Der Verlag kommt ohne Wachdienst für die Buchpakete aus. Es stehen auch keine Kinder schulschwänzend vor den Buchläden. Und doch ist die Veröffentlichung von "Tintentod" ein Ereignis, auf das tausende Leser gierig gewartet haben. Heute erscheint der letzte Band der "Tintenwelt"-Trilogie von Cornelia Funke. Und auch ohne Werbefeldzug wird das Buch mit Spannung erwartet. Die Buchhandlungen haben so viel vorbestellt, dass der Verlag die Startauflage von drei- auf fünfhunderttausend Exemplare aufgestockt hat.Am Anfang sitzt Elinor, die leidenschaftliche Büchersammlerin, in ihrer Bibliothek und denkt an ihre Nichte Resa, deren Mann Mortimer und das Mädchen Meggie. Sie sind entschwunden in die Tintenwelt, die ein bisschen mittelalterlich anmutet mit ihren Burgen und Märkten, zugleich märchenhaft funkelt mit Feen und sprechenden Wesen aus Glas. So richtig schön ist es da nicht, aufregend ja, oft düster und geheimnisvoll. Die weißen Frauen gehen um, als Dienerinnen des Todes.Gefährliche KonkurrenzCornelia Funkes Tintenwelt ist die Welt der Literatur. Ihre Bücher erzählen vom Zauber des Lesens und sie zeigen, welche Magie allein von Buchstaben ausgehen kann, wenn sie sich zu Geschichten fügen. Der Buchbinder Mortimer Folchart, genannt Zauberzunge, kann mit seiner Stimme Figuren aus Büchern lebendig machen. Er kann es, wenn jemand die Geschichten schreibt. Manche sind schon seit Ewigkeiten da, so wie die Erzählungen aus 1001 Nacht. Aus denen hat er versehentlich den Jungen Farid herausgelesen. Andere werden erst geschrieben, so vom Dichter Fenoglio, der überhaupt die Tintenwelt entstehen ließ. Doch hat er gefährliche Konkurrenz bekommen mit Orpheus, der sich die Geschichte aneignet, um sie zu verdrehen - und auch lebendigmachend vorlesen kann.Ein Ereignis ist das neue Buch in der Tat. Erzählerisch hält die Autorin das Niveau der beiden vorangegangenen Bände, ihre Fantasie schickt die Leser in neue Verwicklungen - "Tintentod" ist mindestens ebenso spannend wie die beiden anderen. Beim ersten Band, als man Beispiele von Cornelia Funkes Erfindungskunst durch den "Drachenreiter" und "Herrn der Diebe" kannte, da sah man sehr wohl noch ihre Vorbilder aus der Kinder-, Jugend- und Abenteuerliteratur durchschimmern. Viele Beispiele davon zitierte sie immer am Kapitelbeginn: "Alice im Wunderland" etwa oder "Peter Pan". Man erinnerte sich beim Lesen auch an die Verschränkungen der Realitäten in Michael Endes "Unendlicher Geschichte" oder an das Verschwimmen von Literatur und (geschriebener) Wirklichkeit in Italo Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Winternacht". Cornelia Funke ist eine, die Bücher liebt wie ihre Elinor und die Figuren erfindet wie ihr Fenoglio. Spätestens mit "Tintenblut", dem zweiten Band, machte sie deutlich, dass sie ihren eigenen Kosmos geschaffen hat. Ihre Tintenwelt kann sehr gut bestehen neben der Zauberschule Hogwarts in den Büchern von J.K. Rowling.Jetzt ist der Vergleich gefallen, den Funke als "deutsche Rowling" längst nicht mehr braucht. Sie ist selbst ein internationaler Star der (Jugend-)Literaturszene, seit zwei Jahren in Los Angeles wohnend, mit englischsprachigen Fan-Websites. Mit der Harry-Potter-Erfinderin hat sie aber insofern zu tun, als erst der Hype um Harry vielen Erwachsenen bewusst gemacht hat, wie ernst Bücher für Kinder zu nehmen sind. Der Begriff "All Age" - für jedes Alter - wurde als Buchhandelskategorie eingeführt, um zu zeigen, dass niemand jenseits der 15 sich schämen muss, eines dieser Bücher zu lesen. Cornelia Funke kennt etliche Mütter, Väter und Großeltern, die ihr von ihrem Lesevergnügen mit Mo und Meggie vorschwärmten.Am Anfang IllustratorinAuch vollzog sich ihr Erfolg ähnlich rasant wie bei ihrer britischen Kollegin. Angefangen hat sie als Illustratorin, die nicht länger nur Dienerin anderer Autoren sein und selber Geschichten erfinden wollte. Anfang der 90er-Jahre kam sie zum Cecilie Dressler Verlag mit dem Manuskript für "Potilla oder der Mützendieb", mit dem sie gleich einen guten Eindruck machte. Die Verlegerin Silke Weitendorf erzählt, wie es weiterging: "Als sie uns kurze Zeit später mit dem ersten Band der ,Wilden Hühner' überraschte, fiel uns natürlich auf, dass sie eine durchaus interessante Autorin mit einem großen Spektrum für uns sein könnte. Völlig begeistert und überzeugt von ihrem Schreibtalent waren wir von ihrem Manuskript zum ,Drachenreiter'." Damals, 1996, musste der Verlag ihr zusichern, sie bei so einem dicken Buch für Kinder langfristig zu unterstützen. Erst danach begann wieder die Zeit der dicken Kinderromane.Heute ist Funke Auflagen-Millionärin. Mehr als sechs Millionen Mal wurden die deutschen Ausgaben ihrer Bücher verkauft. Zählt man die Reihen-Titel zusammen, sind die "Wilden Hühner"-Bücher die erfolgreichsten mit zweieinhalb Millionen Exemplaren. "Tintenherz" ist 800 000 Mal über die Ladentische gegangen, "Tintenblut" 550 000 Mal. Nun erscheint "Tintentod". Cornelia Funke ist jetzt 48, für eine Schriftstellerin geradezu jung. Ihrem Erfolg sind keine Grenzen gesetzt.------------------------------Besuch aus Amerika"Tintentod", seit heute im Buchhandel, beschließt die "Tintenwelt"-Trilogie von Cornelia Funke (Cecilie Dressler Verlag, 768 S., 22,90 Euro).Die Verfilmung von "Tintenherz" ist voraussichtlich ab Frühjahr 2008 in den Kinos. Als Co-Produzentin hatte Cornelia Funke Einfluss auf die Wahl des Drehbuchautors und bei der Entscheidung über die Schauspieler. Den Mo spielt ihr Favorit Brendan Fraser.Cornelia Funke, die jetzt in den USA lebt, kommt zu Lesungen nach Deutschland. In Berlin liest sie am 19. November im Theater des Westens.------------------------------Foto: Cornelia Funke mit "Tintenblut". Sie macht Wörter lebendig.