Heute wird Umberto Veronesi auf Medizinerkongressen gefeiert. So zum Beispiel am vergangenen Sonnabend in Berlin, als er bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie eine Rede über Neuerungen in der Behandlung von Brustkrebs hielt. Danach spendeten hunderte von Ärzten dem berühmten italienischen Chirurgen und Pionier der Krebsmedizin anhaltenden Beifall und lobten ihn für seinen "exzellenten Vortrag".Veronesi hat auch schon ganz andere Erfahrungen gemacht. "Anfang der achtziger Jahre konnte ich mich bei Kongressen in Amerika nicht blicken lassen", erzählte der 75-Jährige nach seinem Vortrag in einem Gespräch mit dieser Zeitung. "Einige Kollegen hielten mich für nicht ganz normal, um es freundlich auszudrücken." Der Grund: Veronesi hatte 1981 eine bahnbrechende Studie im renommierten Medizinjournal "New England Journal of Medicine" (NEJM) veröffentlicht. Sie zeigte, dass Frauen, denen bei der Operation zwar der Tumorknoten entfernt worden war, die aber die restliche Brust behalten hatten, mit den gleichen Heilungschancen rechnen können wie brustamputierte Frauen. "Die Tageszeitung New York Times brachte gleich nach Erscheinen der Fachpublikation einen sechsspaltigen Artikel auf ihrer Titelseite", erinnert sich Veronesi. "Das war ein Schock für amerikanische Frauen und auch für viele Ärzte." Bis dahin hatte man geglaubt: Viel hilft viel, und je mehr Gewebe man entfernt, desto besser ist das Ergebnis. Veronesi hatte erstmals 1968 bei einem Symposium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf vorgeschlagen, die beiden Operationsmethoden in einer kontrollierten Studie miteinander zu vergleichen. Mit dem ersten Vorstoß hatte er kein Glück. "Als ich im nächsten Jahr wieder damit anfing, wurde mein Vorhaben akzeptiert", berichtete der Chirurg. Ohne die Zustimmung der WHO hätte er mit der heiklen Untersuchung nicht begonnen, sagte er. 1972 operierte Veronesi dann die ersten Patientinnen nach der neuen Methode: Er entfernte nur den Krebsknoten mit einem Saum gesunden Gewebes sowie die Achsellymphknoten auf der erkrankten Seite. Nach etlichen Jahren Nachbeobachtung war klar: Die routinemäßige Brustamputation verstümmelt die Frauen, bringt ihnen aber keinen Überlebensvorteil. Nachdem eine US-Studie 1985 zu dem gleichen Ergebnis gekommen war, setzte sich die Brust erhaltende Operationsweise immer mehr durch. "Das hatte eine enorme Wirkung", sagte Veronesi. "Auf einmal gingen mehr Frauen zur Früherkennung. Davor mussten sie damit rechnen, mit hässlichen Operationsergebnissen bestraft zu werden, jetzt wussten sie: Wenn ich hingehe, rette ich vielleicht mein Leben und meine Brüste bleiben mir erhalten."In Deutschland entfernen die Chirurgen heute in siebzig Prozent aller Fälle nur noch den Krebsherd. "Ich erhalte die Brust bei neunzig Prozent der Frauen", berichtete Veronesi. Wenn er nicht gerade auf Vortragsreise ist, operiert er noch jeden Vormittag - im "European Institute of Oncology", einem großen Krebszentrum in Mailand, das er seit 1994 leitet. Mittlerweile habe er "rund zwanzigtausend Patientinnen" behandelt. Veronesi ist überzeugt, dass sich der Anteil Brust erhaltender Operationen weiter steigern ließe, wenn mehr Frauen mit großen Tumoren einer Chemotherapie vor der Operation zustimmten. Dadurch kann der Krebsknoten so weit verkleinert werden, dass ein schonenderer Eingriff möglich ist. "Aber die Patientinnen haben Angst vor der Chemotherapie, weil ihnen die Haare ausfallen", sagte Veronesi. Eines seiner nächsten Projekte sei daher die Entwicklung einer Substanz, die zwar die Krebszellen abtötet, aber die Haare nicht angreift."Ich liebe die Frauen und die Frauen lieben mich." Umberto Veronesi sagt diesen Satz mit ruhiger Gewissheit. Er kenne die Nöte von Frauen mit Brustkrebs - "ich habe ihnen mein Berufsleben gewidmet". 