Die Abteilung für schlechte Filme füllt mittlerweile einen ganzen Seitenflügel der Kinogeschichte. Wenn die Anschlüsse zwischen den Bildern nicht passen wollen, die Achsen wahnhaft springen und Schauspieler mitsamt der Dekoration zu Boden stürzen, ist nicht unbedingt der Gipfel des Schunds erreicht - es kann auch die Spitze der Avantgarde sein. Wer wäre innovativer als ein vom Genius getriebener und dabei von seinen Visionen überforderter Regisseur, der frei von Erzähltraditionen, Publikumserwartungen und Produzentenwünschen allein seinem persönlichen Leitstern folgt? Ed Wood, dem wohl berühmtesten Billigfilmer, gerieten vor ungebremster Schöpferkraft die elementaren Filmtechniken schon mal aus dem Blick. Doch seine Ziele verfolgte er kaum weniger kompromisslos als ein Künstler wie Stan Brakhage.Die Filmkritikerin Pauline Kael vermutete bei David Lynchs "Blue Velvet", dass da sehr wenig Kunst zwischen dem Seelenleben des Regisseurs und dem Publikum liege. Besser kann man auch den klassischen Schund- oder Trashfilm nicht beschreiben. Das Vergnügen an ihm entspringt aus dem plötzlichen Einbruch der Wirklichkeit in die Illusion. Aus einer dem schmalen Spalt zwischen Bewusstem und Unbewusstem entschlüpften Geschichte. Immer ereignet sich der Trashfilm mehr als dass er gewollt wäre. Seine Wirkung verdankt er einem Versagen innerer und äußerer Kontrollinstanzen. Das Projekt "Planet B" (aus dem Fünf-Jahres-Plan der Produktionsfirma Checkpoint Berlin) bezeichnet einen Ideen-Pool aus acht Drehbüchern, von denen zunächst nur drei verfilmt wurden. Bei Gefallen sollen die restlichen fünf folgen. Gemeinsam ist den bereits fertig gestellten Filmen das niedrige Budget (ca. 850 000 Euro), der Fundus von Studio Babelsberg als Inspirationsquelle und der erklärte Wille, sich unter Beibehaltung eines technischen Mindeststandards an der Tradition des Trash-Films zu orientieren. Dass dieses Konzept tatsächlich aufgeht, liegt zum einen am parodistischen Gespür der Macher, zum anderen, und das betrifft vor allem den Film "Mask under Mask", daran, dass sich die Autoren unter dem Deckmantel des Schunds etwas trauen, was sie sonst nicht wagen würden. Am konventionellsten und zugleich am vergnüglichsten in seiner Beschränkung auf das Genre der Genre-Parodie ist "The Antman" nach einem Drehbuch von Marc Alexander Meyer. Ein Erzähler mit gerade ausreichend übertriebenem Akzent entführt uns in die mexikanische Gottverlassenheit, wo sich ein ungleicher Bruderkampf um eine schöne Frau entspinnt. Götz Otto, ganz strahlender Held, und Lars Rudolph als wahnwitziger Ameisenpriester Loco Satano chargieren munter drauflos, während Regisseur Christoph Gampl die Klischees des filmischen Monster(un)wesens noch zu überbieten versucht. Elisabeth Volkmann erscheint in einer denkwürdigen Nebenrolle - was wäre ein echter Trashfilm ohne seinen in die Jahre gekommenen Star? Das nämliche Prinzip begegnet einem auch in "Detectice Lovelorn und die Rache des Pharao". Hier gibt sich Horst Buchholz als Nobelpreisträger und verhinderter Weltenretter die Ehre. Autor Jürgen Michel hat mit dem Detektiv-, Mumien- und Sciencefictionfilm gleich drei Genres zusammengerührt und als Sahnehäubchen ein wenig Gender-Trouble obenaufgesetzt. Im schizophrenen Helden Lovelorn (Micel Maticevic) steckt nämlich ein weibliches Ich (Eva Hassmann), das stets im ungünstigsten Augenblick die Oberhand gewinnt, um sich dann den Erzschurken dieser und anderer Welten an den Hals zu werfen. Der eigenständigste "Planet B"-Film "Mask under Mask" ist zugleich auch der beste. Seine Geschichte spielt in einem Gebirgsstaat, der die Makellosigkeit vergöttert und jeden, der diesem Ideal nicht mehr gerecht wird, in eine Art mittelalterliche Unterwelt verbannt. Als der Regent dieses Utopias sich das Geheimnis der ewigen Jugend anzueignen versucht, wird er entstellt und fällt selbst unter sein Gesetz. Gedemütigt lernt er, was Menschlichkeit ist, und schließlich zettelt die Liebe eine Revolution im Staate an.Natürlich ist auch "Mask under Mask" nicht frei von parodistischen Momenten, doch vor allem ist es ein Kunstmärchen par excellence und exquisites Avantgarde-Kino im Gewand des Billigfilms. Regisseur Markus Goller hat sein Melodram irgendwo zwischen Prager Märchenfrühling und den Filmen von Powell/Pressburger angesiedelt, wobei die burleske Hässlichkeit der Unterwelt aufs Schönste mit der Theatralität bei Hofe korrespondiert. Gäbe es keine Fortsetzung des "Planet B"-Projekts - was weder zu wünschen wäre noch zu erwarten steht -, es hätte sich wegen dieses Films bereits gelohnt. Detective Lovelorn Deutschland 2000. Regie: Thomas Frick. Darsteller: Micel Maticevic. Eva Hassmann, Reiner Schöne, Horst Buchholz u.a.; 92 Minuten, Farbe.The Antman Deutschland 2000. Regie: Christoph Gampl. Darsteller: Götz Otto, Yasmina Filali, Lars Rudolph, Elisabeth Volkmann u.a.; 90 Minuten, Farbe.Mask under Mask Deutschland 2001. Regie: Markus Goller. Darsteller: Anatole Taubmann, Götz Otto, Rita Lengyel, Daniel Aminati u.a.; 94 Minuten, Farbe.STARDUST Diesen Film wollen wir unbedingt sehen: "Detective Lovelorn"!