Historiker Sebastian Ullrich erhält für seine Arbeit über den Weimar-Komplex den Hans-Rosenberg-Gedächtnis-Preis: "Der Vergleich mit Weimar verzerrt"

60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik gilt die zweite deutsche Demokratie vielen als Erfolgsgeschichte. Doch wie wichtig waren die Lehren aus der gescheiterten ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, für diesen Erfolg? Das hat der Historiker Sebastian Ullrich in seiner Dissertation "Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945-1959" untersucht. Dem Historiker Heinrich August Winkler zufolge ist Ulrich damit "ein großer Wurf" gelungen. Für seine Arbeit erhielt er jetzt den Hans-Rosenberg-Gedächtnis-Preis zur Förderung von Nachwuchshistorikern.Herr Ullrich, warum haben wir trotz Weltwirtschaftskrise eigentlich keine Weimarer Verhältnisse in der Bundesrepublik?Wir haben ganz andere politische, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen als Anfang der 30er-Jahre. Wir leben in einer gefestigten Demokratie, die, bei allen Problemen, auf eine beeindruckende Erfolgsbilanz zurückblicken kann und in dem immer noch beträchtlichen Wohlstand ihrer Bürger eine sichere Basis besitzt. Ich glaube, dass der Vergleich mit Weimar die Wirklichkeit heute eher verzerrt. Nicht jeder, der sich erkältet, bekommt am Ende auch eine Lungenentzündung.Welche Bedeutung hatte das, was Sie den "Weimar-Komplex" nennen, also die Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik, für die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik?Dass es kein neues 1933 geben dürfe, war eine Überzeugung, die alle an der Gründung der Bonner Republik beteiligten Politiker teilten, denn viele von ihnen hatten den Untergang Weimars als persönliches Trauma erlebt. Im Gegensatz zur gängigen Vorstellung gab es nach 1945 aber keinen Konsens über die Lehren, die es aus dem Scheitern der Weimarer Demokratie zu ziehen galt. In konservativen und rechtsliberalen Kreisen beispielsweise gab es Stimmen, die ständische Elemente in die neuen Verfassungen integrieren wollten, um ein Gegengewicht zu den Parteienparlamenten zu schaffen. Es brauchte die Erfolge der Ära Adenauer, bis sich die Überzeugung durchsetzte, dass im Grundgesetz die richtigen "Lehren aus Weimar" gezogen wurden.Was gehört denn ihrer Meinung nach zum Kern der Lehren aus Weimar?In den Auseinandersetzungen um Weimar entstand eine Sensibilisierung dafür, dass Demokratie ein zerbrechliches Gut ist und scheitern kann, aber nicht darf. Demgegenüber werden die direkten verfassungsmäßigen Lehren, etwa das konstruktive Misstrauensvotum, meiner Meinung nach eher überschätzt.Gab es in der DDR einen vergleichbaren "Weimar-Komplex"?Nein. Die SED ließ keinen Zweifel daran, dass sie im Rahmen der "antifaschistisch-demokratischen" Umgestaltung nach 1945 die entscheidenden "Lehren von 1918" gezogen habe. Und tatsächlich unterschied sich ihr Staat sehr viel deutlicher von Weimar als die Bundesrepublik. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie wurde in den Gründungsmythos der DDR integriert, demzufolge der antifaschistische Kampf der KPD dem neuen Staatswesen Legitimation verschaffte. Der Bundesrepublik machte man den Vorwurf, Weimar viel zu ähnlich zu sein und daher den Keim des neuen Faschismus in sich zu tragen.Ist die politische Kultur der Bundesrepublik aus dem Schatten Weimars herausgetreten?Die politische Kultur der Bundesrepublik hat mit der von Weimar so viel zu tun wie eine bittere Traube mit einem guten Weißwein. Sie ist stark gekeltert worden und gut durchgereift. Die Lust am schiefen Geschichtsvergleich wird Politikern und Leitartiklern aber wohl trotzdem nicht vergehen.Interview: Sven Jüngerkes------------------------------Foto: Dr. Sebastian Ullrich studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Berlin und Cambridge und promovierte 2008 an der HU. Jetzt arbeitet er als Lektor beim Verlag C.H. Beck.