1992 hat Veronesi auch maßgeblich zur Gründung der europäischen Brustkrebs-Fraueninitiative "Europa Donna" beigetragen. "Frauen können durch Druck viel erreichen", sagt der Pionier der Brustkrebstherapie. "Wichtig ist vor allem", so Veronesi, "die Lebensqualität der Frau zu bewahren". Die Brust erhaltende Operationstechnik sei nur ein erster Schritt in dieser Richtung gewesen. Weitere Entwicklungen aus seinem Zentrum stellte Umberto Veronesi beim Kongress in Berlin vor. So testen die Ärzte an seinem Institut seit Jahren Methoden, um Patientinnen künftig eine unnötige Entnahme von Achsel-Lymphknoten bei der Brustkrebsoperation zu ersparen. Ähnliche Studien laufen derzeit an etlichen Kliniken weltweit.Die so genannten axillaren Lymphknoten werden heute noch bei jedem Eingriff herausgenommen und überprüft. Finden sich krebshaltige Lymphknoten - und das ist bei rund 40 Prozent aller Patientinnen der Fall - so zeigt das: Der Krebs ist nicht mehr nur auf die Brust begrenzt, möglicherweise hat er sich sogar schon weiter im Körper ausgebreitet. Nach einem solchen Befund werden die Ärzte der Frau eine Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie empfehlen. Sind die Lymphknoten jedoch krebsfrei, so war der Eingriff in der Achselhöhle nicht nur nutzlos, sondern auch schädlich: Bei dem Eingriff werden Lymph- und Nervenbahnen durchtrennt und es kann zu unangenehmen Stauungen der Lymphflüssigkeit im Arm kommen.Auf der Suche nach einem schonenderen Verfahren setzen die Ärzte auf den so genannten Wächterlymphknoten (englisch: Sentinel lymph node). Das ist der erste Knoten im Lymphabflussgebiet der Brust. Dort siedeln sich wandernde Tumorzellen zuerst an. Falls der "Sentinel-Knoten" keine Krebszellen enthält, so die Idee, sind auch die Lymphknoten in der Achselhöhle krebsfrei. Weltweit wurden mehrere Techniken entwickelt, um den Wächterlymphknoten aufzuspüren. Veronesi und seine Kollegen testen die "Lymphszintigraphie", bei der sich winzige, mit der radioaktiven Substanz Technetium markierte Partikel um einen Krebsherd ansammeln. In 96,8 Prozent der Fälle stimmten bei seiner Studie die Ergebnisse der Sentinel-Methode mit dem Resultat der Achsellymphknoten-Analyse überein, berichtete Veronesi in Berlin. Diejenigen Frauen, deren Wächterlymphknoten in seiner Studie als krebsfrei diagnostiziert wurden, würden alle vier Monate auf Verdickungen in der Achselhöhle untersucht und, falls nötig, nachoperiert.Die Ergebnisse bisheriger Studien seien derart ermutigend, dass sich die Sentineltechnik schon bald als Standardmethode in Europa durchsetzen werde. "In den USA ist sie schon Standard", berichtete Veronesi. Auch in Deutschland läuft eine Studie dazu. Die Resultate werden im nächsten Jahr veröffentlicht, sagte Rolf Kreienberg, Gynäkologe am Universitätsklinikum Ulm, beim Senologenkongress in Berlin.Seit zwei Jahren experimentieren die Ärzte um Veronesi zudem mit der intraoperativen Strahlentherapie (IORT) - "meine Erfindung", wie der Chirurg stolz vermerkt. Um Patientinnen eine mehrmalige Strahlentherapie nach dem Eingriff zu ersparen, wird das operierte Areal der Brust noch im Operationssaal für etwa zwei Minuten mit einer Dosis von 21 Gray bestrahlt. "Das entspricht der heute üblichen gestaffelten Behandlung mit insgesamt 55 Gray", sagte Veronesi bei seinem Vortrag in Berlin. Die bisher behandelten Frauen, die sich während der Behandlung noch in Vollnarkose befinden, freuten sich nicht nur über die unkomplizierte Behandlung, berichtete er. "Die Haut wird geschont, die Narben verhärten nicht, das kosmetische Ergebnis ist einfach besser." 