Hochgiftige Nervengasvorräte der Nationalsozialisten brachten Deutschland im Jahr 1945 an den Rand der chemischen Katastrophe: Der Befehlsverweigerer verhinderte ein Inferno

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 28. April 1945, verweigerte der Wehrmachtsmajor Günter Zöller den Befehl. Und verhinderte eine Katastrophe. Zöller wachte über 70 000 deutsche Nervengasgranaten, die in einem Depot in Urlau im Allgäu lagerten. Bei Annäherung der Alliierten sollten die Granaten auf Befehl Hitlers in die Luft gejagt werden. Zöller widersetzte sich und übergab das Depot französischen Truppen. Volle Lager Die deutschen Vorräte an hochgiftigen Nervengasen wurden in den letzten Kriegswochen zu einem völlig unüberschaubaren Risiko. Die Lager waren voll, die Munition sollte vor dem Zugriff der Alliierten gesichert werden. Ständig fuhren mit Nervengasmunition beladene Züge durch Deutschland. Alliierte Jagdflieger schossen auf die Züge. Am 8. April 1945 verfehlten sie knapp einen Zug mit Tabun-Bomben auf dem Bahnhof Lossa, in Mitteldeutschland. Die Nervengasmenge: 180 000 Kilo.Bei der Kapitulation am 8. Mai 1945 verfügte die Wehrmacht über 120 000 Bomben und rund 900 000 Granaten, die die Tarnbezeichnung Grünring III trugen. Gefüllt waren sie mit über 12 000 Tonnen des Nervengases Tabun. Von dem sechsmal giftigerem Sarin besaßen die Nazis nur 500 Kilo.Der Nervengaskomplex war eines der bestgehüteten Geheimnisse des Dritten Reiches. Erst Mitte April 1945 lüfteten es die Westalliierten. Am 29. März 1945 stießen die Amerikaner auf das erste deutsche Giftgasdepot. Es lag in Frankenberg bei Marburg. Fast zeitgleich trafen die Briten im Depot Lübbecke, zwischen Osnabrück und Minden, ein.Militärgeheimdienstler erfuhren durch Verhöre, daß es sich bei der Grünring-III-Munition um einen neuen deutschen chemischen Kampfstoff handeln soll. Die Zusammensetzung des Giftes kannten die deutschen Wehrmachtsangehörigen, die in den Lagern Dienst taten, nicht. So wurde im englischen Giftgaszentrum Porton Down eine der erbeuteten Granaten analysiert. Das war die Stunde der Wahrheit. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Nervengasmunition Sache der Chemiker der militärischen Geheimdienste. Die Jagd nach den Quellen begann. Mit der Einnahme des I.G. Farben Werkes Ludwigshafen hatte man in ein Wespennest gestochen. Bereits am 20. April 1945 konnte Dr. Gerhard Schrader, der 1936 das Tabun und 1938 das Sarin entdeckte, gefangen werden. Er führte die Geheimdienstler auf die Spuren der großtechnischen Produktion und erzählte ihnen die Geschichte: Das Werk zur Tabun-Fertigung befand sich in Dyhernfurth nördlich von Breslau. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mußte die I.G. Farben auf Befehl und Kosten der Wehrmacht das großtechnische Verfahren entwickeln, das Werk bauen und betreiben. Verantwortlich war Dr. Otto Ambros.Baubeginn in Dyhernfurth war im Frühjahr 1940. Knapp zwei Jahre später waren die ersten Tonnen Tabun erzeugt, die modernste Giftgasfabrik der Welt arbeitete. Das Gift wurde sofort im Werk in Bomben und Granaten abgefüllt. Ein Transport des Stoffes in Kesselwagen hielt man für zu gefährlich. Die Munition wurde mit Zügen an unbekannte Orte gebracht. Mitte 1943 waren 2 500 Tonnen Gift hergestellt.Zu diesem Zeitpunkt wurde Ambros zu Hitler zitiert. Militärisch schon in der Enge, erwog er den Einsatz des Nervengiftes. Ambros sollte die Einzigartigkeit der Waffe bestätigen. Der entgegnete: Die Wirkung des Tabuns sei bekannt. Sicher würden auch die Feindmächte über diese Waffe verfügen. Ein historischer Irrtum. Hitler ließ von der Idee ab, und die Menschheit war vorerst vor einem Inferno bewahrt.Ungeachtet dieser Tatsache forderte Hitler die Großproduktion des sechsmal giftigeren Sarins. In Dyhernfurth sollte eine kleinere Anlage entstehen. In Falkenhagen, östlich Berlins, begann der Bau des großen Sarinwerkes. Beide wurden nie vollendet. Die 500 Kilo Sarin wurden in Munster, dem deutschen Giftgaserprobungsplatz seit dem Ersten Weltkrieg, produziert. In Dyhernfurth stieg bis Januar 1945 die Produktion auf 12 000 Tonnen Tabun. Historischer Irrtum Heute zeigt sich, daß der Nichteinsatz der Nervengase nicht überlegtem Kalkül, sondern historischen Irrtümern, puren Zufällen und dem couragierten Einsatz einzelner zu verdanken ist. Deutschland stand kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges am Abgrund eines chemischen Infernos. Das mögliche Ausmaß ist heute noch nicht abzuschätzen. Schutz hätte es für niemanden gegeben.Gert Niedermeyer ist Autor des Films "Nervengas - Eine Geheimwaffe aus Deutschland", den der ORB am 18. März um 21.45 Uhr ausstrahlt. +++