Hin und wieder schleicht sich ein hymnischer Ton ein in die Verse: "erde, von deinem antlitz/ geht die rede". Kein Wunder - sind es doch nahezu Liebesgedichte, die Wulf Kirsten der Natur widmet, speziell der "Erde bei Meißen". Da kann einer schon mal etwas vom Boden abheben.Die Gedichte des 1934 in Klipphausen bei Meißen geborenen Kirsten sind Gesänge auf die Landschaften Sachsens und Mitteldeutschlands, auf dunkle Äcker, Lehm und Moos. Es sind Landschaften, die häufig unbevölkert wirken. Dennoch zeigen sich gerade in den späteren Versen Spuren des Menschen: "meine kirschallee - / achtlos weggeworfen, meine niederste/ pflaumenallee mit eisenketten als abraum/ zum nächsten unratberg gezerrt, meine/ feldraine gestürzt. meine quellen/ vergiftet. alles versunken! verschlungen/ vom reißwolf des fortschritts."Solch kunstvoll-plakative Klagen sind in dem schönen und umfangreichen Band gleichwohl selten zu finden, der zu Ehren des heutigen siebzigsten Geburtstag von Wulf Kirsten zusammengestellt wurde. Die meisten Strophen erinnern vielmehr an Bildbeschreibungen und Gemäldegedichte. Dabei erzeugen sie eine ungewöhnlich sinnliche Präsenz. Man meint, die Gräser und Kräuter, die Feuchtigkeit, die aus dem Boden steigt und die Pollen, die durch die Luft fliegen, zu riechen. Man spürt den weichen Matsch durch die Finger plumpsen, lauscht dem Rascheln des Röhrichts am Ufer, sieht die Fische blitzen und vor allem: Man hört zwischen den Worten die Stille der Natur. Ein stummer Wind treibt die Blätter durch die Luft, und "einmal am februarmorgen/ flockten über die koppeln/ asche, verkohlte papiere".Es sind keineswegs Idyllen, die Kirsten hier zeichnet. Das Land, das er besingt, ist nicht selten öde und unwirtlich und für lyrische Schwärmerei denkbar ungeeignet. Das Schwelgen in Klangfarben, die volltönenden Vokalsymphonien, in welche in frühen Jahren die beinahe rauschhaften Naturerlebnisse gekleidet werden, sind darum - wie diese Auswahl aus fünfzig Jahren dokumentiert - bald einer schlichteren, beherrschteren und schließlich durchscheinenderen Diktion gewichen. Geblieben aber ist eine sprachliche Vehemenz, in der sich Meinungen und Urteile auszudrücken scheinen, ohne dass jedoch ein greifbarer Gedanke Wort würde. Hier erweist sich das Dichten als eine eigene, innersprachliche Form der Reflexion, das Naturgedicht als Standpunkt und Stellungnahme. Doch wie in der Klage über das zerstörerische Fortschreiten des Menschenwerks, scheut Wulf Kirsten, der heute in Weimar lebt und zuletzt mit dem Schiller-Ring ausgezeichnet wurde, die Deutlichkeit und den polemischen Schwenk auch an anderer Stelle nicht: "was schon Goethe hat erkannt und/ gerochen vorzeiten: das durchaus scheißige/ dieser unserer zeitigen herrlichkeit auf erden". Und obwohl "erdlebenbilder" eindeutig weniger der scheißigen Seite der Herrlichkeit zuneigt, gehört es nun in die von Kirsten so genannte Kategorie "bespiene bücher, also rezensierte".Wulf Kirsten: erdlebenbilder. Gedichte 1954-2004. Ammann, Zürich 2004, 402 S., 24,90 Euro.------------------------------Foto: Der Dichter Wulf Kirsten, geboren 1934