Im Leben eines jeden Mannes kommt der Moment, da er sich fragt, ob er mit seinem Postsparbuch wirklich glücklich ist. Er wird daran denken, dass sich sein Kollege jetzt diesen italienischen Sportwagen kauft, und er sich seit 17 Jahren immer noch die Umweltkarte. Er wird sich an die Südseereise erinnern, die er seiner Freundin versprach, und aus der dann nur ein Wochenende an der Ostsee wurde. Wenn also dieser Moment des Zweifels gekommen ist, wird er entweder warten, bis ihn der Neid zerfressen hat, oder er wird sich sagen, dass er das bescheidene Leben liebt und es ihn nicht interessiert, was andere haben oder tun. Oder er wird seine Konsequenzen ziehen.Es kann sein, dass er keine Konsequenzen zieht, weil er kein konsequenter Mensch ist, und er auch das Geld nicht so liebt, wie die Dinge, die er sich dafür kaufen kann. In diesem Fall wird er sehr dankbar sein für den Anruf eines Freundes, der ihm erklärt, warum er tun muss, was zu tun ist. "Es gibt eine positive Gewinn-Erwartung", sagte die Stimme am Ende der Leitung. Pit."Pit, du redest in Rätseln, es ist halbeins, ich bin auf dem Weg ins Bett, was willst du mir sagen?""Vergiss das mit dem Schlafengehen. Hol dir ein Bier und dann höre mir zu ."Ich holte mir ein Bier und hörte zu.Pit sagte: "Wir gehen ins Casino .""Klingt originell." Er überhörte meinen stummen Protest."Die Henne legt nur so lange goldene Eier, wie man sie nicht schlachtet." Offenbar las er aus einem Buch vor. Pit sagte, wir müssten "unauffällig gewinnen", zunächst nur kleinere Summen. "Aber Pit", sagte ich, "es ist doch allgemein bekannt, dass im Casino nur die Bank gewinnt.""Sei doch nicht blöd ...!"Pit hatte ständig irgendwelche Ideen, wie man zu Geld kommen konnte oder wenigstens andere davon abhalten konnte, welches zu verdienen. So gesehen war er eine Art moderner Sozialist, auch wenn er selbst das nicht so gesehen hätte. Pit verdiente sein Geld durch Pferdewetten und gelegentliche Einsätze als Kleindarsteller, die ihm Sätze wie "Guten Morgen, vielleicht eine Zeitung für Sie?" oder "Immer geradeaus und dann scharf rechts" abverlangten. Für mich verkörperte er eine Art exotische Gegenwelt, ein Leben ohne Netz. Für ihn war ich ein Spießer, wie er im Buche stand. Es war nicht schwer, in seinen Augen als Spießer zu gelten, im Grunde waren dies alle Menschen, die einer bürgerlichen Arbeit nachgingen. Pit hatte nie gearbeitet, jedenfalls nicht in einem gesellschaftlich anerkannten Sinne. Da er die Gesellschaft verachtete, war ihm das wichtig.Pit wohnte in Kreuzberg, Wiener Straße, direkt neben "Lehmann's Pfandleihe", und er fand es bizarr, dass ein Mann meines Alters freiwillig nach Moabit gezogen war. Auf der anderen Seite hatte er viel Freude daran, sich über all die trübsinnigen Gestalten lustig zu machen, von denen ich umgeben war. Der Fenstergucker von nebenan, die Behinderte, die als Folge einer vagen Freundschaft mit einer Obdachlosen nun selbst mit Plastiktüten durch die Gegend zog, weil sie hoffte, sich dadurch für die andere noch interessanter zu machen. Der Mann, auf dessen Aktenkoffer "Jesus lebt" klebte. Und Werner Kotowski, der zu WM-Zeiten bis zu 42 Mal am Tag die Sportfreunde Stiller gespielt hatte. So laut, dass Frau Wenske im ersten links jetzt unter Tinitus litt.Einmal hatte Pit versucht, mich