WEIDEN, im Februar. Es sollten sechzig Jahre vergehen, ehe Henny Brenner einem ihrer Retter in die Augen sehen konnte. Leslie Hay war nicht auf Dankbarkeit vorbereitet, als er an einem Abend Anfang Januar in Dresden an den Tisch der älteren Dame trat. Das ZDF hatte für eine Dokumentation Zeitzeugen des Bombenangriffs vom Februar 1945 eingeladen. Leslie Hay, der Engländer, ging auf die Deutschen zu. Er suchte eine Geste der Versöhnung. "Als ich ihm sagte: You have saved my life, hat er mich umarmt", erzählt Henny Brenner. "Er hat geschluchzt." Als Bomberpilot der Royal Air Force war Leslie Hay in der ersten Angriffswelle geflogen.Dem Bombardement englischer und amerikanischer Fliegerkräfte in der Nacht zum 14. Februar fielen mehr als 35 000 Menschen zum Opfer. Die Wunden des erbarmungslosen Luftangriffs sind nicht verheilt. Über seinen militärischen Sinn wird bis heute erbittert diskutiert."Ich verdanke den Bomben, die Dresden zerstörten, mein Überleben", sagt Henny Brenner. Sie kennt die alten Dresdner und sie weiß um den Klang dieser Worte in diesen Tagen. Sie ist selbst eine alte Dresdnerin; eine Jüdin aus Dresden. Am Sonntag wird Henny Brenner den Ort ihrer Kindheit aufsuchen, um ihre Geschichte zu erzählen. Seit fünfzig Jahren lebt sie in der Oberpfalz. Sie kehrt mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Es ist ein besonderes Schicksal, das sie mit ihrer Heimatstadt verbindet. "Die Stadt, die ich verbrennen sah, hatte einstmals als Zuflucht für meine Großeltern gedient", sagt Henny Brenner. Nach antijüdischen Pogromen in Russland waren sie 1892 von Minsk nach Dresden gekommen. Henny Brenner sitzt im Sessel ihres Wohnzimmers, auf dem Schoß einen Karton mit Fotos und Dokumenten. Die Sonne, die durchs Fenster scheint, blendet sie. Wo ist aller Anfang? Als ihre Mutter 1920 den protestantischen Herrn Wolf heiratete, konnte niemand ahnen, dass man diese Ehe bald als "Mischehe" diffamieren würde. Henny kam 1924 zur Welt, ihr Vater nannte sein blondes Mädchen "Mondscheinprinzessin", weil es so blass war. Die Familie wohnte in der Nähe des Großen Gartens. Dem Vater gehörte das Palast-Theater, ein Kino, in dem Henny gern ihre Mickeymaus-Filme sah. "Meine Eltern führten das übliche bürgerliche Leben." Mit der Religion hielten sie es liberal. Als die Nazis an die Macht kamen, war Henny Wolf, wie sie damals hieß, acht Jahre alt.Im Jahr 1933 lebten in Dresden etwa sechstausend Juden. Die jüdische Gemeinde in der sächsischen Metropole war nie sehr groß gewesen. Doch auch die wenigen wurden verfolgt, verjagt, vernichtet. Anfang 1945 gab es nur noch zirka 170 jüdische Einwohner. Fast alle waren durch ihre "arischen" Ehepartner vor der Deportation bewahrt worden. Die Wolfs hatten nahezu alles verloren, ihre Verwandtschaft, ihre Freunde, ihr Kino, ihre Wohnung. Henny Wolf ging nicht auf die Kunstakademie, wie sie es als junges Mädchen vorgehabt hatte. Sie musste Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion leisten, zuletzt in einer Kartonagenfabrik, wo sie auch Victor Klemperer traf. Jeden Tag verschwanden Menschen. Sie wurden abgeholt, sie kamen nicht mehr wieder. "Die Angst war schlimmer als alles andere", sagt Henny Brenner, "schlimmer als der Hunger, als der Judenstern." Am Vormittag des 13. Februars 1945, Faschingsdienstag, kam ein Bote der jüdischen Gemeinde mit einem Schreiben zu den Wolfs. Henny Brenner hat es bewahrt. Sie entfaltet es. "Auf Anweisung der vorgesetzten Dienststelle, der Geheimen Staatspolizei Dresden fordere ich sie auf, sich Freitag, den 16. Februar 1945, früh 6.45 Uhr pünktlich im Grundstück Zeughausstraße 1, Erdgeschoss rechts, einzufinden." An der Zeughausstraße hatte einst die Dresdner Synagoge gestanden. Bis zur Pogromnacht 1938, als sie von den Nazis in Brand gesteckt wurde. Das von Gottfried Semper erbaute Gebäude war aus der Silhouette am Elbufer getilgt worden. Die Wolfs wurden