Die Zukunft von der Vergangenheit befreien!", antworteten junge Parlamentarier der russischen Duma im letzten Sommer selbstbewusst auf Jutta Scherrers Frage nach ihrer Einstellung zur sowjetischen Vergangenheit. Derartige Forderungen sind der in Paris lehrenden Professorin für russische Geschichte und Politik, die heute im Potsdamer Einstein Forum einen Vortrag zu "Vergangenheitssuche im postsowjetischen Russland" hält, ein Graus. Ihrer eigenen Vergangenheit nachgehend, kam sie 1997 für einen zweijährigen Forschungsaufenthalt am französisch-deutschen Wissenschaftszentrum "Marc Bloch" wieder in ihre Geburtsstadt Berlin. Anfang Februar kehrt sie nach Paris zurück.In Frankreich liegt Jutta Scherrers akademische Heimat. Seit 1973 arbeitet sie am renommierten Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), seit 1980 lehrt sie an der École des Hautes Études für Sozialwissenschaften. Seit ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit der sozialen, politischen und kulturellen Geschichte Russlands. Seit 1995 wirkt sie an den Universitäten Moskau und Petersburg beim Aufbau neuer Institute mit. Geboren in Ost-Berlin lebte Jutta Scherrer bis 1958 in der DDR. Der obligatorische Russisch-Unterricht hat ihr zwar kaum Kenntnisse, dafür umso mehr Liebe zur russischen Sprache und Literatur vermittelt. Ihr Forschungsschwerpunkt wurde in späteren Jahren die russische Intelligenz, deren Verhalten sie als "Barometer für soziale Umwälzungen" verstand. Die sowjetischen Behörden lasen ihre Arbeiten weniger gern, weshalb Jutta Scherrer bis zum Beginn der Perestrojka nicht in die SU reisen konnte. Als dies im Zuge der Veränderungen unter Gorbatschow 1986 möglich wurde, nutzte sie die Gelegenheit intensiv. In dem Buch "Requiem für den Roten Oktober" sind ihre Beobachtungen und Einschätzungen dieser beschleunigten Zeit des Umbruchs festgehalten. Erneut hatte sie in erster Linie Angehörige der Intelligenzija im Blick und verfolgte deren Weg "aus den Küchen in die Parlamente". In jüngster Zeit untersucht sie den öffentlichen Umgang mit Geschichte in Russland. Auf der Suche nach einer neuen Identität erfinde sich Russland, so Scherrer, eine "brauchbare Vergangenheit". Dabei werden vor allem Mythen und Symbole aus der vorrevolutionären Zarenzeit bemüht. Die sowjetische Geschichte werde regelrecht verdrängt. Auf Verpackungen von Süßwaren, den Logos neu gegründeter Firmen, sogar auf Uniformen und Orden finde man den doppelköpfigen Adler und andere imperiale Embleme der Zarenzeit. Alte Gedenk- und Feiertage werden wiederbelebt. Befragt nach der Epoche in der russischen Geschichte, auf die sie besonders stolz seien, nennen 54 Prozent der Russen die Zeit Peters des Großen. Dagegen ist die Sowjetunion kein Bestandteil der schulischen Lehrpläne, Erinnerungsfeiern an die russische Revolution gibt es seit 1991 nicht mehr. Der Dekonstruktion des Lenin-Mythos folgt eine Rekonstruktion des Zaren-Mythos.Symptomatisch für diese Entwicklung scheint Jutta Scherrer das "nachgeholte" Staatsbegräbnis für die Familie des Zaren Nikolaus II. im Juli 1998. Wenn auch letztlich zur Provinzposse verkommen, hatte der damalige Präsident Jelzin die Totenfeier mit Prunk und Protz als Symbol nationaler Versöhnung inszenieren lassen. Dabei hatte Jelzin selbst 1979 als Parteisekretär von Swerdlowsk das Haus der Romanows abreißen lassen, um zu verhindern, dass es zur monarchistischen Wallfahrtsstätte wird. Jutta Scherrer vermutet hinter solchem Gesinnungswandel nicht nur politische Taktik, sondern auch Scham. Scham vor der Mitverantwortung an begangener Schuld während der Sowjetzeit, die nun beschwiegen werden soll. "Es gibt keine öffentliche Debatte über Schuld in Russland", sagt Scherrer, "auch das Wort ,Vergangenheitsbewältigung gibt es in der russischen Sprache nicht".Obwohl die wissenschaftliche Forschung aus der Arbeit in den Archiven zahlreiche Dokumentenbände publiziert, findet keine öffentliche Auseinandersetzung statt. Jutta Scherrer sieht einen Hauptgrund dafür in der Kontinuität der politischen und bürokratischen Eliten des Landes. Vor einer offenen Aufarbeitung der Repressionszeit, Überprüfungsverfahren und freiem Archivzugang würden selbst "Liberale" warnen und in Umkehrung von Ursache und Wirkung sorgenvoll mit Begriffen wie "Säuberung" oder "Bürgerkrieg" wedeln. Bürger- und Opferinitiativen wie "Memorial" seien die Ausnahme und ausschließlich auf private Unterstützung angewiesen. Boris Jelzin hat 1996 einen Wettbewerb für die beste "nationale Ideologie" ausschreiben lassen. Ganzheitliche kulturalistische Geschichtsmodelle dominieren seither die Diskussion. Dabei gibt es zwei Grundfesten: die Geistigkeit der russischen Orthodoxie Vertreter der Kirche nehmen an allen öffentlichen Ereignissen teil und die Staatlichkeit der russischen Großmacht. Aber die glorreiche Vergangenheit, so Jutta Scherrer, könne nicht wettmachen, was die schale Gegenwart nicht hergibt.EINSTEIN FORUM Postsowjetisch // Über "Sehnsucht nach Geschichte. Vergangenheitssuche im postsowjetischen Rußland" wird Jutta Scherrer am heutigen Donnerstag, den 27. Januar, einen Vortrag halten, Beginn 19 Uhr, im Einstein Forum, Am Neuen Markt 7 in Potsdam.Jutta Scherrer, Professorin für Russische Geschichte in Paris, ist zurzeit Gast am Centre Marc Bloch in Berlin.Scherrers Beobachtungen über die Veränderungen seit Gorbatschow erschienen 1996 unter dem Titel: "Requiem für den Roten Oktober. Die russische Intelligenzija im Umbruch".