zu überreden, sein Black Jack-Partner zu werden. Amerikanisches System, funktioniere eigentlich immer. Mit etwas Glück hat man nach einer halben Stunde 200 Euro verdient. Wenn man Pech hat, braucht man 17 Stunden dafür. Pit hatte erwähnt, dass man in dieser Zeit selbstverständlich weder essen noch trinken könne, geschweige denn auf die Toilette gehen. Da ich das für völlig unakzeptabel hielt, hatte mich Pit einen "widerlichen Softi" genannt. Mein eigenes Verhältnis zum Spiel war in jener Zeit nicht besonders ausgeprägt: Eigentlich hatte ich selbst nur wenige Male in meinem Leben spekuliert. Auf eine Taschengelderhöhung im Jahre 1971. Und die leidenschaftliche Zuneigung Martina Völkels, als ich 14 war. Beides waren Fehlspekulationen. Es konnte nur besser werden.Pit war der festen Überzeugung, er hatte eine Art Schatz entdeckt. Das Roulette-Buch hätte seitenweise schmissige mathematische Formeln, die man nicht verstünde, aber der Autor verfügte offenbar über "genügend Wahn", dass man davon ausgehen könnte, er habe sich ausreichend mit dem Thema beschäftigt. Vor allem die Kollisionsdiagramme hatten es Pit angetan und einzelne Textstellen. Pit las vor: "Sie sollten das Spiel rechtzeitig beenden, wenn Ihr Vorteil schwindet, oder wenn Sie nicht mehr willkommen sind." Sein Lieblingssatz aber war: "Die Raub-und-Plünderungsstrategie besteht darin, einen maximalen geldmäßigen Gewinn in kürzester Zeit zu realisieren, ohne geringste Rücksicht auf Tarnung, während das konservative Verhalten Ihnen ermöglicht, die Tür für ein unauffälliges Wiederkommen offen zu halten." Obwohl Pit sonst ein Anhänger der beherzten Aktion war, schien er offenbar bereit, gegen seine Mentalität, in diesem Fall auf die Raub-und Plünderungsstrategie zu verzichten. "Wir sollten uns mit dem Mann in Verbindung setzen." "Mach du das", sagte ich und nahm einen Schluck aus der Flasche.Es ginge zunächst darum, "die Handschrift des Croupiers" zu suchen, fuhr Pit unbeirrt fort. Nach seinem Rhythmus, einer Regelmäßigkeit des Wurfs. Die höchste Gleichmäßigkeit beim Wurf ergäbe sich nach den Erkenntnissen des Buches, wenn der Croupier frisch und ausgeruht wäre. Dann müssten wir nur - sobald wir eine Gleichmäßigkeit feststellten - aus der Wurfweite, Scheiben- und Kugelgeschwindigkeit den Sektor errechnen, in den die Kugel fallen werde. "Das Problem dabei ist, es ist nicht ganz einfach, wir haben dafür ganze drei Sekunden Zeit und wir beide wissen, Eddy, du bist nicht der Schnellste." "Ich könnte den Ausgang sichern", schlug ich vor.Zwei Wochen später fuhren wir mit dem Aufzug in den 14., Stock des Spielcasinos am Alexanderplatz. Ich war kein besonderer Freund des Alexanderplatzes, nur war Pits Abneigung gegen den Potsdamer Platz noch ungleich höher. Und andere Casinos gab es in der Stadt nicht. Jedenfalls wussten wir nichts davon. "Scheiß drauf", sagte Pit, "wir holen uns die Kohle und hauen wieder ab." Ich trug einen anthrazitfarbenen Anzug, der durch einen fiesen Mottenangriff im Schritt etwas ausgedünnt war. Pit ein dunkelblaues Marine-Offiziersjackett mit goldenen Schulterklappen, das er aus irgendeinem Filmfundus abgestaubt hatte. "Pit, nimm wenigstens deine Sonnenbrille ab, wir müssen seriös rüberkommen!" Es war recht verraucht, eine schmissige Mischung aus thailändischen