Nun steht er leer. Der Hertie in der Karl-Marx-Straße hat einen langen Niedergang hinter sich, am Ende hieß er nicht mal mehr Hertie. Dabei hatte er lange Zeit Haltung zeigen können, obschon die Karstadt-Filiale am Hermannplatz in Laufweite lag. Karstadt am Hermannplatz war und ist eine Berliner Institution, in den Zwanzigern aß man auf dem Dach des damals wesentlich höheren und leuchtenden Gebäudes. Es wurde aber im Krieg geschleift und im Nachkrieg zum Zweckbau. Noch immer ist es eine für den Konzern wichtige Filiale.Doch das kleine Hertie-Haus ein paar hundert Meter weiter konnte sich gegen den edler ausgestatteten Konkurrenten behaupten, es bildete mit einer zuletzt ebenfalls dem Karstadt-Quelle-Konzern gehörenden Sinn-Leffers-Filiale, in dem sich zudem eine Media-Markt-Filiale befand, und dem C&A gegenüber das kleine Stadtzentrum von Rixdorf. Daran änderte sich auch nichts, als das Forum Neukölln eröffnet wurde, das heute unter dem Namen Neukölln Arcaden firmiert. Der Karstadt-Quelle-Konzern heißt nun ja auch anders, nämlich Arcandor, was genauso aufgesetzt und peinlich ist wie Neukölln Arcaden.Wie auch immer - vor wenigen Jahren noch war der kleine Hertie gut und gern besucht, man reiste aus Kreuzberg und Tempelhof an, auf der Suche nach Schnäppchen im Schlussverkauf. Der Hertie war gut ausgestattet. Als ich nach Neukölln zog, so etwa vor fünf Jahren, da schätzte ich es sehr, dass man den Großteil der Sachen, den man nach einem Umzug brauchte - Steckerleisten, Gardinenstange, Lampenschirm - um die Ecke bekommen konnte. In Prenzlauer Berg, wo ich zuvor gewohnt hatte, musste man für Schnürsenkel bis zum Kaufhof auf dem Alex radeln, auch die Beschaffung von Glühbirnen konnten ein Problem darstellen. Ich lobte mir also mein Neukölln schön.Auf einem Karl-Marx-Straßenfest erzählte mir dann T., warum der Hertie bei jungen, armen Neuköllnern so beliebt war - die Parfümabteilung hatte einen eigenen Ein- und Ausgang, sodass man dort hervorragend klauen konnte. So verhalf dieser Hertie sogar jenen, die als typische Neuköllner galten, den Armen, zu einem angenehmen Geruch. Die meisten Besucher des Karl-Marx-Straßenfestes aber, so mussten wir feststellen, blieben lieber ehrlich und rochen nach Schweiß.Der kleine Hertie allerdings ging nicht daran ein, dass er leer geklaut wurde. Er lief ja gut, wurde aber, als der Konzern, der noch nicht Arcandor hieß, in die Krise geriet, in einen Ramschmarkt umgewandelt. Die obere Etage wurde geschlossen, ebenso das Restaurant und die Lebensmittelabteilung im Keller, bald auch die Apotheke und der kleine Fleischerladen an den Seitenflügeln. Dann konnte man alles zum halben Preis kaufen, manchmal wurde auf den halben Preis noch mal ein Rabatt von 70 Prozent gegeben. Vor der Tür wurden billige Internetzugänge von fliegenden Händlern offeriert. Als der Ausverkauf im Hertie startete, reagierte die Leitung der C&A-Filiale mit Humor - ein Riesenplakat hing von da an am Gebäude, auf dem stand: "Die Besten bleiben - C&A Neukölln."Doch als der Hertie schon längst hätte leer gekauft sein müssen, hatte er immer noch Ware. Und im Monat darauf noch immer. So ging das mehrere Jahre, inzwischen hatte der Konzern, der nicht mehr Karstadt-Quelle heißt, auch den Markennamen Hertie verkauft, der kleine Hertie, der zwischendurch Hertie Schnäppchen-Markt hieß, hieß nur noch Schnäppchen-Markt, aber die Ware wurde nicht weniger. Dann erschien aber doch ein Schild mit "Räumungsverkauf", und die Ware nahm tatsächlich ab. Inzwischen war ich in Neukölln umgezogen, nun hatte ich direkten Blick auf den Hertie, der nicht mehr Hertie hieß, und konnte sehen, wie er langsam ausgeräumt wurde.Das Gebäude steht nun leer, abends leuchtet im Erdgeschoss das Licht, man sieht jetzt, wie groß es ist. Es schien viel kleiner, als es noch voller Ramsch war.Das Gebäude soll umgebaut werden, heißt es, ein Warenhaus soll hinein, eines, in dem mehrere Geschäfte sind. Für Neuware, nicht für Ramsch. Doch der Umbau hat noch nicht begonnen. Der Schnäppchen-Markt aber existiert weiter. Er ist in den leerstehenden Bau von Sinn-Leffers und Media-Markt schräg gegenüber gezogen. Sinn-Leffers wurde seinerzeit ebenfalls von Karstadt-Quelle, oder wie es da hieß, aufgegeben. Der neue Schnäppchenmarkt floriert. Massenandrang herrschte am Eröffnungstag wie bei Media-Markt-Eröffnungen.