Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchzogen Männer und Frauen mit Spateln und Gläsern Wald und Wiese, um im Auftrag von Gelehrten und Ärzten Ameisen zu sammeln. Sie lieferten die Tierchen an Labore und Apotheken, wo die winzigen Körper mit Mörsern traktiert wurden, um eine begehrte Substanz zu gewinnen: Ameisensäure. Die ätzende, farblose Flüssigkeit wurde zum Beispiel als Desinfektionsmittel, zur Behandlung von Rheuma und in der Lederverarbeitung genutzt.Erst im Jahr 1855 gelang es dem französischen Chemiker Marcellin Pierre Eugène Berthelot, Ameisensäure im Labor mithilfe von Kohlenmonoxid herzustellen. Es war ein bedeutender Schritt auf dem noch jungen Gebiet der synthetischen Chemie - der künstlichen Erzeugung organischer Substanzen aus nicht organischen Bausteinen.Die noch immer nach Berthelots Methode gewonnene Ameisensäure wird heutzutage beispielsweise auf Flughäfen zum Enteisen von Landebahnen verwendet. Die Lebensmittelindustrie nutzt die Salze der Säure als Konservierungsmittel; in der aufgedruckten Zutatenliste verbergen sie sich hinter den Kürzeln E237 und E238. Und Imker setzen eine wässrige Lösung der Ameisensäure zur Bekämpfung der Varroamilbe ein.Nur drei Jahre später, 1858, stellte Berthelot in seinem Labor als erster Chemiker Acetylen her, einen wichtigen Ausgangsstoff für die Kunststoffproduktion. Dabei zeigte er, dass organische Verbindungen - also Substanzen, die die Elemente Kohlenstoff und Wasserstoff enthalten und von denen man lange Zeit angenommen hatte, dass sie nur in der Natur vorkommen - denselben chemischen und physikalischen Gesetzen unterliegen wie anorganische Substanzen.Marcellin Berthelot wurde am 25. Oktober 1827 in Paris geboren. Sein Vater war Arzt, der sich durch seine aufopferungsvolle Arbeit während der Pestepidemie 1832 vielfache Anerkennung erwarb. Berthelot selbst erhielt schon als 19-Jähriger für seine ausgezeichneten Leistungen am Collège Henri IV. den ersten Preis für Philosophie.Es sollte die erste von vielen Ehrungen sein. Unter Antoine-Jérôme Balard, dem Entdecker des Elementes Brom, vollendete Berthelot am Collège de France 1854 seine Doktorarbeit über "Kombinationen des Glyzerins mit den Säuren und die künstliche Reproduktion der neutralen fettigen Körper". In dieser Arbeit zeigte der Chemiker auf, dass der Alkohol Glycerin die Grundsubstanz für die Herstellung sämtlicher tierischen Fette ist. Im Jahr 1865 erhielt Berthelot eine Professur für organische Synthese am Collège de France, wo er bis zu seinem Tod lehrte.Beeinflusst durch Philosophen wie Immanuel Kant waren Chemiker bis Anfang des 19. Jahrhunderts der Meinung gewesen, für die Herstellung organischer Stoffe sei die sogenannte Lebenskraft (vis vitalis) nötig. Da diese Kraft sich nach damaliger Vorstellung nicht künstlich erzeugen ließ, galt die Synthese organischer Stoffe im Labor als unmöglich.Erst die Arbeiten von Friedrich Wöhler leiteten ein allmähliches Umdenken ein. Dem deutschen Chemiker war es im Jahr 1828 gelungen, Harnstoff als erste organische Substanz überhaupt künstlich herzustellen. Wöhler und Berthelot gelten bis heute als die beiden wichtigsten Pioniere der synthetischen Chemie.Inspiriert durch die Freundschaft mit dem Historiker und Orientalisten Ernest Renan und angetrieben durch einen unbändigen Arbeitseifer ging Berthelot seinem Interesse für Wissenschaft und Politik nach. Neben der Veröffentlichung zahlreicher Artikel und Bücher sicherte ihm auch sein Ideal einer Wissenschaft, die dem Menschen nützen solle, die Sympathie und Anerkennung seiner Kollegen und Landsleute. Während der Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nutzte er beispielsweise das Wasser der Seine als Kabel zum Telegrafieren. So konnte die von den Belagerern aufgebaute Kommunikationsblockade umgangen werden.Für seine Forschungen zur Thermochemie - dem Teilbereich der Chemie, der sich mit dem Zusammenhang von chemischen Reaktionen und Wärme beschäftigt - verlieh ihm die Royal Society, eine angelsächsische Gelehrtengesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, im Jahr 1883 die begehrte Davy-Medaille. Die Auszeichnung wird seit 1877 für bedeutende chemische Entdeckungen verliehen. Neben dem Amt des Bildungsministers übernahm Berthelot von 1895 bis 1896 sogar den Posten des Außenministers von Frankreich. 1901 wurde er in die Liste der vierzig Unsterblichen der "Académie française" aufgenommen.Am 18. März 1907 starb Marcellin Berthelot - nur eine Stunde nach seiner Frau Sophie, von der er immer gesagt hatte, dass er sie nicht überleben wolle. Die französische Regierung wollte ihn unter großen Ehren im Panthéon zu Paris beisetzen, wo bis dahin ausschließlich männliche Größen ihre letzte Ruhe fanden. Doch die Familie wehrte sich gegen eine getrennte Bestattung der Eheleute. Aus Hochachtung vor Berthelots Verdiensten erließ der französische Staat ein Sondergesetz, welches zum ersten Mal in der französischen Geschichte die Beisetzung einer Frau im Panthéon erlaubte.------------------------------Foto: Der französische Chemiker Marcellin Berthelot wurde am 25. Oktober 1827 in Paris geboren. Er starb, ebenfalls in Paris, am 18. März 1907.