Es war das Jahr 1997, als der österreichische Journalist und Filmemacher Gerald Lehner gemeinsam mit einem Co-Autor seine große "Stern"-Reportage mit dem Titel "Ein Held mit braunen Flecken" veröffentlichte. Darin ging es um den - im Januar 2006 94-jährig verstorbenen - legendären Kärntner Bergsteiger, Buchautor und langjährigen Dalai-Lama-Freund Heinrich Harrer, um die gerade fertig gestellte Verfilmung seines Bestsellers "Sieben Jahre in Tibet" mit Hollywood-Star Brad Pitt und um Harrers Verstrickungen in den Nationalsozialismus. Letzteres schlug ein wie eine Bombe: Lehner hatte in den "German Records" des National Archivs im US-Bundesstaat Maryland recherchiert und eine 80-seitige Akte gefunden, aus der hervorging, dass Harrer - einer der von Hitler 1938 mit allen Ehren empfangenen Erstbesteiger der Eiger-Nordwand - "der Einzige unter den vier erfolgreichen Erstbegehern war, der zu Beginn der Tour reguläres Mitglied von SS und NSDAP war." Zudem war Harrer seit 1933 Mitglied der bis zu Hitlers Machtübernahme in Österreich illegal operierenden SA in Graz. Bekannt hat sich Harrer dazu, trotz der erdrückenden Indizien, nie.Nun ist Gerald Lehners Buch "Zwischen Hitler und Himalaya. Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer" erschienen, das den gesamten Fall noch einmal aufgreift, zusammenfasst und fortführt. Akribisch dokumentiert Lehner seine Recherchen zu Harrers Vergangenheit, zitiert Fachleute und internationale Medienberichte, ergänzt das bereits bekannte um weiteres Material. Lehner, selbst Alpinist, lässt keinen Zweifel daran, dass er in Harrer eines seiner eigenen Jugend-Idole schmerzlich demontiert hat. Er ist ein um äußerste Ausgewogenheit bemühter Aufdecker.Nur an einigen, ganz wenigen Stellen schwächt er seine berechtigte Kritik an Harrer durch Schlussfolgerungen ab, die überzogen sind: Zum Beispiel zieht Lehner aus einem Zitat Harrers zu dem drakonischen Rechtssystem, das dieser in den späten 40er-Jahren in Tibet beobachtete ("Die grässlichen Auspeitschungen sind im Grunde weniger human als unsere Todesstrafe, denn oft haben sie ein Sterben unter fürchterlichen Qualen zur Folge.") folgenden Schluss: "Wer bei politischen und staatlichen Abgründen wie Hinrich tung und Folter noch Klassifizierungen wie "human", "weniger human" etc. einführt, landet nicht nur bei der Rechtfertigung der Todesstrafe schnell bei Substantiven (sic!) wie "gerechtfertigt", "gerecht", "dem gesunden Volksempfinden angemessen."Die große Leistung von Lehners Buch liegt einerseits in der überblickshaften Zusammenfassung des Falls Harrer. Das ist erhellend genug. Zum anderen aber beschäftigt Lehner sich eindringlich mit einigen anderen, brisanten historisch-politischen Zusammenhängen, mit denen Harrer tatsächlich nur ganz am Rande zu tun hat, die aber gleichwohl hoch interessant sind. Dazu zählt vor allem Lehners Analyse der Politik der tibetischen Exilregierung und des Dalai Lama - inklusive dessen distanzlosen Verhaltens gegenüber einem NS-Kriegsverbrecher und einer skurrilen Figur wie dem chilenischen "esoterischen Hitleristen" Miguel Serrano. Insgesamt ist Lehners Buch eine äußerst vielfältige Arbeit, in der so verschiedene Sujets wie pseudoreligiöse Propaganda, esoterischer Faschismus, Tibet-Klischees, Hitler und Buddha, Harrers Nazi-Vergangenheit, Entwicklungszusammenarbeit im Himalaya, Sinnsucher-Massen-Tourismus sinnstiftend zusammenfinden.------------------------------Foto: Gerald Lehner: Zwischen Hitler und Himalaya. Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer. Czernin, Wien 2006. 303 S., 24,40 Euro.