BAD HONNEF, im September. Als Herbert Hobohm noch einfach Herbert Hobohm hieß, als er zwölf Jahre alt war und in Lübeck lebte, da träumte er von fernen Ländern, fremden Kulturen und abenteuerlichen Reisen. Und weil das für einen Jungen aus Lübeck im Jahr 1938 nur Träume blieben, las er gegen das Fernweh Geschichten von Kara Ben Nemsi und dessen Diener Hadschi Halef Omar, las "Von Bagdad nach Stambul" und "Durch die Wüste". Er war fasziniert von der Welt des Orients. Und obwohl Karl May die moralische Überlegenheit des deutschen Helden und guten Christen Kara Ben Nemsi stets betont, wuchs in Herbert Hobohm die Neugier auf die fremde Religion, den Islam.Ein Jahr später hieß er Mohammad Aman Herbert Hobohm und war Moslem. Heute ist er 79 Jahre alt, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland und ein besorgter Mann. Er beobachtet die fundamentalistischen Tendenzen in der islamischen Welt und die immer feindlichere Stimmung gegenüber Muslimen im Westen. Er hat Angst, vor jenem "clash of civilizations", dem Krieg der Kulturen, den der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington beschworen hat.Als Herbert Hobohm zwölf Jahre alt war, bereitete Hitler den Zweiten Weltkrieg vor. Damals lebten nur einige tausend Studenten, Diplomaten und Kaufleute aus arabischen Ländern in Deutschland. Also fuhr der Junge zu einem Onkel, der in Berlin wohnte, wo es eine Moschee gab. Der Imam gab ihm Schriften über Glaubensinhalte des Islam mit nach Hause. Was er da las, schien ihm klarer und einleuchtender als das, was er im evangelischen Religionsunterricht gehört hatte. Es gab keine Dreifaltigkeit Gottes wie im Christentum, und der Prophet Muhammad war nicht der Sohn Gottes, sondern ein Mensch. "Außerdem faszinierte mich der Gedanke, dass man sich in der muslimischen Bruderschaft gegenseitig hilft", sagt Hobohm, wenn er zurückdenkt. Wenig später, im Mai 1939, besuchte er die muslimische Gemeinde in Hamburg und wurde Moslem. Indem er drei Mal im Beisein von zwei Zeugen das Glaubensbekenntnis ablegte: "Ich bezeuge, dass nur Allah Gott ist, und dass Muhammad Sein Gesandter ist".Für Mohammad Aman Herbert Hobohm, wie er nun hieß, war es der Beginn eines Lebens zwischen den Kulturen, die sich mittlerweile so feindlich gegenüberstehen. Seine deutsche Lebensweise wollte er nie ablegen. "Mir war klar, dass ich mit dem Übertritt zum Islam nicht zum Araber werde." Statt dessen wurde er zum Weltbürger. Vierzig Jahre lang arbeitete er im deutschen Auswärtigen Dienst in islamischen Ländern, er war Imam einer Moschee, zwanzig Jahre mit einer Pakistanerin verheiratet, und seine zweite Frau ist eine japanische Muslimin. Mit ihr lebt er unauffällig und gediegen in einem Mehrfamilienhaus bei Bad Honnef im Rheinland.Hobohm selbst sieht aus, wie pensionierte Beamte, die sich lange in diplomatischen Kreisen bewegt haben, wohl aussehen: das weiße Haar zurückgekämmt, Oberlippenbart, blaues Jackett mit Goldknöpfen, blau-weiß gestreiftes Hemd, elegante Lederslipper. Er redet viel, aber mit Bedacht, erzählt gern Anekdoten, zitiert Koranverse in arabischer Sprache, flicht ab und an englische oder französische Wörter ein.Nach seinem Übertritt zum Islam war er voller Enthusiasmus, empfand einen Überschwang der Gefühle. "Ich musste einfach allen davon erzählen." Die Eltern waren entsetzt, der Vater, ein Reichsbahnbeamter, fürchtete um die Zukunft seines Sohnes in Nazi-Deutschland. Die Mitschüler nannten ihn Hadschi Halef Omar. Wirklich schwierig wurde es für den Moslem Herbert Hobohm in der Schule aber nicht. Nur bei der Wehrmacht bekam er kurz Probleme. Als Fähnrich der Marine stand Hobohm im Briefkontakt mit sechzehn anderen jungen Deutschen, die zum Islam übergetreten waren. "Wir schrieben uns Briefe in deutscher Sprache, aber in arabischer Schrift. Die Zensur hielt das für chiffrierte Botschaften."Nach dem Krieg macht Hobohm schnell Karriere. Er studiert auf Einladung einer islamischen Gemeinde in London und wird 1949 Imam der Berliner Ahmadyya-Moschee in Wilmersdorf. 1954, mit 27 Jahren, lässt er sich vom pakistanischen Botschafter eine Ehefrau aussuchen. Er sieht sie zum ersten Mal bei der Hochzeit in Karachi. Es ist eine arrangierte Ehe mit der Tochter einer wohlhabenden pakistanischen Familie und sie hält zwanzig Jahre, bis seine Frau stirbt.In Pakistan heuert ihn der deutsche Botschafter für den Auswärtigen Dienst an - als Seiteneinsteiger. Hobohm ist Attaché in Pakistan, Somalia, Sri Lanka und Saudi-Arabien, außerdem Leiter einer Zweigstelle des Goethe-Instituts im indonesischen Bandung. All diese Länder - bis auf Saudi-Arabien - lernte Herbert Hobohm zu einer Zeit kennen, als die Sitten noch vergleichsweise locker waren, als die meisten Muslime dem westlichen Lebensstil