BERLIN. Präsident dringend gesucht! Unter der "Kennziffer P2010" kann man sich um den Chefsessel der Freien Universität (FU) Berlin bewerben. Auch die Humboldt-Universität (HU) sucht nach einem neuen Präsidenten. Offenbar hat sich bisher niemand gefunden, der geeignet wäre. Die HU hat deshalb bereits die Wahl vom ursprünglich geplanten 9. Februar auf den 20. April verschoben. Die Freie Universität kündigte derweil an, ihren Präsidenten am 12. Mai wählen zu wollen. Dabei wechselt der noch amtierende Präsident Dieter Lenzen schon am 1. März an die Universität Hamburg.Nachteil im Elite-WettbewerbNein, führungslos sind die beiden Universitäten nicht, wie eine Zeitung schrieb. An der FU wird die 1. Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl die Geschäfte bis zur Neuwahl weiterführen und an der HU regiert Christoph Markschies noch bis zum Ende des Jahres. Dennoch drohen die beiden Hochschulen ins Schleudern zu geraten. Unsichere Übergänge können sie sich nicht leisten. Sie brauchen starke Präsidenten, denn in diesem Jahr steht die dritte Runde des Elite-Universitäts-Wettbewerbs von Bund und Ländern an. Dabei geht es um die Verteilung von 2,7 Milliarden Euro. Die Freie Universität muss ihren 2007 errungenen Elite-Status verteidigen. "Wir brauchen so schnell wie möglich einen neuen Präsidenten", forderte daher ihr Kuratoriumsvorsitzender Hans-Uwe Erichsen.Ein Präsidentenamt in Berlin bringt wenig Ehre, aber viel Ärger mit sich. Das erschwert die Suche nach Nachfolgern. Dieter Lenzen kritisierte bei seinem Abschied den Umgangsstil des Senats scharf. Zu den Ärgernissen zählt nach Ansicht Lenzens etwa die Einstein-Stiftung, ein Lieblingsprojekt des Wissenschaftssenators Jürgen Zöllner (SPD), der neben den Universitäten eine Elite-Institution auf den Weg gebracht hat, um namhafte Forscher aus aller Welt anzuziehen. Die Universitäten hätten dadurch etwa 40 Millionen Euro verloren, sagte Lenzen. Zwar sehen die neuen Hochschulverträge eine Erhöhung des Etats in den kommenden Jahren vor. Die Universitäten aber fürchten, damit nicht einmal die steigenden Tarife, Kosten und Pensionen ausgleichen zu können.Fehlt der FU künftig ein ähnlich ehrgeiziger und omnipräsenter Präsident wie Dieter Lenzen, dann könnte sie durchaus wieder an Bedeutung verlieren. Es gibt jedoch auch Mitarbeiter, die im bevorstehenden Wechsel die Chance für einen neuen, "weniger zentralistisch-autoritären Stil" an der FU sehen. An der Humboldt-Universität wiederum wünschen sich nicht wenige einen offensiver agierenden Präsidenten. Sie glauben, dass ein Hochschulmanager vom Typ Lenzen der Universität zu der Bedeutung verhelfen könnte, die ihr aufgrund ihrer Historie und ihrer Lage in der Stadtmitte, direkt Unter den Linden, zukomme. Ursprünglich sollte der Nachfolger schon gefunden sein und Präsident Markschies im laufenden Jahr begleiten. Doch diese Tandem-Strategie scheint keinen Bewerber überzeugt zu haben.Die Findungskommissionen der Universitäten dürfen während des Verfahrens nicht über Bewerber reden. Doch auf den Fluren und in der Öffentlichkeit wird heftig spekuliert. Als Kandidaten für den Chefposten der Humboldt-Universität wurden bereits Jutta Allmendinger, Präsidentin der Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), die ehemalige brandenburgische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) oder Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam, genannt. Auch interne Größen sind im Gespräch. Etwa der Dekan der Wirtschaftswissenschaftler, Oliver Günther. Ein Mitarbeiter nannte ihn einen "hervorragenden Manager" mit "klarem Blick auf das Wesentliche".Es liegt nahe, sich nicht nur nach außen zu orientieren, sondern jene zu finden, die das Haus kennen und gute Netzwerker sind. An der Technischen Universität wurde erst am 6. Januar der erfahrene Vize Jörg Steinbach gewählt und damit dem weltbekannten Mathematiker Martin Grötschel vorgezogen. Kontinuität siegte über Reformabsichten. Die Mehrheit an der Universität will eben vor allem eins: Sicherheit.------------------------------Die zwei KonkurrentenFreie Universität: Die 1948 gegründete Universität in Dahlem hat 380 Professoren und 31 300 Studenten (ohne Charité). Sie gehört einem jüngsten Ranking zufolge zu den 100 besten Universitäten der Welt. Ihr Profil bestimmen unter anderem starke Regionalwissenschaften - von Amerika bis Ostasien, aber auch die Bio-, Geo-, Erziehungs- oder Politikwissenschaft. 