Meinung bestätigt. Er sieht lauter Läden und Taxis und darin Türken, die türkisch miteinander reden. Er findet Kreuzberg dreckig und voll und hat den Eindruck, dass jede zweite Straße ihnen schon gehört. Den Türken.

Dann fällt ihm aber ein, dass er kürzlich im Fernsehen einen Bericht über die Türkei gesehen hat. „Da sah es in den Wohnzimmern aus wie bei uns.“ Ricardo Schneider klingt überrascht. Er berlinert, und hängt an seine Sätze oft ein betonendes Brummen, das wie „joah“ klingt.

Vor einem dreiviertel Jahr sei er am U-Bahnhof Hellersdorf überfallen und verprügelt worden, erzählt er. Er kam von einer Geburtstagsfeier, er hatte was getrunken, es war morgens um drei, da sei eine Gruppe auf ihn zugekommen und habe ihn angegriffen. Seine Freundin habe ihn mit doppeltem Kieferbruch gefunden. Er ist sicher, dass die Täter einen russischen Akzent hatten. Eine Anzeige hat er nicht gestellt. „Das bringt nichts“, sagt er.

Wenn Ricardo Schneider über sein Leben in Hellersdorf redet, dann verwandelt er sich, wird sprachlich aggressiver. Dauernd „knallt“ es irgendwo, dauernd muss man aufpassen, wie man sich bewegt, ständig auf der Hut sein, einzelne Gebiete sind schon „besetzt“, andere kann man noch betreten. Er klingt, als lebe er in einem Kriegsgebiet. Wir gegen die. Als müsste er sich gegen etwas verteidigen. Als wäre seine Welt in Gefahr.

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Er wuchs bei der Mutter in Marzahn auf, die Eltern hatten sich getrennt. Geld war immer knapp, manchmal verkaufte Ricardo Schneider altes Spielzeug auf dem Flohmarkt, er war stolz, wenn er seiner Mutter ein paar Euro geben konnte. Als sie nach einer langen Krankheit starb, brach für ihn eine Welt zusammen. Sein Verhältnis zu seinem Stiefvater verschlechterte sich. Er fing an zu trinken.

Morgens um sechs ging er mit seinem Kumpel Pascal, den er aus der Schule kannte, zu Extra und holte Bier und Cola, später auch Wodka. Sie saßen oft angetrunken im Unterricht. Einmal brachten sie sogar einen Kasten Bier mit in die Schule und versteckten ihn im Schrank. Die Lehrer der Hauptschule haben angeblich wieder nichts gemerkt. Er war damals 15. Wenig später starb sein leiblicher Vater, Ricardo Schneider war nun Vollwaise und für sich selbst verantwortlich. Mit 17 zog er in seine eigene Wohnung. Er erzählt das heute ruhig, ohne Emotionen.

Er kam vom Alkohol wieder weg, „ganz allein“, sagt er stolz. Im letzten Schuljahr arbeitete er sich von einer Sechs in Mathematik auf eine Drei hoch. Er steht plötzlich im Wohnzimmer von seinem Sessel auf, kramt in seinem Rucksack in der Ecke und fischt seine Bewerbungsmappe heraus. Er hat mehr als zehn Seiten ausgedruckt, Anschreiben, Lebenslauf, Referenzen, alles zweifarbig, mit einem neuen Foto. Das hat er in dem neuen Kurs gelernt. Er zeigt das Zeugnis vor, in Deutsch hat er eine Vier, aber eine Eins in Arbeitslehre.

Nach der Schule wollte er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann machen. Er schrieb Bewerbungen, aber niemand wollte ihm eine Chance geben. Viele wollen Einzelhandelskaufmann werden, auch Abiturienten. Es gab auch niemanden, der ihm einen Rat hätte geben können. So lebt er nun von Hartz IV und den Jobs, zu denen ihn das Amt schickt, 1,50-Euro-Jobs, 400-Euro-Jobs. Er ärgert sich, wenn die Leute denken, dass Hartz-IV-Empfänger den ganzen Tag vor dem Flachbildschirm liegen. Er sagt, er habe manchmal 40 Stunden die Woche gearbeitet, und trotzdem am Ende nur 160 Euro zusätzlich gehabt. Er war Ladendetektiv, Supermarktkassierer, Wachmann, zuletzt arbeitete er als Bestatter. Am Anfang musste er sich überwinden, wegen des Geruchs, aber dann ging es.

