Wenn einem erstmal das Etikett "Legende" anhaftet, dann darf man fast alles. Diese Erfahrung hat auch Henning Vosskamp, der mit im West- wie im Ostteil der Stadt gleichermaßen begeistert aufgenommenen Sendungen wie "s-f-Beat" Berliner Radiogeschichte geschrieben hat, gemacht. Am Ostersonntag verabschiedete er sich von seinen Hörern auf radioBerlin 88.8, die seine manchmal chaotischen, nie aber lustlos abgelieferten Sendungen über Musiker und ihre Musik, Schauspieler und anderes fahrendes Volk geliebt haben. Am 23. April wird Vosskamp 65, ab dem 1. Mai darf er sich Rentner nennen.Die Rente ist - für ihn zumindest - sicher. Was unabhängig macht. So gibt er sich keinen Illusionen über die Abschiedsrituale hin und zeigt auch in den letzten Tagen in seinem kleinen Kabuff am Ende eines Ganges im vierten Stock vom Haus des Rundfunks an der Masurenallee keine Spur von Altersmilde: "Jetzt kommen Kollegen und klopfen einem auf die Schulter. Ich stehe schon ganz schief! Das sind oft Leute, die einfach froh sind, dass ich keine Konkurrenz mehr für sie bin."Sein loses Mundwerk hat Vosskamp schon oft Ärger eingebracht, auch mit der Polizei. In den 70er- Jahren wurde er von West-Berliner Polizisten bei Verkehrskontrollen so begrüßt: "Vosskamp, du linkes Schwein!" Die waren sauer, dass der Moderator in einem drei Jahre dauernden Verfahren am Ende mit einem Freispruch davongekommen war. Weil der Richter, anders als das damals üblich war, dem Bürger und nicht den 15 Polizisten, die sich ihre Aussagen gegenseitig bezeugten, glaubte. Auslöser war eine Bagatelle gewesen: "Ich soll mich verkehrsbehindernd verhalten haben, weil ich auf der Straße lief, um ein Taxi anzuhalten."Auch mit Vertretern der DDR-Staatsmacht hat Vosskamp seine Erfahrungen gemacht. Ein Grenzer gab sich mit einer Bemerkung beim Blick in Vosskamps Ausweis als sein Hörer zu erkennen: "Ach, so sehen Sie aus!" Dabei war denen das Hören des Frontstadtsenders SFB doch streng verboten. Was wohl auch daran lag, dass Vosskamp seine Sendung als Missionar bestritt: "Die Musik war nur das Transportmittel für die Botschaft: Werdet mündige Bürger!" Und diese Botschaft richtete sich ausdrücklich an die von ihren Meistern mies behandelte Lehrlingsgeneration in West-Berlin und die vom Staat entmündigte Jugend im Osten.Schon 1973 produzierte Henning Vosskamp, der nicht nur für den Jugendfunk arbeitete, eine Sendung, die ihm den Wilhelmine-Lübke-Preis einbrachte. Das Thema berührte damals ein Tabu und könnte ihn heute, räumt er lachend ein, wieder interessieren: Sexualität im Alter.Langeweile fürchtet der künftige Pensionär nicht: "Ich habe drei Angebote für Talkshows. Im Renaissance-Theater, im Wintergarten und beim Radio. Außerdem will ich endlich meinen vor drei Jahren begonnenen Politroman beenden. Das dauert bestimmt auch noch zwei Jahre."Dass er vom Schauspiel kommt, früher mit Harald Juhnke im Hansa-Theater auf der Bühne stand, hat Vosskamp immer als Vorteil gesehen. "Dadurch hatte ich nicht nur Ahnung, sondern auch Achtung vor diesem Beruf." Auch wenn er weiß, wie wenig das mit der Realität zu tun hat, träumt er von Rollenangeboten am Theater: "Ich würde gern den König Lear spielen! Bei Peymann oder Ostermeier." - Man wird doch wohl noch träumen dürfen!------------------------------Foto: Ein Foto aus den 70er-Jahren: Moderator Henning Vosskamp im Interview mit Paul McCartney.------------------------------Foto: Wie ein Rentner fühlt sich Henning Vosskamp noch lange nicht. Der legendäre Radiomoderator hat Angebote für Talkshows und träumt vom Theater.