Geduld! Geduld müsse man schon haben. So jedenfalls antworten meist Anrainer, Investoren und Politiker, wenn man sie nach der Entwicklung am Alexanderplatz fragt - nach seinem Image als ewig schmuddelig wirkendem Platz, nach den Visionen von einem Klein-Manhatten an diesem Ort. Am Alexanderplatz wachsen derzeit keine neuen Büro- oder Hoteltürme 150 Meter in die Höhe, wie es sich der Senat noch immer wünscht. Vielmehr wurde in den letzten Jahren eher in die Tiefe gegraben und nur ein wenig Platzkosmetik betrieben. Eine Großbaustelle verschwindet jetzt aber: Heute wird die Tiefgarage zwischen dem Hotel Park Inn und dem Bundesumweltministerium eröffnet. Ab Sonnabend stehen die drei unterirdischen Parkdecks mit 650 Parkplätzen den Besuchern des Alexanderplatzes zur Verfügung. Die Alexanderstraße über der Tiefgarage ist aber nur halbfertig, wie so vieles am Platz. Autofahrer müssen weiter Umleitungen fahren, Fußgänger Umwege gehen.Wolfgang Roeck ist der Geschäftsführer des Münchener Unternehmens Wöhr+Bauer, das in den vergangenen drei Jahren die Tiefgarage für 32 Millionen Euro gebaut hat. Er gibt der Tiefgarage eine "Schlüsselfunktion" bei der Weiterentwicklung des Platzes, weil die Investoren an der Alexanderstraße für ihre Hochhäuser keine eigenen Garagen und Zufahrten mehr bauen müssten. Denn die Gebäude könnten über die neue Garage erschlossen werden, eine Zufahrt wurde vorsorglich schon für das Hotel Park Inn errichtet.Allerdings ist die Tiefgarage ein Jahr später fertig geworden als geplant. Monatelang musste der Boden enttrümmert werden, archäologische Grabungen haben zu Verzögerungen geführt, weil 80 Gräber sowie Fundamente einer preußischen Exerzierhalle aus dem 18.Jahrhundert gefunden wurden. Dass angeblich niemand in der Stadt von diesen "Verdachtsflächen" wusste, kann sich Roeck nicht vorstellen. "Wir hätten uns mehr Unterstützung durch den Senat gewünscht", sagt er. Es gehe doch um eine langfristige Entwicklung.Langfristig aber hat der Senat nicht gedacht, als er nach dem Mauerfall seine Ideen für einen weltstädtischen Alexanderplatz entwickelte und 1993 den Entwurf des Berliner Architekten Hans Kollhoff mit zehn 150-Meter-Türmen zum Leitbild kürte. Von der Einheit euphorisiert, ging man damals davon aus, dass Berlin zu einer Weltmetropole mit sechs Millionen Einwohnern wächst und zur Ost-West-Drehscheibe zwischen Moskau, Paris und London wird. Ein Irrglaube. Von den Plänen mit Milliardeninvestitionen ist fast nichts umgesetzt. An der Grunerstraße entstand zwar das insbesondere bei jungen Besuchern beliebte Shoppingcenter Alexa, wegen seiner fast fensterlosen Architektur wurde es aber schnell als "Bunker" oder "Pharaonengrab" verspottet. Auch der Kaufhof wurde modernisiert, und das US-amerikanische Unternehmen Hines hat an der Nordostecke des Platzes ein Geschäftshaus (Saturn) errichtet. Auf den hellen Natursteinfassaden hat der Senat bestanden, damit sie farblich zum Alexander- und zum Berolinahaus passen.Doch wann werden die Hochhäuser gebaut? Angesichts der hohen Leerstände von Büroflächen geht man in der Immobilienbranche davon aus, dass höchstens für drei bis vier Hochhäuser die Chance besteht, einmal realisiert zu werden - favorisierte Standorte sind am Alexa, am Geschäftshaus von Hines sowie auf freien Bauflächen neben dem Park Inn. Das portugiesische Unternehmen Sonae Sierra könnte neben dem Alexa einen Turm errichten, gibt dazu seit Jahren aber nur die Standardantwort: "Die Verhandlungen laufen noch." Anders ausgedrückt - man hat keinen Nutzer oder Käufer. Auch der Berliner Niederlassungsleiter von Hines, Christoph Reschke, sagt: "Wir haben einen langen Atem und Geduld." Zwar sei die Tiefgarage eine gute Abrundung für den Alexanderplatz, sie habe aber keinen nennenswerten Einfluss auf die weitere Entwicklung. Angesichts der derzeitigen Wirtschaftslage geht Reschke davon aus, dass die Hochhäuser erst in einem Zeitraum von 15 bis 20Jahren realisiert werden. Keine Rolle spielt dabei, dass sich die Investoren gegenüber dem Land verpflichtet haben, mit dem Bau der Türme spätestens 2013 zu beginnen, bis 2018 sollen sie stehen. Den Unternehmen bleibt nämlich eine Hintertür - der Bau muss wirtschaftlich zumutbar sein, heißt es in den Verträgen.Thomas Hattenberger ist seit zweieinhalb Jahren der Hotelchef im Park Inn. Er findet den Alexanderplatz langweilig, weil ihm ein "architektonischer Anziehungspunkt fehlt". Die Architektur entspreche nicht einer Weltstadt, er stellt sie sich mit mehr Glas, mehr Stahl und mehr Licht vor. Dazu zählt Hattenberger auch große LED-Videowände und blinkende Leuchtreklamen wie am New Yorker Times Square. So etwas Buntes und Schrilles hat der Senat aber bisher verhindert. Offiziell steht man noch zu seinem Hochhauskonzept, vertraut auf die Zusagen der Investoren. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher aber findet, dass die Hochhäuser nicht zu Berlin passen. Die Entscheidung sei damals politisch getroffen worden, nun müsse man sehen, wie man eine qualitätsvolle Architektur hinbekomme.------------------------------VISIONENDie Projekte am PlatzHotel Park Inn: Das Vier-Sterne-Superior-Hotel wurde vor 40 Jahren am 7. Oktober 1970 eröffnet. Mehr als 20 Millionen Gäste aus mehr als 80 Ländern übernachteten dort bisher. Von 2001 bis 2006 wurde das Haus mit seinen 37 Etagen komplett für mehr als 100 Millionen Euro modernisiert. Unter anderem wurde die alte Fassade durch 6800 verspiegelte Glasscheiben ersetzt. Eigentümer des Hotels ist mittlerweile der amerikanische Finanzinvestor Blackstone. Anstelle des Hotels könnten nach den Planungen für den Alexanderplatz drei neue Hochhaustürme errichtet werden. Für die Projekte gibt es bislang aber keine Interessenten. Blackstone will daher lediglich die freien Flächen etwa im Hotel vermieten. Das Park Inn wird im kommenden Jahr an der Alexanderstraße eine neue Zufahrt anlegen.Einkaufszentrum "Die Mitte": Das Gebäude ist bislang der einzige Neubau auf dem Alexanderplatz nach dem Mauerfall, es hat die Lücke an der nordöstlichen Ecke des Platzes geschlossen. Investor war das US-amerikanische Familienunternehmen Hines. Im Sommer vergangenen Jahres wurde der Neubau, in dem einer der größten Saturn-Märkte in Deutschland Hauptmieter ist, an die Immobilientochter der Commerzbank für 126,6 Millionen Euro verkauft. Hines gehört weiter ein 1400 Quadratmeter großes Grundstück an der Alexanderstraße, auf dem ein Hochhaus für rund 200 Millionen Euro errichtet werden kann. Wie der Berliner Niederlassungsleiter Christoph Reschke sagt, werde derzeit das Baurecht angepasst. Möglicherweise könnten in den Turm ein Hotel einziehen und die oberen Etagen für Privat-Appartements reserviert werden.Einkaufszentrum Alexa: Das Shopping- und Entertainmentcenter wurde gemeinsam vom portugiesischen Investor Sonae Sierra und dem französischen Partner Foncière Euris gebaut. Eröffnung war im Herbst 2007. In dem Center gibt es 180 Läden und mehr als ein Dutzend Restaurants sowie seit diesem Sommer ein Bowling-Center. Im vergangenen Jahr wurden rund 14 Millionen Besucher gezählt. Vor allem die Fassade wurde wegen der rosaroten Farbe vielfach von den Berlinern und auch vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit kritisiert, weil die Architektur nicht zum Alexanderplatz passe. Im Februar dieses Jahres erwarb Union Investment mit 91 Prozent den Hauptanteil an dem Gebäude und zahlte dafür knapp 290Millionen Euro. Sonae Sierra gehört an der Gruner-/Ecke Alexanderstraße aber noch ein Grundstück, auf dem ein Hochhaus errichtet werden kann. Trotz mehrfacher Ankündigungen für einen baldigen Baustart kann Sonae Sierra allerdings keinen Interessenten vorweisen.Galeria Kaufhof: Das Kaufhaus wurde zwischen 1967 und 1970 als Centrum-Warenhaus errichtet. Es zählte damals zu den Vorzeigehäusern der DDR. Während des Umbaus vor vier Jahren, in den der Metro-Konzern mehr als 110 Millionen Euro investierte, entstand eine zusätzliche, sechste Verkaufsetage. Zugleich wurde das Gebäude auf den Platz Richtung Brunnen erweitert; die Gebäudegestalt entspricht dort jetzt der Senatsplanung für den Alexanderplatz. Theoretisch ist an der Rückseite des Kaufhofs an der Karl-Liebknecht-Straße der Standort für ein Hochhaus vorgesehen. Der Konzern verfolgt das Bauprojekt derzeit nicht.Alexanderstraße: Nach der Eröffnung der Tiefgarage wird die Alexanderstraße vom Senat neu gebaut - allerdings wird sie erst im Sommer 2011 fertiggestellt. Die Kosten von knapp zehn Millionen Euro zahlen die Anrainer der Straße. Seit dieser Woche gilt in der Alexanderstraße eine provisorische Verkehrsführung: Nur die südliche Fahrbahn vor dem Hotel ist hergerichtet. Es gibt in Richtung Otto-Braun-Straße eine Fahrspur, einen Radfahrstreifen sowie einen Fußweg auf der Fahrbahn. Die nördliche Fahrbahn wird im Juni 2011 fertig, Autos werden noch über die bisherige Umleitungsstrecke am Bundesumweltministerium geführt. Nur die Kreuzungen an der Karl-Liebknecht-Straße und an der Otto-Braun-Straße sind schon erneuert.------------------------------Foto: Bunte Fassade: Das Alexa ist beliebt, doch die Betonarchitektur umstritten.Foto: Alexanderhaus Landesbank BerlinFoto: Einkaufszentrum "Die Mitte"Foto: S- und Regionalbahnhof AlexanderplatzFoto: BerolinahausFoto: Galeria KaufhofFoto: ToitellenhausFoto: Brunnen der VölkerfreundschaftFoto: Zugang zur Tiefgarage (Treppen und Fahrstuhl)Foto: TiefgarageFoto: Hotel Park InnFoto: Künftige Zufahrt für LKWFoto: Ein- und Ausfahrt LKW/PKWFoto: Ein- und Ausfahrt PKWFoto: 1. TiefgeschossFoto: 2. TiefgeschossFoto: 3. TiefegeschossFoto: Zugang zur Tiefgarage (Treppen und Fahrstuhl)