Puffmüttern, albanischen Geschäftsleuten und deutschen Frührentnern.An der Bar bückte sich eine attraktive Frau im Business-Anzug und suchte offenbar etwas auf dem Boden. "Was suchen Sie denn?", fragte Pit und hatte seine Sonnenbrille nach hinten geschoben. "Oh, mein Freund hat was verloren." "Na, solange er Sie hat, wird er ja nichts vermissen." Pit konnte charmant sein, auch wenn sein eigentliches Feld eher das der Beleidigung war. Ich erinnere mich, als er mich an einem Tisch in großer Runde einmal mit einer Frau bekannt machte. Das heißt, genau genommen verhinderte er, dass wir uns je bekannt würden. "Das ist Monika, ich hab dir von ihr erzählt. Weißt du nicht mehr?", setzte er an. ". Doch, du hattest doch noch gefragt: Ist die Single?" Ich reagierte irgendwie ausweichend. "Und dann hattest du gesagt: Nee, das ist mir zu alt ..." Er hatte es freundlich lächelnd gesagt.Eigentlich war Pit auch heute in einem Zustand, in dem man ihn eher fürchten musste. Ein bisschen hing das sicherlich mit Rennen drei am Wochenende in Köln zusammen. Obwohl es die richtige Wahl war, hatte er aufs falsche Pferd gesetzt. Die Wette war durchdacht, er musste sich nichts vorwerfen. Für Pit war es das Pferd, das sich "unlogisch" verhalten hatte. Und dass gestern Abend auch noch diese beiden Herren im Anzug gekommen waren. Unangekündigt hatte er Besuch von zwei Versicherungsvertretern bekommen. Sie hatten wortlos einen Umschlag aus dem Aktenkoffer gezogen und einige Fotos vor ihm ausgebreitet. Dann hatten sie gesagt: "So sieht ein Wildschaden aus!" Kunstpause. "Und das ist das Foto, das Sie uns geschickt haben ." Pit hatte die Beule an der Stoßstange seines R4 mit einer Mischung aus Ketchup und Haaren von seiner Perserkatze beschmiert. Die beiden Herren waren freundlich zu ihm gewesen. Sie hatten gesagt, sie würden auf eine Anzeige verzichten.Wir standen an Tisch Vier und warteten auf einen Wink des Schicksals. Zunächst, schlug Pit vor, sollten wir nur den Kessel beobachten. "Ich sehe gar nichts", sagte ich. "Das ist ja nichts Neues", antwortete Pit, der in der letzten Woche schon ein bisschen trainiert hatte. Er hatte sich von dem Buchautoren, den Pit inzwischen "eine absolute Roulette-Kapazität" nannte, gegen einen Unkostenbeitrag von 176,50 Euro ("Das spielen wir schnell wieder ein!") ein Video zuschicken lassen, auf dem drei Stunden nichts anderes als eine Kugel zu sehen war, die in einen Roulettekessel rollte. Man musste schon sehr ausdauernd sein, um das zu ertragen. Mir selbst war sofort schwindlig geworden und ich hatte von weiteren Studien abgesehen. "Dir fehlt der Wille zum Erfolg", hatte Pit kritisiert.Der Croupier ergriff den nächsten Kreuzarm, drehte und warf die Kugel in entgegengesetzter Richtung in den überhöhten Rand des Holzbeckens. Die Elfenbeinkugel verließ nach exakt sieben Sekunden den Rand und stürzte zur Scheibe des Kessels hinunter. Pit sagte voraus, die Kugel würde irgendwo im Bereich der roten 25 einschlagen. Es gewann die schwarze zehn. Pit machte insgesamt noch 17 weitere Voraussagen, die sich allesamt nicht bewahrheiteten. Er sagte, er werde das Buch zurückgeben und das Video verbrennen.Ich setzte aus Spaß 50 Euro auf Rot und gewann. "Du spielst ohne jeden Verstand", sagte Pit."Ja, aber es funktioniert!", antwortete ich.