Es war eine richtige Datenautobahn, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Prag und das Oberlausitzer Städtchen Schirgiswalde miteinander verknüpfte - immer dann, wenn Lotto gespielt wurde. Böhmisches Lotto, genauer: Lotto für Böhmen und Schirgiswalde, das durch einige wenige Kilometer sächsisches Territorium von Böhmen getrennt war. Ermittelt wurden die Lottozahlen in Prag. Kaum waren die Glücksziffern gezogen, schwangen sich reitende Boten in den Sattel, doch es wurde immer Abend, bis die Lottozahlen in Schirgiswalde eintrafen. So durfte in der Stadt bis zur Ankunft der Zahlen gewettet werden. Clevere Spieler Eines Tages rieben sich die Chefs der böhmischen Lottogesellschaft erstaunt die Augen: Innerhalb kurzer Zeit ging der Hauptgewinn mehrmals ausgerechnet nach Schirgiswalde. Zufall? O nein: Recherchen ergaben, daß clevere Lottospieler mit Hilfe von Rauch- und Lichtzeichen eine Info-Hot-Line über die böhmischen Berggipfel eingerichtet hatten - wodurch die Lottozahlen vor den Reitern in Schirgiswalde eintrafen. "Fortan durften die Lottofans hier in Schirgiswalde nur noch bis zur Ziehung in Prag wetten", erzählt im Heimatmuseum der Stadt der ehemalige Lehrer und jetzige Museumsleiter Johannes Jung mit verschmitztem Lächeln. Er hat noch mehr aufregende Geschichten im Angebot aus jenen 36 Jahren zwischen 1809 und 1845, als Schirgiswalde eine Art "Freie Republik" war - ein Unikum in der deutschen Geschichte. Gehen wir also zurück in die Historie: Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Lausitz sächsisch, Schirgiswalde hingegen blieb böhmische Exklave. Im Zuge der napoleonischen Kriege mußte Österreich (zu dessen Staatsverband Böhmen gehörte) Schirgiswalde 1809 an Sachsen abtreten. Doch die Übergabe fand nie statt: Der von Wien ausgesandte Bote mit den entsprechenden Papieren kam in Dresden nie an. Und da in den Kriegswirren nun wirklich wichtigere Dinge zu regeln waren, wurde Schirgiswalde einfach vergessen. So mutierte die vormalige böhmische Exklave ohne eigenes Zutun zur "Republik Schirgiswalde".Ganz ohne Obrigkeit blieb die Stadt natürlich nicht. Grundherr war das katholische Domkapitel im sächsischen Bautzen. An der Spitze der "Republik" stand der Stadtrichter, "Staatspräsident" über 1 500 Seelen. Es galt weiterhin böhmisches Recht, der bömische Amtsrichter wurde vom Bautzener Domkapitel abgeordnet.Schirgiswalde war ein Steuerparadies: Weder Böhmen noch Sachsen kassierten Abgaben, Steuern waren nur für die eigene Verwaltung zu zahlen. Die "Freie Republik" erlebte als Handelsplatz im Niemandsland zwischen Sachsen und Böhmen rasch einen wirtschaftlichen Aufschwung, galt gar als "Klein-Leipzig". "Die Stadt war damals oft bis oben hin mit Waren aller Art vollgestopft", erzählt Jung: Gewürze, Kaffee, auch Salz und Zucker. Zollfrei kamen die Waren aus deutschen Landen ins Schirgiswalder Depot - "und von dort schafften sie organisierte ,Pascher` (sächsisch für Schmuggler) nachts durch die Wälder über die sächsische und dann die böhmische Grenze ins nahe Böhmen." Deserteur, Gräfin, Räuber Zuweilen strömten aus Böhmen oder Sachsen Deserteure in die Stadt, die sich den Nachstellungen des Militärs entziehen wollten. Eine österreichische Gräfin lebte in dem Stadtstaat in Verbannung und unterhielt als Musikfreundin eine eigene Kapelle; auch der "böhmische Wenzel" - einer der berühmt-berüchtigten mitteleuropäischen Räuber - nahm nahe der Stadt seinen Sitz und verhalf ihr zu einigem Ruhm. Das Ende der "Freien Republik" kam 1843, als der autoritäre böhmische Amtsrichter Ignaz Knüpfer einen jungen Schirgiswalder wegen irgendeiner Kleinigkeit von seinen Bütteln mit Stockhieben verprügeln ließ. Empörte Bürger drangen ins Amtshaus und verabreichten dem Amtsrichter ein paar kräftige Ohrfeigen, woraufhin Herr Knüpfer auf Nimmerwiedersehen ins Böhmische verschwand. Auf Anforderung der Bautzener Domherren anrückende sächsische Infanterie kehrte unverrichteterdinge wieder um, da sich die Lage wieder beruhigt hatte.Zum Verhängnis der Schirgiswalder wurde aber die Rechnung, welche die Bautzener Garnison dem Domstift für den Truppeneinsatz schickte. Jetzt nämlich wurde den Grundherren das republikanische Treiben endgültig zu bunt. Sie forderten vom Dresdner Königshaus ultimativ, Schirgiswalde endlich nach Sachsen einzugliedern. So war es am 4. Juli 1845 vorbei mit der republikanischen Herrlichkeit - heute vor genau 150 Jahren.