Ende der 1960er-Jahre zeigte sich die Führung der Roten Armee, bis in die Spitzen von Partei und Regierung, höchst verärgert von neueren westlichen Kriegsfilmen, besonders von "Der längste Tag" (1962) über die Landung der Alliierten in der Normandie. In diesen Mammutproduktionen, so schrieb die Moskauer Presse, werde die Sowjetarmee nicht einmal erwähnt und der Anschein erweckt, die USA und Großbritannien hätten den Zweiten Weltkrieg allein gewonnen. Dem müsse, gewissermaßen, ein filmischer Gegenschlag folgen.Tatsächlich unterzeichneten das Verteidigungsministerium, das Finanzministerium und der Vorsitzende des Komitees für Filmwesen beim Ministerrat der UdSSR bald darauf ein Abkommen, in dem eine solche Kinoproduktion vereinbart wurde: Fünf abendfüllende Teile sollte "Befreiung" haben und einen umfassenden Überblick über die letzten drei Kriegsjahre geben. Pünktlich zum 25. Jahrestag des Kriegsendes lief der erste Teil des achtstündigen Epos auch in der DDR an. Das gesamte Werk, das hier bis Mai 1972 in die Kinos kam, avancierte schnell zum Pflichtprogramm im FDJ-Studienjahr - wobei sich die Schüler wohl vor allem an den ausufernden Schlachtenszenen delektierten. Dafür standen dem 115-köpfigen Drehteam auch alle erdenklichen Mittel zur Verfügung: Allein für die Nachinszenierung der Schlacht am Kursker Bogen im Juli 1943 kommandierte die Sowjetarmee 3 000 Infanteristen, 2 000 Geschütze, hundert Panzer und achtzehn Flugzeuge ab. Die Generalität, erklärte ein enger Mitarbeiter von Regisseur Juri Oserow, "setzte die Dreharbeiten mit Gefechtsübungen gleich, weil die Filmkünstler die Militärs vor die verschiedenartigsten und unerwartetsten Aufgaben stellen. So ergaben sich oft geeignete Übungsbedingungen für die Soldaten und Offiziere - eine echte Gefechtssituation."Dass diese manöverähnlichen Aufmärsche in derselben Zeit stattfanden, in der sich die Rote Armee für den Einmarsch in die Tschechoslowakei rüstete, kann Zufall gewesen sein. Tatsächlich aber waren die Zerschlagung des Prager Frühlings und die Produktion eines Films, der die Stärke der Sowjetarmee feierte, nur zwei Seiten einer Medaille: Sie signalisierten das Ende des politischen Tauwetters in der UdSSR und den Sieg der Hardliner unter KP-Chef Breshnew. Dazu passt, dass "Befreiung", der heute in der Berliner Urania komplett zu sehen sein wird, auch die Figur Stalins erneut auf die Leinwand brachte: Nach der Rede Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag 1956 zur Unperson erklärt, trat Stalin hier nun wieder als strenger, aber gütiger Vater der Nation auf den Plan. Immer wieder fügten die Drehbuchautoren Juri Bondarjew, Oskar Kurganow und Juri Oserow, alle selbst Teilnehmer des Krieges, lange Passagen in die Filmhandlung ein, in denen von den Schlachtfeldern weg zu den Spitzen der kriegführenden Staaten geschwenkt wurde. Das erlaubte ihnen, Ereignisse wie die Teheran-Konferenz, die Entführung Mussolinis oder Gespräche im Weißen Haus einzubinden. Während der jugoslawische Partisanenführer Josip Broz Tito mit "Befreiung" endgültig rehabilitiert wurde, kam der britische Premier Churchill sehr viel schlechter weg: Juri Durow spielte ihn als verschlagenen Gesellen, vor dem sich Stalin in Acht nehmen muss.Nicht nur für sowjetische, sondern auch für DDR-Zuschauer neu war die ausführliche und wohlwollende Darstellung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944: "Befreiung" nahm Stauffenberg und andere beteiligte Offiziere in die zuvor fast nur Kommunisten vorbehaltenen Reihen der Widerständler auf. Politisch ging das Epos weiter als andere Filme zuvor, wenngleich manche Szene zwischen Befreiern und Befreiten erneut wie aus einem Bilderbuch der Propagandisten stammte. Künstlerisch war das Opus vor allem durch einige Schauspieler, darunter Wassili Schukschin und Michail Uljanow, sehenswert, die reale und erfundene Kriegshelden menschlich, nicht übermenschlich zeichneten. Mit seinen langen, in schwerfälliger 70-mm-Kameratechnik aufgenommenen Schlachtentableaus wirkte Oserows teures Werk allerdings schon damals veraltet. Mosfilm, so schrieb ein Kritiker, habe im Grunde nichts anderes getan, als sich an Hollywood und Cinecittà anzupassen. Ein Kino der Imperien. Imperialistisches Kino.Befreiung (UdSSR 1969-1971) heute ab 15 Uhr in der Urania. DVD-Box (bei Icestorm Entertainment) 99,90 Euro.------------------------------Foto: Menschlich sollten die Sowjetsoldaten in "Befreiung" wirken.