Ob denn auch alle gute Laune mitgebracht hätten, fragt der junge Mann und reibt sich die Hände. Ein Aufsteigertyp, dunkler Anzug, dezente Krawatte, markante Designerbrille. Er schaut in die Runde. Acht junge Leute sind zum Vorstellungsgespräch ins Callcenter gekommen. Der Raum ist abgedunkelt, die Wände sind kahl. Ein Beamer wirft das Bild eines Mannes an die Wand. Er trägt ein Headset und lächelt den Bewerbern zu, selbstbewusst und glücklich. So stellt man sich hier die Mitarbeiter vor.Anna Schwarz* versucht auch zu lächeln. Nervös steckt sie die losen Strähnen ihres blonden Haares fest. Anna ist Schauspielerin, aber die Rolle der engagierten Bewerberin fällt ihr sichtlich schwer. Vielleicht, weil das hier weder ein Film noch ein Theaterstück ist. Sie wollte nie in einem Callcenter landen, aber was soll sie tun, die Konkurrenz ist groß, die Zeiten sind hart. Ihr Mann, ebenfalls Schauspieler, hat gerade einen Fernsehfilm gedreht. Ein Sender wollte den Film kaufen, doch wegen der Finanzkrise lägen die Honorare nun auf Eis, sagt sie. Das Paar hat eine siebenjährige Tochter und braucht dringend Geld."Wir sehen uns nicht als Callcenter, wir sind ein Kundenservice-Center", sagt der Personaler. Er selbst habe als Telefonist hier angefangen, jetzt stelle er die Leute ein, sagt er stolz. Hinter ihm sind Folien an die Wand projiziert. Darauf ist zu lesen, dass man die Kunden über billige Vorwahltarife lockt, dann günstige Mobilfunktarife anbietet und schließlich einen Vollanschluss verkauft. Er betet seinen Text runter, wie ein Konfirmand das Vaterunser. Nur dreißig Prozent aller Deutschen hätten eine Flatrate, sagt er, es gäbe also noch viel zu tun. Das klingt fast wie eine Drohung.In einer Vorstellungsrunde soll jeder erklären, warum er für den Job geeignet ist. Anna sagt, sie habe Erfahrung mit Telemarketing und außerdem durch ihre Schauspielausbildung eine gute Stimme. Sie sei freundlich und telefoniere gerne. Der Mann im Anzug klatscht und reißt die Arme in die Luft, als Zeichen, dass die anderen mitklatschen sollen. Man könnte meinen, bei einer Sektenveranstaltung gelandet zu sein.Anna kommt aus Bad Segeberg. Als Jugendliche hat sie bei den Karl-May-Spielen Federn in die Stirnbänder der Indianer gesteckt, einen Pfennig gab es damals pro Feder. Wenn man in einer Stadt aufwächst, in der jährlich galoppierende Apachen und schießwütige Bleichgesichter bejubelt werden, kann man sicher leicht den Wunsch entwickeln, Schauspieler zu werden. Anna jedenfalls wollte das schon immer, sagt sie. Vielleicht hat sie sich das Leben als Schauspielerin so aufregend vorgestellt, wie Karl May sich den Wilden Westen. Nach ihrer Ausbildung in der Schauspielschule Charlottenburg spielte sie bei kleinen Theatern in Berlin und Bremen, ihr Geld hat sie mit Fotoshootings und Theaterprojekten an verschiedenen Schulen verdient. Anna ist neunundzwanzig Jahre alt, den großen Durchbruch hat es bisher nicht gegeben. "Dafür braucht man mehr Glück als für einen Lottogewinn", sagt sie.Die letzten zwei Jahre haben sie mürbe gemacht. Zu viele Jobs, zu wenig Geld. Eine Zeit lang hat sie in einer Hostessen-Agentur gearbeitet. Mit rotem Kostüm und einer Traube Luftballons in der Hand sollte sie in einem Möbelhaus Würstchen verschenken. Bei der Berlinale musste sie die Stars zur VIP-Toilette begleiten. Und einmal, so erzählt sie, habe sie auf eine Anzeige geantwortet, bei der Masseurinnen gesucht wurden und fand sich in einem Vorstellungsgespräch mit drei Prostituierten in einem Puff wieder. Ihr wurde die Rolle der kühlen Schwedin angeboten. Es war die einzige Rolle, die sie jemals abgelehnt hat."Sie müssen lächeln, wenn Sie telefonieren", erklärt der Aufsteigertyp den Callcenter Bewerbern, "der Kunde spürt Ihr Lächeln. Und was machen Sie damit?" Er macht eine Pause. "Sie werden ihn begeistern". Die Telefonisten sollen den Kunden Mobilfunkverträge verkaufen - und er den Bewerbern diesen Job. Sieben verschiedene Annoncen