Kanzlerin Angela Merkel? „Konnte nicht mit Messer und Gabel essen.“ Ex-Bundespräsident Christian Wulff: „Eine Null. Ganz großer Verräter.“ Wolfgang Thierse, der frühere SPD-Bundestagspräsident: „Ein Volkshochschulhirn.“ Heftige Urteile, gefällt von Helmut Kohl. Der Spiegel hat die Wütereien des langjährigen Regierungs- und Unionschefs ausgegraben: Sie stammen aus 600 Stunden „geheimen“ Gesprächsaufzeichnungen des Kohl-Biografen Heribert Schwan. Er hatte 2001 und 2002 insgesamt 105 Treffen mit dem Altkanzler, in denen Kohl gerne über Parteifreunde herzog.

Grob ging der Altkanzler in seinen Erinnerungen auch mit den ostdeutschen Bürgerrechtlern um. Nach Kohl ist die DDR nicht implodiert, weil das Volk aufmuckte, sondern weil die Sowjetunion und Michail Gorbatschow „am Arsch des Propheten“ waren: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geiste über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert“, soll Kohl den Umbruch im Osten gewertet haben. Vorstellungen, die Revolutionäre im Osten hätten den Zusammenbruch der DDR bewirkt, seien dem „Volkshochschulhirn von Thierse“ entsprungen.

Erfrischend klarer Beitrag

Die Tonbänder, auf denen das alles stehen soll, sind seit März wieder im Besitz Kohls. Kanzler und Biograf hatten sich schon fünf Jahre vorher überworfen. Kurioserweise behielt Schwan aber die Bänder. Kohl klagte auf Herausgabe und bekam Recht. Nichtsdestotrotz hat sich Schwan entschieden, wichtige Passagen jetzt zu veröffentlichen.

Angela Merkel war laut Kohl unerfahren in Tischsitten: „Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“ Und ihre Politik, fand sie Gnade in den Augen des Alten? Vor allem ihre Europapolitik will Kohl kritisch gesehen haben. Über Merkel und den damaligen Unionsfraktionschef Friedrich Merz soll er gesagt haben: „Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.“

Wenn alles so stimmt, wie nun beschrieben, dann sind Kohls geheime Gesprächsprotokolle ein denkbar grober und erfrischend klarer und ehrlicher Beitrag zur bundesdeutschen Geschichte – höchste Zeit also, alles zu veröffentlichen. Aber das will Kohl verhindern. Laut Focus will er erneut klagen und Schwans Buchpläne stoppen.