Peter Eisenman wollte den Grafffitischutz für das Holocaust-Mahnmal nie. Der amerikanisch-jüdische Architekt meinte, wenn die Stelen beschmiert würden, sei auch dies ein Teil der Holocaust-Aufarbeitung in Deutschland oder ihres Scheiterns. Doch der Berliner Senat erst unter Diepgen, dann Wowereit sowie die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas bestanden auf dem Schutz. Nicht zuletzt aus Angst vor Überschriften wie "Mahnmal in Berlin geschändet". Nun ist der Überzug für viele eine Schändung des Denkmalgedankens geworden. Denn er ist ein Produkt der Firma Degussa, welche bis 1945 zu 42,5 Prozent Anteilshaber war an der Firma Degesch. Weitere 42,5 Prozent wurden von der IG Farben gehalten, deren Nachfolger etwa die BASF, Bayer und Hoechst sind. Degesch lieferte jenes Zyklon B, mit dem Menschen nicht nur in Auschwitz vergast wurden. Für die Direktoren der Brandenburgischen Gedenkstätten und der Topografie des Terrors, Günter Morsch und Reinhard Rürup, oder für den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde Alexander Brenner ist deswegen die Verwendung eines Mittels der Degussa kaum erträglich. Und auch die streitbare Kämpferin für das Denkmal Lea Rosh sagte auf die Frage, wer denn angesichts der Verstrickung der gesamten deutschen Gesellschaft noch beteiligt werden könne: "Wir kamen zu der Auffassung, die Grenze ist ganz klar Zyklon B." Man müsse Rücksicht auf die Gefühle der Opfer nehmen.Ganz so klar war die Grenzziehung aber auf der entscheidenden Kuratoriumssitzung am 23. Oktober nicht, als ein neun Tage alter Artikel des Züricher Tagesanzeigers als Tischvorlage herumgereicht wurde. Er prangerte mit der Überschrift "Zweimal am Holocaust verdient" die Beteiligung der Degussa an. Trotzdem focht der Vorsitzende Wolfgang Thierse ebenso für eine abwägende Haltung wie Berlins Bausenator Peter Strieder. Denn diese Firma habe sich gründlich um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte bemüht, engagiere sich in der Zwangsarbeiterinitiative, habe in Israel das Diaspora-Museum mit errichtet. Zwar erkannten das auch das Kuratorium und Lea Rosh ausdrücklich an - dennoch führte die emotionsgeladene Debatte dazu, dass die Degussa vorerst ausgeschlossen wurde. Peter Eisenman protestierte umgehend, das Produkt der Degussa enspräche genau seinen ästhetischen Ansprüchen und sie sei ein Vorbild für eine aktive Aufarbeitung der Vergangenheit. Ähnlich argumentierten jetzt auch der Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, sowie der ehemalige Botschafter Israels, Avi Primor. Der Ausschluss sei absurd, mit so einem Maßstab könne auch die Bundesregierung als Nachfolgerin der Hitler-Regierung nicht als Stifterin akzeptiert werden.Geht es also "nur" um Emotionen? Tatsächlich haben die Verwaltungen der Stiftung und des Senats die Brisanz des Tagesanzeiger-Artikels nicht erkannt, das Kuratorium musste ohne rationale Vorbereitung entscheiden. Doch über das Versagen der politischen Schutzinstrumente hinaus kann man "Schuldige" kaum finden. 1999 beschloss der Bundestag, das Denkmal zu errichten, 2001 erhielt Eisenman den Auftrag dafür, im Oktober 2002 lief die Ausschreibungsfrist für den Betonbau aus. Doch erst am 13. Dezember bot die Degussa dem Bausenator an, "auf Grund der historischen Bedeutung des geplanten Denkmals" den Schutzüberzug Protectosil für etwa 60 Prozent des Originalpreises zu liefern, für 9,12 Euro pro Quadratmeter statt für 15,89 Euro. Dies war zunächst als "Sponsoring" gedacht, also nicht als bedingungslose Spende. Denn Degussa rechne damit, dass das Mahnmal ein "Langzeitreferenzprojekt" sei.Die