hat die Firma in einem einzigen Stadtmagazin geschaltet. Der Durchlauf an Personal ist enorm. Sehr viele Studenten in Berlin haben zumindest für kurze Zeit in einem Callcenter gearbeitet. "Gute Arbeitszeiten?", fragt der Personaler am Ende seiner Show. Die Bewerber nicken brav. "Ich weiß", sagt er und schnalzt mit der Zunge. "Guter Arbeitsvertrag?" - Nicken - "Ich weiß." Die Runde ist vorbei. Im Foyer der Firma warten die Nächsten."Wenn ich die Zähne zusammenbeiße, ertrage ich das hoffentlich für zwei Monate", sagt Anna, als sie das Gebäude verlässt. Drei Stunden nach der Bewerbungsrunde bekommt sie einen Anruf. Das Callcenter ist dran. Sie habe einen sehr guten Eindruck hinterlassen, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne, zwitschert eine Frau in den Hörer. Ja, sagt Anna. Gleich am nächsten Tag soll sie eine sechsstündige Schulung bekommen. Anna weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll."Diese Jobs machen so einsam", sagt sie. Weil man seinen Freunden nichts zu erzählen hat. Und auch, weil man sich schämt, immer noch auf diese Weise sein Geld verdienen zu müssen. Wenn sie mal wieder an allem zweifelt, schreibt sie ihre Erlebnisse auf, als seien es die Erlebnisse einer anderen und nicht ihre eigenen. Das sei wie ein Film, den sie sich anschaue, sagt sie. Anna schafft sich Distanz. Nur so kann sie ihre Situation aushalten.Pünktlich um neun Uhr dreißig geht es am nächsten Morgen los. Drei Stunden lang werden Tarife und Aktionen durchgepaukt, dann bekommen die Neulinge einen Gesprächsleitfaden in die Hand und ein Headset auf den Kopf. Annas neuer Arbeitsplatz ist etwa so groß wie eine Turnhalle. Sie muss ihn allerdings mit knapp zweihundert Leute teilen, die alle durcheinander reden. Die meisten sind jung, tragen Jeans und Turnschuhe und brüllen in ihre Mikrofone. Manche gestikulieren wild, andere fläzen in ihren Stühlen vor den Computern. Es ist so laut, dass man kein Wort mehr verstehen kann. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, die Kunden am Ende der Leitung zu überreden. In der Mitte des Raumes ist eine Art Geschenke-Stapel aufgebaut. Eine Spielkonsole, ein Flachbildschirm, ein Iphone - Anreize für die künftigen Top-Seller.Anna telefoniert genau eine Viertelstunde lang. Sieben verprellte Kunden soll sie überzeugen, ihren Telefonanschluss wieder der Firma anzuvertrauen. Der erste Kunde legt auf. Der zweite hat kein Interesse. Der dritte ist bereits verstorben. Als der siebte sie anbrüllt, er wolle nicht mehr angerufen werden, sagt Anna Schwarz "okay" und legt auf. Okay sagen ist für das Callcenter gar nicht okay. Man soll "ja aber" sagen und weiterreden."Was mache ich hier eigentlich?", fragt sie sich. Fünf Tage die Woche, fünf Stunden am Tag mit Menschen zu telefonieren, die nicht mit ihr sprechen wollen - das kann sie nicht. Hat sie denn etwas anderes erwartet? Nicht direkt, sagt sie, aber sie will das hier einfach nicht, Menschen zu etwas überreden, was sie nicht wollen. Sie habe nicht gewusst, dass das so eine Verkaufsscheiße ist. Ein Gräuel. Anna geht.Vier Stunden, nachdem sie das Callcenter verlassen hat, sitzt sie mit ihrer Tochter in einem Café. Sie überlegt, ob sie nicht einen Kurzfilm über ihre Erfahrungen drehen sollte. Eine Realsatire. Sie würde auch eine Szene dazunehmen, die ihre Freundin erlebt hat: Als Paprika verkleidet musste sie in einem Supermarkt an der Kühltheke Frischkäse anbieten. Als Paprika! Anna fragt sich gerade, warum Nebenjobs eigentlich immer demütigend sein müssen, als ihr Mobiltelefon klingelt. Eine freundliche Frauenstimme möchte wissen, ob sie sich vorstellen könnte, bei dem Callcenter einen anderen Job zu machen. Kann sie nicht. Anna legt auf. "Mist! Wir brauchen dringend Geld!", sagt sie. Ein paar Tage später nehmen sie und ihr Mann bei einer Bank einen Kredit auf.* Name geändert------------------------------Foto: Anna ist Schauspielerin. Den großen Durchbruch hat es bisher nicht gegeben.