BERLIN. Nach dem Mittagessen ist der Kaffeeautomat ein besonders scheinheiliger Apparat: "Gönnen Sie sich eine Pause", steht da in elektronischen Lettern. Wenn der Magen noch mit dem Essen kämpft, werden die Gedanken bleiern. Das Mittagstief wird mit Kaffee weggetrunken, für ein Nickerchen bleibt keine Zeit. Und selbst wenn: Der Mittagsschlaf, den Schlafforscher schon seit Jahrzehnten predigen, ist in vielen Unternehmen ein Tabuthema. "Er wird immer noch mit Faulenzertum verbunden, dabei ist er für das Herz-Kreislaufsystem sehr gesund und auch leistungssteigernd", sagt Jürgen Zulley, der seit den 70er-Jahren den Schlaf erforscht. Der Mittagsschlaf sei für den Organismus bei Stress wie eine wohltuende Pause.Der Arbeitswissenschaftler Martin Braun vom Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation geht davon aus, dass die Hälfte der Beschäftigten an Übermüdung leiden. "Wir stecken noch in den Denkmustern der Industrialisierung fest, nach denen die Geschwindigkeit der Mitarbeiter zählt und nicht deren Leistungsfähigkeit. Und die ist nun mal nur mit einem gesunden Rhythmus von Schlafen und Arbeiten zu erreichen."Berliner Philharmoniker machen es vorDen scheinen die 129 Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle an der Spitze gefunden zu haben: Zwischen ihren Proben am Vormittag und den Konzerten am Abend halten sie einen Mittagsschlaf. "Nur so können sie beste Leistung bringen und ihre 50-Stunden-Woche bewältigen", sagt die Sprecherin der Berliner Philharmoniker, Elisabeth Hilsdorf.Von Mittagsschlaf sprechen Unternehmen höchst ungern - es klingt ihnen wohl zu behaglich. Das Nickerchen heißt deshalb schon seit einigen Jahren Powernap - zu deutsch Energieschlaf. Der Anglizismus aus den USA verspricht einen ökonomischen Effekt, nach dem Motto: Investiere Schlaf, gewinne Leistung. In den USA, Japan, China ist der Powernap längst eine Selbstverständlichkeit, auch Südländer halten Siesta. In deutschen Firmen wie dem Softwarehersteller SAP spricht man aber lieber neudeutsch von einem "individuellen Work-Life-Management" sowie "Fitness und Recreation". Beim Computerriese IBM in Stuttgart werde, so heißt es, das "Well-being-Konzept aktiv kommuniziert". Während der Gleitzeit können Mitarbeiter demnach Yoga, Pilates oder Tai Chi machen. Für Powernap gebe es jedoch keine "speziellen Räume".Dabei hat der Mittagsschlaf gar nicht so viel mit Räumlichkeiten zu tun als vielmehr mit einem Vorurteil. Werden ein Nickerchen haltende Mitarbeiter als "Faulenzer" oder "Schwächlinge" abgetan, hilft kein noch so schöner Raum. Knapp jeder vierte Angestellte nickt laut Jürgen Zulley deshalb heimlich ein. Die beliebtesten Orte dafür sind Bürotoiletten und geparkte Autos in der Firmentiefgarage. Verschwiegen geht es auch bei der Kundschaft des Büromöbelherstellers Sedus zu: Das Unternehmen will den für Powernap geeigneten Stuhl "open up" seit der Produktion im Jahr 2000 rund 400 000 Mal an Unternehmen verkauft haben. Doch die Abnehmer legen Wert auf Diskretion. Der Wiener Unternehmensberater Mario Filoxenidis, der mit seiner Firma Siesta Consulting auch deutsche Firmen bei der Einführung von Powernap berät, verrät ebenfalls keine Namen.Ruhen nach DienstvereinbarungBefolgt man die Suchtipps der Experten - eher im Westen als im Osten, eher im Dienstleistungsbereich - wird man fündig. Vorreiter beim Powernap ist die Stadtverwaltung Vechta in Niedersachsen. Seit nunmehr sieben Jahren erlaubt sie ihren Mitarbeitern, sich in der Mittagszeit "rekreativ zu betätigen". Die Ruhepausen sind sogar in der Dienstvereinbarung festgeschrieben. Das Ergebnis: In keiner anderen landesweit vergleichbaren Kommune Niedersachsens würden die Aufgaben von so wenig Personal erledigt, sagt der Sprecher Frank Kätheler.Vechta will bundesweit die einzige Stadtverwaltung sein, die ihren Mitarbeitern ein