Senatsbauverwaltung fragte daraufhin ein Anwaltsbüro, ob eine solche Direktvergabe und das Sponsoring möglich seien. Am 18. Dezember erhielt man die Antwort, dass der Senat und die Stiftung die Degussa erst nach der Vergabe des Gesamtauftrages bei der dann ausgewählten Baufirma ins Gespräch bringen könnten. Davor sei dies eine Wettbewerbsverzerrung. Und wenn es sich nicht um eine Spende, sondern um Sponsoring handle, sei die Beteiligung der Degussa "keine juristisch zu beurteilende Fragestellung". Unausgesproche Schlussfolgerung: Dann müssen die Politiker entscheiden. Am 8. Januar wurde die Geschäftsführerin der Stiftung, Sibylle Quack, vom Bausenat über das Angebot informiert. Sie sicherte zu, dass die Stiftung die "historische Rolle" der Degussa bewerten wolle. Deren Name ist ja nicht nur über die Degesch, sondern auch über die Verwertung des Goldes und Silbers der Deportierten eng mit dem Holocaust verbunden. Offenbar kam man bei der Senatsbauverwaltung zur Erkenntnis, dass die Degussa ihre Preisreduktion als Spende meinte, die Information der Politiker also unnötig sei. Ob dies auf Grund neuer Gespräche geschah, ist nicht zu erfahren, vielleicht auch der komplexen Auftragssituation wegen: Schließlich handelt es sich um ein Produkt, das von der Firma Effinger & Albani bei Degussa gekauft und dem Betonbauer Geithner angeboten wurde, der zwar von der Bauverwaltung beauftragt wurde, aber für die Stiftung arbeitet. Und deren Geschäftsführung wollte nun ebenfalls die Degussa beteiligen, auch weil sie für ein anderes, neues Deutschland stehe. Sogar Rosh ist ja im Grundsatz für die Beteiligung von belasteten Firmen - unabhängig davon, ob in dem jetzt zwischen ihr und Sybille Quack heiß umstrittenen Gespräch über dieses Thema auch der Name Degussa fiel. Da steht weiterhin Aussage gegen Aussage. Seit April 2003 drängten Senat und Stiftung die ausgewählte Baufirma Geithner, die Degussa mit ihrem allseits gelobten und nun auch preiswerten Produkt zum Zuge kommen zu lassen. Das führte allerdings dazu, dass der ursprünglich von Geithner bevorzugte Anbieter PSS Interservice ausgeschlossen wurde. Dessen Schweizer Mutterfirma steckte dann offenkundig dem Züricher Tages-Anzeiger die brisante Information über die Degussa, der am 23. Oktober zum Eklat führte.Andererseits gibt es nun endlich die Gelegenheit zu klären, was dieses Monument sein soll. Wenn sich die Stiftung entscheidet, Degussa, Krupp, Mercedes, BASF, VW, Deutsche Bahn oder Deutsche Bank doch zu beteiligen, kommt sie möglicherweise in den Konflikt mit vielen Opfern. Vor allem aber wird der bisherige, gerade von Lea Rosh erbittert verteidigte Charakter des Denkmals aufgehoben: eine aus reinem Gedanken und ohne Irritation durch die seit 1945 geschehene Geschichte entstandene Erinnerungsanlage zu sein, die nur der Einsamkeit und den Schrecken der Holocaust-Opfer gewidmet ist. Wenn aber Firmen, deren Geschichte mit dem Holocaust verbunden ist, weiterhin ausgeschlossen werden, kommen Fragen auf wie die, ob nicht etwa die Nachfahren der IG Farben Chemikalien geliefert haben und woher der Stahl stammt. Es werden vor allem diejenigen enttäuscht, die das Denkmal als Höhepunkt der deutschen Sühneversuche empfanden. Welchen Weg die Stiftung heute auch einschlägt - sie wird einen Teil ihrer Unterstützer vor den Kopf stoßen.Seite 14"Man hätte von Beginn an mit dem Thema offensiver umgehen müssen. " Petra Reetz, Sprecherin des Bausenators.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Den Schrecken und die Einsamkeit der Verfolgten und der Holocaust-Opfer soll man hier spüren: zwischen Eisenmans Mahnmalstelen.