2003 lägen abschließende Ergebnisse vor, anhand derer sich die Sicherheit der Methode beurteilen lasse. Veronesi: "Ich bin zuversichtlich, dass wir mit IORT auf dem richtigen Weg sind."Zusammen mit der berühmten amerikanischen Chirurgin Susan Love erprobt er zurzeit ein neues Früherkennungsverfahren namens "Ductal Lavage" (auf Deutsch: Milchgang-Wäsche). Dabei spritzen die Ärzte zunächst Wasser in die Milchgänge der Brust, saugen die Flüssigkeit nach zwei Minuten wieder ab, filtern die darin enthaltenen Zellen von der Innenwand der Milchgänge heraus und untersuchen sie auf Krebs. Findet sich eine Tumorzelle, so kann die Therapie sehr früh einsetzen - so früh, wie es keine andere Methode bisher erlaubt. Erste, "viel versprechende Ergebnisse" (Veronesi) habe er zusammen mit seinen Kollegen Anfang November in der Zeitschrift des amerikanischen "National Cancer Institute" (JNCI) veröffentlicht. "Die US-Kollegen würden das Verfahren gerne zur allgemeinen Früherkennung einsetzen", sagte der italienische Arzt. Seiner Ansicht nach werden jedoch zunächst vor allem Wissenschaftler, die die Biologie der Brustkrebsentstehung verstehen wollen, von der Methode profitieren. Was die Entwicklung der Brustkrebsbehandlung angeht, ist Veronesi optimistisch. "Die Statistik zeigt, dass die Sterblichkeit in fast allen Ländern Europas zurückgeht", sagte er. Er ist überzeugt, dass es in nicht allzu ferner Zukunft möglich sein wird, Brustkrebs vorzubeugen. Schon jetzt gebe es Substanzen zur Prävention, etwa Tamoxifen und Raloxifen, aber die könne man nur auf gut Glück einsetzen. Noch wüssten die Ärzte zu wenig darüber, welche Frauen darauf ansprechen und wie die Wirkstoffe genau wirken. Veronesi: "Wenn wir verstehen, was im Genom passiert, können wir mit spezifischen Wirkstoffen eingreifen." "Das wäre eine echte Revolution", sagt er. "Da wäre ich gern dabei."NEJM, Bd. 305 (1), S. 6-11, 1981JNCI, Bd. 93 (21), S. 1624-32, 2001Europa Donna - Nationales Forum Deutschland e.V., Moltkestr. 1, 69120 Heidelberg, Tel./Fax: 06221 / 41 91 07Pionier der Krebstherapie // Umberto Veronesi wurde 1926 in Mailand geboren. Er studierte an der dortigen Universität Medizin und machte zwei Abschlüsse: den ersten in Pathologie, den zweiten in Chirurgie.Von 1974 bis 1994 war Veronesi Direktor des italienischen Nationalen Krebsinstituts. 1994 gründete er das Europäische Krebsinstitut in Mailand. Seither leitet er dieses Zentrum für Krebsforschung und -therapie. Nach besonders wichtigen Ereignissen in seinem Leben befragt, nennt er zuerst: "Meine sieben Kinder. " Vor zwei Jahren ging Umberto Veronesi in die Politik. Er war vierzehn Monate lang Gesund- heitsminister in Italien. "Der neue Gesundheitsminister ist beliebt, weil er sich mit allen anlegt", schrieb die Presse während seiner Amtszeit. In diesem Sommer gab er das Ministeramt ab und kehrte in sein Institut zurück.Veronesi gilt als Pionier der Krebstherapie. Er hat sich auf die Behandlung von Brust-, Haut- und Schilddrüsenkrebs spezialisiert. (lb. )BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Umberto Veronesi: "Der Druck der Frauen hat die Brustkrebstherapie vorangebracht. "