2007 wurde sie im deutschen Exzellenzwettbewerb zur "Elite-Universität" gekürt, als eine von neun Universitäten. Für ihr Zukunftskonzept von einer "Internationalen Netzwerkuniversität" erhält sie 100 Millionen Euro.Humboldt-Universität: Die Unter den Linden beheimatete, älteste Universität Berlins hat 384 Professoren und 28 239 Studenten (ohne Charité). In diesem Jahr feiert sie ihr 200. Jubiläum. Auch wenn es ihr nicht gelang, in die Liga der "Elite-Unis" aufzusteigen, gehört sie zu den stärksten deutschen Universitäten. Zu ihrem Profil gehören die Lebenswissenschaften, etwa Medizin und Biologie, die Kulturwissenschaften, Geschlechterstudien sowie der naturwissenschaftliche Campus Adlershof, der Teil eines der modernsten Forschungsstandorte Deutschlands ist.------------------------------FREIE UNIVERSITÄTJohann W. Gerlach (1991-1999): Der Jurist führte die FU in der für sie schwierigsten Zeit des Umbruchs. Als er begann, hatte die West-Berliner Universität 60 000 Studenten, am Ende des politisch verordneten Abbaus waren es noch 43 000. In seine Amtszeit fielen der Abbau von Professorenstellen, Fusionen und Streichungen von Instituten, eine Verwaltungsreform und eine harte Auseinandersetzung um das künftige Profil. Gerlach, der SPD-Mitglied war, wehrte sich erfolgreich dagegen, dass die FU zum "Steinbruch" für den Aufbau der Humboldt-Universität (HU) werde. Und er moderierte die Suche nach einer neuen Identität seiner Universität. Nach einem schweren Autounfall 1998 konnte er sein Amt nicht mehr ausüben.-Peter Gaehtgens (1999-2003): Der Mediziner führte die Amtszeit des durch den Unfall arbeitsunfähig gewordenen Gerlach kommissarisch fort. Unter seiner Präsidentschaft endeten die internen Grabenkämpfe der FU, die er aus der Sinnkrise führen konnte. Die Hochschule nutzte ihren 50. Jahrestag 1998 zur Neubesinnung und sollte sich künftig auf ihre wissenschaftlichen Stärken besinnen, sich räumlich konzentrieren, ihren Campus ausbauen und ihre Kontakte "vom Fernen Osten bis zum Fernen Westen" intensivieren. Ganz gezielt wurde eine neue "Corporate Identity" gepflegt. In seiner Amtszeit kam es zu berlinweiten Auseinandersetzungen, wie etwa um die Zukunft des FU-Klinikums Benjamin Franklin.-Dieter Lenzen (2003-2010): Der Erziehungswissenschaftler, der zuvor vier Jahre lang der Mann hinter Gaehtgens gewesen war, schaffte es, viele zum Teil schon seit längerem bestehende Ideen umzusetzen. Institute wurden zusammengefasst, der Campus ausgebaut. Neue Bauten entstanden, etwa die Foster-Bibliothek, ein Kongresszentrum und ein Hotel. Um besondere Forschungsschwerpunkte ballten sich sogenannte "Clusters of Excellence", die universitäre und außeruniversitäre Institute verbinden. Das Konzept der "Internationalen Netzwerkuniversität", mit dem es die FU 2007 unter die bislang neun deutschen "Elite-Universitäten" schaffte, ist im wesentlichen das Werk Lenzens und seines Präsidiums.------------------------------HUMBOLDT- UNIVERSITÄTHeinrich Fink (1990-1992): Der Theologe war der erste frei gewählte Rektor nach der Wiedervereinigung. Viele sahen in ihm eine Gallionsfigur des Widerstands gegen die Abwicklung durch den Westen. Als die HU entschied, sich selbst zu erneuern und 35 Kommissionen einrichtete, geriet sie in Konflikt mit dem Senat. Als Fink 1992 fristlos gekündigt wurde, verteidigten ihn Studenten mit dem Ruf: "Unsern Heiner nimmt uns keiner!" Endgültig zu Fall brachte ihn der Vorwurf, als IM für die Stasi gearbeitet zu haben.-Marlis Dürkop (1992-1996): Die Soziologin und Grünen-Politikerin sollte die Abwicklung und Neustrukturierung zu Ende führen. Sie hatte die Vision einer offenen, wissenschaftlich bedeutenden Universität, geriet aber unter Druck. 1 100 Mitarbeiter mussten entlassen werden. 23 Studiengänge wurden eingestellt, zehn fusioniert. Sie kandidierte kein zweites Mal.-Hans Meyer (1996-2000): Der Staatsrechtler aus Frankfurt am Main machte aus der HU eine der reformfreudigsten Universitäten Deutschlands. Er erprobte eine neue Verfassung, verabschiedete einen Strukturplan mit schmerzhaften Einschnitten, beschleunigte den Umzug der Naturwissenschaften nach Adlershof. Meyer trat dem Senat selbstbewusst entgegen. In der HU galt er vielen als autoritär. Manche nannten ihn "Napoleon".-Jürgen Mlynek (2000-2005): Der Physiker war der erste Forschungsmanager an der Spitze der HU, die er in die "internationale Champions League" führen wollte. Er förderte stark wissenschaftlichen Nachwuchs, vor allem durch Juniorprofessuren. Schwerpunkte legte er auf "Lebens- und Staatswissenschaften". Kurz nach der Wiederwahl 2005 wechselte er zur Helmholtz-Gemeinschaft.-Christoph Markschies (2006-2010): Der Theologe übernahm als jüngster Uni-Präsident Deutschlands mitten in der Vorbereitung auf den Elite-Wettbewerb. Das von ihm geprägte Konzept, Humboldts Ideen auf Forschung und Lehre des 21. Jahrhunderts zu übersetzen, hatte nicht den erwünschten Erfolg. Markschies sieht die Universität als Ort des Denkens, weniger als Elite-Unternehmen an.------------------------------Foto: Wilhelm von Humboldt hat von seinem Platz vor dem Eingangstor der gleichnamigen Universität schon einige Präsidenten kommen und gehen sehen.