aufgefordert, eine Decke - "darf über dem Arm getragen werden" - und ein Essgeschirr zum Stellplatz mitzubringen. "Das hieß KZ, das war uns klar", sagt Henny Brenner. "Vermutlich Theresienstadt, aber wahrscheinlich hätten sie uns schon unterwegs erledigt. Mutter und ich sollten fort. Mein Vater regte sich fürchterlich auf: Das kommt nicht in Frage. Entweder gehe ich mit oder es geht keiner. Er dachte daran, uns in einem der Flüchtlingstrecks zu verstecken, die aus Schlesien kamen." Dann, sagt sie, fiel dieser Satz: "Uns kann nur ein großer Angriff retten."Aber mit einem Angriff auf Dresden rechnete ja niemand. Die Stadt war so lange verschont geblieben. "Ach Papa, was redest du. Wir haben das gar nicht ernst genommen. Wir saßen da, mit dem Kopf in der Hand. Wir waren wie gelähmt. Meine Mutter heulte die ganze Zeit und ich war auch völlig verzweifelt." So wurde es Nachmittag.Tausend Kilometer entfernt, auf den Feldflugplätzen an der englischen Küste, nahmen die Piloten ihren Einsatzbefehl entgegen. Den Fliegern wurde erklärt: Früher bekannt für sein Porzellan, hat sich Dresden zu einer äußerst wichtigen Industriestadt entwickelt, und wie jede andere Großstadt verfügt es über vielfältige Telefon- und Eisenbahneinrichtungen. Mit diesen Informationen im Kopf stiegen Männer wie Leslie Hays in ihre Bomber. Zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr hoben die 245 Maschinen der ersten Welle ab. "Wir konnten nicht schlafen", sagt Henny Brenner. "Mein Vater hatte sich mit seiner Kleidung, auch den Schuhen aufs Bett geworfen. Um zehn begannen die Sirenen zu tönen. Nach einer viertel Stunde klingelte der Luftschutzwart und forderte uns auf, in den Keller zu kommen. Mein Vater sagte: Wir dürfen nicht. Uns Juden war es verboten, den Luftschutzkeller aufzusuchen. Wenn Bomben fallen würden, sollten wir oben verbrennen. Doch, doch, sagte der Wart, kommen sie, diesmal ist es Ernst. Es werden schon Christbäume gesetzt." So nannte man jene Munition, die das Zielgebiet beleuchtete. Der Luftschutzwart ist ein anständiger Mensch gewesen, sagt Henny Brenner und denkt darüber nach, ob das schon etwas Besonderes sei, wenn sich ein Mensch wie ein Mensch verhält. Auch diesem Dresdner verdankt die Familie Wolf ihr Überleben. Kurz nachdem sie in den Keller kam, erhielt das Wohnhaus darüber einen Volltreffer. Die Bomben scheinen jetzt ausgezeichnet zu fallen, meldete ein englischer Beobachter über Funk. "Es krachte auf einmal fürchterlich. Wir rannten hinaus und sahen, dass oben alles brannte. Mein Vater hastete hoch in die Wohnung. Ich hab' geschrien: Papa, lass das! Er wollte Papiere holen. Als er wieder unten war, liefen wir auf die Straße. Ich riss mir den Stern vom Mantel und versteckte ihn unter der Einlegesohle meines Schuhs." Henny Brenner sagt: "Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich frei."Mit Stahlhelm und Mundschutz flüchteten sie durch die brennende Stadt. Jeder von ihnen hatte einen kleinen Rucksack auf dem Rücken. Henny Brenner hatte nicht Wäsche und Schuhe dabei, sondern Fotos und ein Kochbuch. "Es gab für uns nichts zu lesen und nichts zu essen, wahrscheinlich habe ich deshalb ein Kochbuch mitgenommen", sagt sie. Ihr Vater wollte unbedingt zur Zentrale der Gestapo am Hauptbahnhof vordringen; sicher sein, dass die Akten vernichtet sind. "Wir kamen gar nicht so weit. Jeder dachte, dass nur sein Viertel brennt. Aber es brannte ja die ganze Stadt."Gegen ein Uhr nachts heulten in Dresden erneut die Sirenen. Doch nur in den Vororten, in der Innenstadt war die Alarmanlage ausgefallen. Die Menschen wurden von der zweiten Angriffswelle überrascht. "Wir rannten in irgendeinen Keller. Da waren nur Frauen und Kinder. Alles schrie durcheinander. Ein Schäferhund bellte wie verrückt." Henny Brenner erinnert sich, wie sie später die Elbe suchten. "Luft, Luft. Ich wollte nur Luft. Überall lagen Leichen. In den Bäumen hingen