Er würde gern weg aus Hellersdorf, er will nicht, dass sein Sohn das gleiche erlebt wie er. Er hat schon einen Ort im Kopf. An dem die Luft sauberer, die Straßen aufgeräumter, die Menschen freundlicher zu sein scheinen. Er redet von Aachen, von dort kommt der Freund seiner Schwester, er hat ihn mal für eine Woche mitgenommen. Es ist auch die einzige Stadt, die er außer Berlin kennt. Aber im Moment sitzt er hier fest und weiß nicht weiter. Das Heim scheint nun ein weiteres Problem in seinem Leben zu sein.

In den Nachrichten hat er gehört, dass in diesem Jahr noch 25.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. „Bitte nicht nach Hellersdorf“, sagt er nur und starrt auf seinen Kaffee, der inzwischen kalt geworden ist. Er schaltet jetzt öfter die Nachrichten an. Er sucht Antworten bei der Politik, und findet keine.

Kurz überlegte er, die Linkspartei zu wählen. Ihm gefiel, dass sie einen Mindestlohn von zehn Euro fordern. Aber dann hat er gehört, dass sie das Heim unterstützen. Er versteht nicht, warum. Es hat ihm nie jemand erklärt, warum die Fremden herkommen.

Anfang September lädt die amtierende Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle zu einer Pressekonferenz ins Rathaus Hellersdorf, etwa ein Monat ist vergangen, seit das Bezirksamt von dem geplanten Heim erfahren hat, die ersten Asylbewerber sind inzwischen eingezogen. Auch der Bezirk war von der Entscheidung überrumpelt worden, in der leerstehenden Schule eine Notunterkunft einzurichten.

Der Bezirksbürgermeister ist seit einer Weile krank, Sozialstadträtin Pohle von den Linken muss die Geschäfte führen. Man kann sagen, das Heim ist auch in ihr Leben geplatzt. Sie sitzt an einem runden Tisch, versucht, die Lage emotionslos und sachlich darzustellen. Sie kennt den Vorwurf, dass Kitaplätze fehlten. Sie sagt, sie seien unwahr. „Wir haben ein Plus von nicht-besetzten Plätzen, jeder kann versorgt werden“, erklärt sie. Wer keinen Platz finde, solle sich direkt an sie wenden.

Dagmar Pohle gibt sich Mühe, geht jeden Tag ins Heim. Aber sie hat auch Fehler gemacht. Auf der Anwohnerversammlung im Juli entglitt dem Bezirksamt die Kontrolle, Pohle ließ sich vom NPD-Vorsitzenden Sebastian Schmidtke das Mikrofon aus der Hand nehmen. Keiner der Politiker traute sich, den Bürgern ins Gesicht zu sagen, dass das Asylrecht ein Grundrecht ist, eine zivilisatorische Errungenschaft, und dass sie sich an den Anblick der Fremden gewöhnen müssen.

Die linke Bundestagsabgeordnete Petra Pau sprach von Pogromstimmung, immer wieder fiel das Wort Rostock-Lichtenhagen, als würde das irgendwas erklären.

Ricardo Schneider war ein Jahr alt, als Rostock-Lichtenhagen passierte. Damals randalierten rechte Gruppen dort tagelang vor dem Asylbewerberheim, darunter auch Jugendliche, die der Zusammenbruch der DDR aus der Bahn geworfen hatte. Sie waren in dem Alter, in dem Ricardo Schneider heute ist. Er kann die Steinewerfer von damals nicht verstehen. Er fühle sich weder als Ossi noch als Wessi, sagt er. Wenn Verwandte davon reden, dass es früher besser gewesen sein soll, kann er das nicht verstehen. Was soll an einem Land gut gewesen sein, in dem es keine Freiheit gab?