nacheiferten. "In Indonesien und Pakistan trugen die wenigsten Frauen Schleier oder Kopftuch. Die Wohlhabenden und Gebildeten sowieso nicht." Auch im Kairo der fünfziger und sechziger Jahre waren die Frauen nach westlicher Manier gekleidet. "Deshalb bin ich über den Kopftuch-Streit in Deutschland so bestürzt", sagt Hobohm. Und er meint damit nicht etwa das Kopftuch-Verbot der deutschen Gerichte, sondern die Haltung der muslimischen Organisationen. "Die haben den Streit unnötig hochgespielt. So eine Besessenheit habe ich früher nicht erlebt."Dass in den achtziger Jahren eine konservative Rückbesinnung auf den Islam einsetzte, deren Folgen mittlerweile überall in der islamischen Welt spürbar sind, sieht Hobohm mit Bedauern. "Seit fünfzehn oder zwanzig Jahren wird das muslimische Gemeindeleben immer verkrampfter. Es stehen nur noch Gebote und Verbote im Vordergrund." Fundamentalistischer Fanatismus stößt Hobohm ab. "Totalverschleierung ist entwürdigend für die Frauen. Dasselbe gilt für Zwangsverheiratungen", sagt er. "Das ist durch den Islam überhaupt nicht gedeckt. Die Auslegung der Islamisten wird der Größe und Erhabenheit der Religion nicht gerecht." Hobohm mag weder den Fundamentalismus noch die Libertinage und den zunehmenden Hedonismus des Westens, wie er sagt. Der Koran empfehle, den Mittelweg zu gehen. Im Koran liest Hobohm täglich. Wenn er von Muhammad spricht, fügt er hinzu: "auf dem der Friede und der Segen Gottes ruhen möge". Er besucht jeden Freitag die Moschee. Und die im Leben eines Moslems so wichtige Pilgerfahrt nach Mekka hat er bereits hinter sich. Aber zwischen Hobohm und den meisten seiner muslimischen Brüdern und Schwestern, wie er sie gerne nennt, tut sich ein immer breiterer Graben auf. Er wirft ihnen Rückständigkeit vor, Angst vor Veränderungen, Engstirnigkeit. Wenn er davon spricht, wird seine Enttäuschung spürbar.Das Problem ist nicht der Koran, das Problem sind die traditionellen Auslegungen, sagt Hobohm. "Lange Zeit hat es in der islamischen Welt kein schöpferisches Denken gegeben. Viele Religionsgelehrte der Universität von Kairo kleben heute an 800 Jahre alten Lehrmeinungen. Mit diesem Gepäck kann man nicht in die Zukunft gehen." Das sind harte Worte in den Ohren der meisten Muslime. Hobohm, immerhin im Vorstand eines der beiden großen muslimischen Dachverbände in Deutschland, macht sich damit unbeliebt. "Man ist höflich unter Muslimen, und mit bald achtzig Jahren gelte ich schon fast als Weiser", sagt Hobohm. "Aber man hört es nicht gerne, wenn ich so was sage, man würde eher erwarten, dass ich den Islamisten nach dem Munde rede." Gerade in Deutschland halte die muslimische Bewegung an traditionellen Ansichten fest.Die Nachbarn in Bad Honnef wissen, dass Hobohm und seine japanische Frau Muslime sind, aber sie sprechen es normalerweise nicht an. Nur nach den Attentaten in London hat ihn im Supermarkt um die Ecke der Verkäufer gefragt: "Herr Hobohm, was sagen Sie denn dazu?" "Ich finde es schrecklich", hat er ihm geantwortet. Was soll er auch sagen. Natürlich ist Hobohm entsetzt darüber, dass es junge Männer gibt, die im Namen des Islam Selbstmordattentate begehen. "Schuld daran sind die, die diese jungen Menschen einer Gehirnwäsche unterziehen. Diesen Lehrern muss man die Basis entziehen."Hobohm kann aber auch schnell die Perspektive wechseln und seinen kritischen Blick auf die Deutschen richten. Und was er da sieht, in den Medien, bei den Politikern, bei den Kirchenleuten, regt ihn ebenso auf. Er kann nicht vergessen, dass ein deutscher Politiker gesagt hat, der Islam sei eine Irrlehre. "So verteufelt man alle Muslime", sagt Hobohm. "Und es ist schmerzhaft für mich, wenn der katholische Kardinal Lehmann sagt, der Islam sei eine militante Religion."So steht Mohammad Aman Herbert Hobohm heute mehr denn je zwischen den Kulturen. Aber er träumt noch. Von einem Frieden der Religionen und der Kulturen. Er stellt sich eine Art Entrümpelungsaktion für den Islam vor, damit der im 21. Jahrhundert ankommt. Die Muslime sollen sich an eine Art Runden Tisch setzen und herausfinden, was sie aus dem jahrhundertealten islamischen Rechtssystem der Scharia wirklich noch für angemessen und unverzichtbar halten. Und: Was nicht. Behutsam müsse man Abschied nehmen von überkommenen Vorstellungen, sagt Hobohm. Und weiß doch, dass sich viele seiner muslimischen Schwestern und Brüder damit schwer tun werden.------------------------------"Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das mag zu Zeiten des Propheten angemessen gewesen sein, heute aber nicht mehr."Herbert Hobohm------------------------------Foto : Hobohm stammt aus Lübeck. Seit er Muslim ist, trägt er den Namen Mohammad Aman Herbert Hobohm. Seine deutsche Lebensweise wollte er nie ablegen.