mittägliches Schläfchen gönnt. Dafür gab es viel Lob von Arbeitsforschern, aber auch Häme der Medien über "schläfrige Beamte". Andere Stadtverwaltungen scheinen da vorsichtiger zu sein. Zwar gibt es im Dortmunder Rathaus eine Chill-out-Lounge, in der sich müde Mitarbeiter in Sessel legen können. Doch das kostet - 13 Euro für 30 Minuten.Die Dortmunder Beamten jedenfalls scheinen die nüchtern eingerichtete Lounge zu meiden. "Wenn ich auf die angewiesen wäre, hätte ich schon längst dicht gemacht", sagt die Betreiberin Birgit Syring. Stadtmitarbeiter hätten viel zu viel Angst, dass sich ihr Ruf als Faulenzer noch mehr verfestige. Und so beherbergt Syrings Gastschläfer aus den umliegenden Firmen, den Anwaltskanzleien, Banken und japanischen Restaurants.Leere Liegen in deutschen FirmenDer Bewusstseinswandel in einigen Firmen ist Folge wirtschaftlicher Überlegungen. So haben die Mitarbeiter im Callcenter der Bausparkasse Schwäbisch Hall nach einer Stunde das Recht zehn Minuten Pause zu machen. Sie ziehen sich meist in den Ruheraum zurück, in dem ein Urwaldbild samt Wasserfall hängt. "Das sind alles ausgebildete Bänker, mit denen müssen wir nachhaltig umgehen", erklärt Pressesprecher Sebastian Flaith.Der Heizungsbauer Vaillant renoviert zur Zeit seinen "Silentroom" für die Callcenter-Mitarbeiter. Einen kleinen Luxus bietet die Sparkasse Bodensee ihren Angestellten. In den Ruheräumen an den Hauptstellen Friedrichshafen und Konstanz sind die insgesamt fünf Liegen mit Sichtschutz voneinander getrennt. Schließlich kann Schlafen ja auch eine intime Angelegenheit sein. Derzeit benutzten aber nur einzelne Kollegen den Ruheraum, sagt der Sparkassensprecher Wolfgang Aich.Im BMW-Forschungszentrum in München gibt es für die rund 7 000 Mitarbeiter zwei Liegen. Und die würden "derzeit wenig genutzt", sagt BMW-Sprecherin Heike Stegert. Denn: "Wir bezahlen die Mitarbeiter für ihre Arbeit. Sie tragen selbst die Verantwortung für ihre Gesundheit." Auch beim ADAC gibt es nur zehn Liegen für rund 2 500 Mitarbeiter. Und trotzdem stünden die Mitarbeiter keinesfalls Schlange, sagt Roman Breindl vom ADAC. Wenn hingegen der Kaffeeautomat streike, bemerke man die Proteste sofort.------------------------------Winston Churchill, Bill Clinton und Henry MaskeBerühmte Vorbilder für den Mittagsschlaf sind Großbritanniens Premier Winston Churchill, der sein Nickerchen stets im Pyjama abhielt, und der Maler Salvador Dali. Auch Bill Clinton soll mittags ruhen.Die Wissenschaft gibt dem Nickerchen Recht: Nach einer griechischen Studie mit 23 500 Probanden senkt die tägliche Siesta das Infarktrisiko um bis zu 37 Prozent. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa wies nach, dass Piloten mit Nickerchen eine bessere Konzentration haben und schneller reagieren als unausgeschlafene Kollegen.Innovationen für die Siesta: Der Möbelhersteller Sedus hat den Stuhl "open up" mit einem großen Öffnungswinkel gebaut. Das erlaubt bequemen Kurzschlaf und Arbeiten im Liegen. Stuttgarter Studenten haben das Napshell, ein Designkokon für das sogenannte Powernapping, erfunden. Sie basteln noch an dem einer Muschel ähnelnden Gebilde aus Kunstfaser. Bald geht die Schlafschale in die Produktion.Im Sport ist der Mittagsschlaf zentral. Boxer Henry Maske verriet sein Erfolgskonzept: Fünf Liter Wasser, 70 Liegestütze und eine Stunde Mittagsschlaf. Fußballtrainer Hans Meyer erzählte in einem Interview, er predige seinen Spielern immerzu: "Das Wichtigste ist der Schlaf."In China ist der Mittagsschlaf ein in der Verfassung festgeschriebenes Grundrecht, es heißt Xeu Xi. In Japan dösen Manager selbst in Sitzungen. Das nennen sie Inemuri: Anwesend sein und schlafen.------------------------------Foto: Powernapping heißt das neudeutsche Wort für Mittagsruhe. Der Kurzschlaf nach dem Essen ist gesünder als Kaffee, sagen Arbeitsmediziner.