Die amtierende Bezirksbürgermeisterin im Rathaus von Hellersdorf referiert, wie viele Menschen zu den Anwohnerversammlungen gekommen sind, zu denen nach dem Einzug der Flüchtlinge eingeladen wurde. Manchmal kamen vierzehn, manchmal auch nur acht Leute. Um zu zeigen, wie ernst die Sorgen der Bürger genommen werden, wurde ein Katalog mit Fragen und Antworten zusammengestellt, den man sich von einer Internetseite herunterladen kann. Die letzten Wochen seien eine große Belastung für die Anwohner gewesen, sagt Dagmar Pohle. Es gebe überall den Wunsch nach Ruhe. Ruhe ist ein Wort, das oft fällt.

„Wie stellen Sie sich Dialog mit jenen vor, die nicht gekommen sind“, fragt eine Journalistin. Das sei eine spannende Frage, weicht Pohle aus und führt aus, wie positiv das zivilgesellschaftliche Engagement zu bewerten sei.

Für ihn ist die NPD eine normale Partei

Demnächst soll es einen Tag der offenen Tür geben, damit Anwohner und Flüchtlinge sich besser kennenlernen. Das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit für Ricardo Schneider, zu sehen, wie die Flüchtlinge leben, dass sie noch weniger haben als er. Vielleicht könnte er feststellen, dass sie gar nicht so verschieden sind, die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan und der Hellersdorfer Hartz-IV-Empfänger, dass sie alle einen Platz für sich suchen.

Schneider schüttelt den Kopf, nein, das kann er sich nicht vorstellen, da hinzugehen. „Die können ja auch gar kein Deutsch.“

Ricardo Schneider war nie in einer rechten Gruppe, er gehört keiner Kameradschaft an. Doch am Sonntag will er die NPD wählen. Er kennt das Programm nicht, doch er weiß, dass die Partei gegen das Heim ist. Er hat den Eindruck, dass die NPD am ehesten seine Ängste versteht.

Er ist sich nicht bewusst, dass er mit seinen Sympathien als Rechter wahrgenommen werden könnte. Darauf angesprochen, wird er defensiv: „Das ist meine persönliche Meinung, darauf habe ich ein Recht.“ Für Schneider ist die NPD eine ganz normale Partei. Vor seinem Haus hängen Plakate der Linkspartei und der NPD, wenn man daran vorbeifährt, könnte man sie fast verwechseln, weil beide schwarz und rot sind. Es ist eine Partei, die zu den Wahlen antritt und von der Polizei beschützt wird. Politiker sagen, es sei aus unterschiedlichsten Gründen schwierig, sie zu verbieten.

Wie aus einem wütenden, enttäuschten jungen Mann ein Rechter werden kann, davon kann der Experte Bernd Wagner erzählen. Er war zu DDR-Zeiten Oberstleutnant der Volkspolizei, leitete die AG „Skinhead“ bei der Kriminalpolizei, inzwischen führt er eine Organisation, die sich um Aussteiger kümmert. Er hat viel Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen.

Er vergleicht die Anfälligkeit für rechtsradikale Gedanken mit einem Virus, einem ideologischen Infekt. Er niste sich in der Persönlichkeit ein, sei überall abgreifbar, im Fernsehen, im Internet. Man brauche dazu gar keine Partei, sagt er am Rande einer Podiumsdiskussion in Berlin. Warum nimmt jemand diese Gedanken auf? Weil das Immunsystem angegriffen ist, weil er schlecht behandelt wurde. Wagner kennt Schneider nicht, doch es ist, als ob er über ihn rede.

Ricardo Schneider trinkt seinen Kaffee aus. Am nächsten Tag muss er wieder zur Berufsschule. Drei Mal die Woche geht er zum Kurs. Neun Türken und sechs Deutsche gibt es in der Klasse. Er hatte Bedenken, am Anfang. Sie haben sich in den ersten Tagen lustig gemacht, weil er aus dem Asi-Viertel kommt. Er fand, dass sie für Türken erstaunlich gut Deutsch sprechen. Demnächst wollen sie gemeinsam auf eine Ein-Euro-Cocktail-Party. Vielleicht sogar in Kreuzberg.