Ob der amerikanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway ein Kriegsverbrecher war, ist eine gern diskutierte Streitfrage. Dabei haben Hemingway-Experten darauf längst eine Antwort gegeben: Für die Ermordung von 122 deutschen, zum Teil unbewaffneten Soldaten, deren sich der Autor in zwei etwas wirren Briefen gut vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs rühmte, gibt es keine Belege.Zuletzt wurde 2007 im österreichischen Schruns über das Thema gestritten. Anlass war ein Denkmal, das die Vorarlberger Gemeinde in Erinnerung an Hemingways Aufenthalt Mitte der Zwanzigerjahre errichten wollte. Der Bürgermeister von Schruns ließ schließlich ein Gutachten des renommierten Literaturprofessors Hans-Peter Rodenberg von der Universität Hamburg einholen, das die Gemüter beruhigte. Ende März 2008 wurde das Hemingway-Denkmal eingeweiht.Jetzt aber hat die NPD das alte Thema entdeckt und macht mit den alten, längst widerlegten Parolen vom Soldatenmörder Front gegen ein Theaterprojekt auf Rügen. Ende Juli soll dort am Kap Arkona, im Leuchtturmwärter-Garten unterhalb des Schinkel-Baus, eine Bühnenfassung der Hemingway-Novelle "Der alte Mann und das Meer" Premiere haben. In der Inszenierung des Berliner Regisseurs Jens Hasselmann spielt der Schauspieler Horst Janson unter freiem Himmel den alten Fischer Santiago, der mit einem riesigen Fisch ringt, dem Fang seines Lebens, von dem er am Ende nur das Skelett in den heimischen Hafen bringt.Nach einem Aufruf in der aktuellen Ausgabe des NPD-Parteiorgans Deutsche Stimme sind innerhalb weniger Tage bereits ein Dutzend E-Mails und Postkarten bei den Künstlern und den Kommunalbehörden auf Rügen eingegangen. Darin wird die Absetzung des Hemingway-Stücks gefordert. Die Schreiben seien bislang in durchaus freundlichem Ton gehalten, sagt Regisseur Hasselmann. Er habe sich deshalb dazu entschlossen, den Absendern das auch im Internet nachzulesende Rodenberg-Gutachten zuzusenden, das Hemingway von den Vorwürfen entlastet.Hang zur PrahlereiIn seinem Gutachten von 2008 wertet der Uni-Professor die umstrittenen Briefpassagen als "rein fiktionale Aussagen". Er stimmt dabei mit vielen Hemingway-Biografen überein, die die beiden Schreiben in ihren Forschungen seit Jahren bewusst ignorieren. Der Grund dafür ist, dass sich der damals 50-jährige Hemingway Ende der Vierzigerjahre in einer tiefen Lebenskrise befunden habe, schreibt Rodenberg. Seine Enttäuschung über die unerwiderte Liebe zu einer jungen italienischen Aristokratin habe er mit großspurigem Auftreten, Prahlerei und Selbstmythisierung kompensiert. So rühmte sich der Schriftsteller in anderen Briefen auch einer angeblichen Affäre mit der Spionin Mata Hari - nur dass diese, als Hemingway 1918 das erste Mal nach Europa kam, bereits seit einem Jahr tot war.Zur Entlastung von Hemingway tragen laut Rodenberg zudem Untersuchungen einer Kommission der US-Army bei. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sie Vorwürfe geprüft, wonach sich der damals als Kriegsberichterstatter in Frankreich eingesetzte Schriftsteller entgegen den Vorschriften an Kampfhandlungen beteiligt habe. Die Kommission konnte dafür aber keine Belege finden und sprach Hemingway frei.Regisseur Hasselmann sagt, er wolle sich von der NPD-Kampagne nicht beeindrucken lassen. "Wir leben in einer Demokratie, da muss man auch andere Meinungen aushalten können", sagt er. Und so lange der Ton in den Protestschreiben so sachlich bleibe wie bisher, mache er sich auch keine Sorgen um seine Inszenierung.