tote Menschen. Brennende Gestalten taumelten uns entgegen. Als wir an einer kleinen Gasse hinter dem Altmarkt vorbei kamen, war da so ein Sog. Ich wusste gar nicht, dass Feuer einen solchen Sturm entfachen kann. Auf einmal hob meine Mutter vom Boden ab. Sie begann zu schweben. Wir packten sie und von dem Moment an haben wir uns immer an den Händen gehalten." Am Morgen erreichte die Familie die Elbwiesen im Stadtteil Laubegast. Aschermittwoch. "Die Sonne schien glutrot", sagt Henny Brenner. Der Himmel war schwarz. Es wurde gar nicht Tag." Trotz der Kälte legten sich die Menschen nieder.Was niemand von ihnen wissen konnte, zu dieser Zeit waren bereits amerikanische Bomber unterwegs nach Dresden. Kurz nach zwölf Uhr begann der Angriff. "Plötzlich war da ein Rauschen in der Luft. Zusammen mit den Tausenden Menschen um uns herum warfen wir uns flach auf den Boden. Ich weiß nicht, ob das Tiefflieger waren oder ob Bomber im Abflug ihre Last abwarfen", sagt Henny Brenner. Dann war endlich Ruhe. "Vater dachte, es ist vorbei, jetzt können wir wieder normal leben." Doch es wurde lange nicht Tag. "Die drei letzten Monate waren am Schlimmsten", sagt sie. "Die Gestapo hat uns immer noch gesucht. Die waren selbst ausgebombt und hatten nichts besseres zu tun, als die paar Juden aufzuspüren, die in Dresden vielleicht noch am Leben waren." Die Akten, von denen ihr Vater hoffte, sie seien vernichtet, waren vor dem Angriff ausgelagert worden. Vater Wolf versteckte seine Frau und seine Tochter in einem leerstehenden Haus. Er meldete sie als verschüttet. "Drei Monate lang sind wir nicht mehr auf die Straße hinunter gegangen. Bei jedem Geräusch zuckten wir zusammen. Wenn Schritte auf der Treppe zu hören waren, dachten wir, jetzt holen sie uns ab." Nach ein paar Wochen zog ein SA-Mann in die Nachbarwohnung, mit seiner Familie. "Diese Kinder waren ja so entsetzlich. Sie spielten den ganzen Tag Krieg." Als der Nachbar eines Tages seine Uniform verbrannte, wussten sie, dass die Russen kommen. "Wir warteten auf unsere Befreier." Am 8. Mai rollten die Panzer der Roten Armee über die Loschwitzer Brücke, das Blaue Wunder. Ihnen folgten die Kampftruppen. "Ganz arme Menschen. Die hat Hitler alle noch in den Krieg gezogen", sagt Henny Brenner. "Sie taten mir Leid, aber ich hatte auch wahnsinnige Angst vor denen." Soldaten stürmten die Häuser. "Sie wollten nur Matka und Wodka. Wir riefen Evrej, Jude. Sie sagten, nix Evrej. So ging das jede Nacht. Ich musste mich vor meinen Befreiern verstecken. Es war furchtbar. Bis einmal ein jüdischer Offizier ins Haus kam, der uns dann beschützt hat."Henny Brenner nimmt es immer wieder mit, über alles zu sprechen. "Besonders, wenn ich in Dresden bin, wo diese Orte sind." Wo bei der Frauenkirche das Judenhaus stand, in dem in der Nacht des Bombenangriffes wohl vierzig Menschen umkamen. "Sie hatten genau so wie wir auf ihre Rettung gewartet." Es waren Freundinnen dabei und Doktor Langer, sie kennt die Namen.Sie wird weiterhin nach Dresden fahren, trotz allem. "Immer geht es um Dresden", sagt sie. Um den Angriff, von dem es heißt, er sei unnötig gewesen. "Warum spricht man nicht so viel über Coventry, Guernica, Warschau? Das war alles unnötig. Der ganze Hitler war unnötig. Ohne Hitler keine Bomben. Aus."------------------------------"Als ich ihm sagte: You have saved my life, hat er mich umarmt", erzählt Henny Brenner. Als Bomberpilot der Royal Air Force war Leslie Hay in der ersten Angriffswelle geflogen. ------------------------------Foto: Henny Brenner 1939 vor dem Dresdner Zwinger. Als diese Aufnahme entstand, war sie fünfzehn Jahre alt. Die Eltern ihrer Mutter waren 1892 nach antijüdischen Pogromen in Russland aus Minsk nach Dresden gekommen. Während der Zeit des Nationalsozialismus musste Henny Brenner in Dresdner Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisten. Im Februar 1945 sollte sie deportiert werden.