Trotz Streik: Joachim Zeller geht voran. Der Bürgermeister von Mitte verlegt heute seinen Amtssitz in die Karl-Marx-Allee 31. Damit nimmt der erste Berliner Rathaus-Neubau seit der Wende seinen Betrieb auf. Für das Bezirksamt, dessen bisher auf zahllose Standorte verteilte Dienststellen jetzt erstmals seit 1920 unter einem Dach vereinigt sind, zweifellos eine Zäsur. Was sagt das neue Haus über das Verhältnis zwischen Stadt und Bezirk, zwischen Bürger und Verwaltung?Der Blick auf den Stadtplan und die Projektgeschichte spricht weniger für einen Aufbruch als für einen Rückzug. Bisher stand der Amtssitz am Alexanderplatz und damit mitten im Leben: Dort bot das Rathaus von Mitte dem von Berlin so lange die Stirn, bis sich der Senat 1993 entschloß, das Berolinahaus an die Landesbank zu verkaufen. Der Akt drängte die Verwaltung in eine Randlage. In der politischen Geographie des geplanten Hauptstadtbezirks aus Wedding, Tiergarten und Mitte erscheint die Lage exzentrisch. Aus der Perspektive des Amtes erscheint der neue Standort durchaus passend. Jetzt steht die Verwaltung im Zentrum des II. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee, jener Siedlung, die in den sechziger Jahren als Prototyp des sozialistischen Wohnkomplexes errichtet wurde und damit die verwaltete Stadt schlechthin repräsentiert. Die Gestalt des Neubaus sucht die Kontinuität. Der Denkmalschutz wachte streng darüber, daß sich seine Kubatur und Fassade an dem vom Josef Kaiser errichteten Hotel Berolina orientieren, das bis Frühjahr 1996 an gleicher Stelle stand. Daß der Neubau dennoch nicht zu einer adlonesken Replik verkam, verdankt er dem Berliner Architekten Johannes Heinrich. Er nutzte die Gestaltungsspielräume, um dem Neubau mehr Tiefe zu verleihen. Beton- und Fensterbänder nehmen die Richtung der Karl-Marx-Allee auf, ein gläsernes Treppenhaus läßt die Höhe des 14geschossers erfahren. Schirmte das Hotel Berolina das Ensemble der Gesellschaftsbauten an der Schillingstraße vom Wohngebiet ab, so gibt sich der Neubau viel durchlässiger.Der Boulevard auf der Vorder- und der Quartiersplatz auf der Rückseite verbinden sich mit dem Foyer zu einem einzigen öffentlichen Raum. Das Pflaster läuft einfach durch. Großformatige Fenster geben Einblick in den Sitzungssaal der Bezirksverordnetenversammlung, der als gläserner Pavillon im Rücken des Bauwerks steht. Räumlich großzügig und materiell bescheiden, mit wenig Holz und viel Beton, vermittelt das Rathaus genau die Offenheit, die man von einem öffentlichen Bau erwartet. Dazu paßt, daß der oberste Repräsentant des Bezirks nicht in der obersten Etage residiert (dort thront Karin Baumerts Stadtplanungsamt), sondern "bürgernah" im ersten Obergeschoß. Ist die Sockelzone ein Musterbeispiel demokratischer Architektur, wartet der Bürger darüber auf engen, dunklen Fluren wie ein Bittsteller, bis ihm der Beamte eine Audienz gewährt. Die abgeschlossenen, weniger als drei Meter breiten Amtsstuben haben nicht einmal ein Fenster über der Tür: von Transparenz keine Spur. So steht ein erschreckend konventioneller Verwaltungsbau neben den zur Schau gestellten demokratischen Elementen. Nachdem Fritz Bornemanns Erweiterung des Rathauses Wedding 1964 dieses Konzept erstmals in Berlin vorexerzierte, ist es fast 35 Jahre später nicht eben auf der Höhe der Zeit.Die Architektur ignoriert, daß Verwaltungsarbeit heute vor allem Dienst am Bürger bedeutet, Rathäuser also eher Servicezentren als Kasernen ähneln müßten. Mit Sparzwängen läßt sich das nicht erklären. Schließlich werden heute allerorten selbst für anonyme Nutzer Bürohäuser errichtet, die sich offener und kommunikativer geben. Daß es auch anders geht, bewies 1993 die Stadt Mannheim. Statt eines reinen Rathauses errichtete dort eine private Gesellschaft ein offenes Stadthaus, in dem öffentliche und private Nutzungen, Kultur und Kommerz zusammenfinden. Neben der Stadtverwaltung kommen darin Läden, Büros für die Telekom, die Stadtbücherei und ein Festsaal unter.In Berlin-Mitte scheiterten dagegen Versuche, einen Pächter für das ursprünglich geplante Restaurant zu finden. Geschäftliche Nutzungen werden in separaten, noch zu errichtenden Gebäuden um den Quartiersplatz ausgelagert. Im Rathaus bekommt der Bürger nicht einmal einen Kaffee. Das neue Rathaus dient nicht der Stadt, sondern nur der Verwaltung. Es ist eine Bastion der Beamtendemokratie und damit schon zum Zeitpunkt seines Bezugs veraltet.