Von Adolf Hitler weiß man, dass er Berlin wenig schätzte: Die Reichshauptstadt war ihm zu vulgär, zu hässlich, zu kosmopolitisch. Am liebsten hielt er sich in München auf, wo die Parteizentrale der NSDAP nicht zufälligerweise bis 1945 verblieb. An Hitlers Abneigung gegenüber Berlin änderte sich auch wenig, nachdem er am 30. Januar 1933 als Regierungschef die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße bezogen hatte. Umgekehrt proportional zum Interesse des "Führers" an der Reichshauptstadt war hingegen deren Bedeutung für die Nationalsozialisten: Hier hatten nicht nur Parlament und Regierung ihren Sitz, Berlin war auch das publizistische Zentrum, sowie wichtigster Bankenplatz und die größte Industriemetropole des Landes.Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass sich erst jetzt eine Ausstellung dieses wichtigen Themas annimmt. In ihrem Ausstellungsgraben vor den Fundamenten der Gestapo-Zentrale zeigt die Gedenkstätte "Topographie des Terrors" von heute an die Geschichte Berlins im Nationalsozialismus und wirft darüber hinaus einen Blick auf die Nachwirkungen der NS-Herrschaft auf die Stadt. Bedauerlicherweise ist die neue Schau allerdings zu großen Teilen misslungen.Am stärksten ist die Ausstellung noch dort, wo sie konkrete Ereignisse des Kampfes der aufstrebenden NSDAP um die Macht im "roten Berlin" der Weimarer Republik und die Verfolgungen und den Terror gegen politische Oppositionelle, Juden, Schwule und andere Minderheiten nach 1933 schildert.Es sind auch diese Themen, die in gehaltvollen Essays von Johannes Tuchel, Wolf Gruner und Andreas Pretzel im Ausstellungskatalog abgehandelt werden.1926 wurde Joseph Goebbels von Hitler als Gauleiter nach Berlin geschickt und steigerte die Mitgliederzahlen der bisherigen bayerischen Regionalpartei in der proletarischen Metropole binnen weniger Jahre von 350 auf über 12000. Gezielt provozierte Goebbels Saal- und Straßenschlachten, um die NSDAP in die Schlagzeilen zu bringen und politische Gegner einzuschüchtern. Auch eines der frühesten antisemitischen Pogrome inszenierten die Nationalsozialisten in Berlin: Am 12. September 1931, dem jüdischen Neujahrstag, tobten 500 SA-Männer über den Kurfürstendamm, brüllten "Juda, verrecke", verprügelten Passanten, die ihnen jüdisch erschienen, zerstörten Schaufenster jüdischer Geschäfte und stürmten ein Café.Vom Januar 1933 an wurden viele SA-Lokale für Wochen oder Monate zu provisorischen Haft- und Folterstätten umfunktioniert waren die SA-Männer von dort aus bislang zu Saalschlachten aufgebrochen, holten sie sich ihre politischen Gegner fortan hierhin und misshandelten sie ausgiebig. Zeitweise bestanden allein in Berlin mehr als 170 solcher Orte. Die Verfolgungen der Nationalsozialisten, das zeigen die Dokumente und Faksimiles der Ausstellung, wurden vielfach erst durch die Nachbarn der Opfer angestoßen. So fühlte sich eine Hedwig R. im Jahr 1938 verpflichtet, einen Mitbewohner bei der Geheimen Staatspolizei zu denunzieren, weil sie diesen noch nie mit einer Frau gesehen hatte. "Behaupten kann ich natürlich nichts, aber mir kommt es doch zu verdächtig vor. Was sollen denn die Jungens bei ihm. Ich möchte Sie aber bitten, nicht meinen Namen zu nennen."Am Beispiel eines Hauses am Schiffbauerdamm, das wegen der Neugestaltung der Reichshauptstadt 1941 abgerissen werden soll, dokumentiert die Ausstellung, wie die Berliner Juden systematisch aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Schon 1939 sah Albert Speer in vornehmen Wohngegenden "judenreine" Viertel vor, wie eine Karte von Charlottenburg belegt.Doch so bemerkenswert diese Dokumente von erdrückender Niedertracht auch sind, die zentrale Frage, die diese Ausstellung stellen müsste, bleibt weitgehend unbeantwortet und wird nicht einmal als solche explizit formuliert, nämlich, worin sich die Geschichte Berlins im Nationalsozialismus jenseits seiner Rolle als Sitz der deutschen Regierung von der anderer deutscher Großstädte wie Köln oder Frankfurt oder Orten in der Provinz unterscheidet.Bezeichnenderweise wechselt die Ausstellung beständig zwischen der Frosch- und der Vogelperspektive. So werden zwar Einzelschicksale wie die des prominenten Kondomfabrikanten Julius Fromm aus Berlin-Köpenick dargestellt und mit den entsprechenden gesamtstaatlichen Maßnahmen in Verbindung gesetzt, die möglichen Berliner Spezifika aber bleiben in der Ausstellung völlig unklar. Welche Bedeutung hatte beispielsweise Berlins Rolle als kommunistische Hochburg auf die Aktivität des Widerstands? Lediglich die Schautafel über die Proteste der Frauen in der Rosenstraße im Februar 1943, die erfolgreich gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer protestierten, deuten an, dass die Machthaber in der Reichshauptstadt einen schwierigeren Stand hatten, als es die fast zeitgleich inszenierte Begeisterung bei der Sportpalastrede des Propagandaministers Goebbels glauben machen wollte. Eine klärende Einordnung dieses und anderer Fälle bleibt aber ebenso aus, wie erläuternde Bemerkungen zu der Frage, weshalb die Bevölkerung angesichts der sich weiter verschärfenden Bombenangriffe auf Berlin so ruhig blieb. Für eine Institution, die den Anspruch hat, das zentrale deutsche Museum über die NS-Herrschaft zu sein, ist das wenig ambitioniert.Nur ganz am Schluss erlaubt sich die Ausstellung einen Blick auf eine Berliner Besonderheit: das unglaublich dicht gewebte Netz von Gedenkstätten in der heutigen Bundeshauptstadt. Auf einer ausklappbaren Karte im Katalog wird im Kapitel über die "Folgen der NS-Herrschaft" eine "Auswahl" von 313 Gedenkorten präsentiert, von denen allein 15 Institutionen mit eigenen Ausstellungsstätten sind. Wir waren, so scheint die Karte voller Stolz ausdrücken zu wollen, ganz schön fleißig.-----------------------Dauerausstellung "Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror", von heute an tgl. 10-20 Uhr, Ausstellungsgraben Niederkirchnerstraße.------------------------------"Es ist ein Traum, die Wilhelmstraße gehört uns." Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 30. Januar 1933Foto: "Berlin 1933 - 45. Zwischen Propaganda und Terror" heißt die Open-Air-Ausstellung am Ort der einstigen Gestapozentrale.