LEIPZIG, 21. Januar. Für Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) dürfte die erfundene Arzt-Karriere des Hochstaplers Gert Uwe Postel, die derzeit die 6. Strafkammer des Landgerichts Leipzig beschäftigt, nur wenig Neues bieten. Denn die Details des erfundenen Lebenswegs und der gefälschten Zeugnisse müßte der Landesvater längst kennen aus einer Kabinettsvorlage vom Juni 1996. Damals nämlich beschloß das sächsische Kabinett, den gelernten Postboten Postel, der seit 1995 in der Landesklinik Zschadraß als "Oberarzt" arbeitete, zum Chefarzt im Landeskrankenhaus Arnsdorf zu befördern. Mittelfristig, so hieß es in der Stellenausschreibung, hätte er dann auch Psychiatrie-Professor an der TU Leipzig werden sollen.Gesundheitsminister Hans Geisler (CDU) war nach dem persönlichen Gespräch mit dem von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Lügner jedenfalls zufrieden. Er zeichnete die Vorlage seines Abteilungsleiters für Personal, Günter Sippel, ab und legte das Papier auf den Kabinettstisch, wo zugestimmt wurde. Hätte Postel nicht von sich aus auf die Stelle verzichtet, dann hätte der Chefarzt-Berufung nichts mehr entgegengestanden. Denn das polizeiliche Führungszeugnis, das ihn hätte entlarven können, wird bei Chefärzten erst nach Amtsantritt eingeholt. Das sagte Abteilungsleiter Sippel vor Gericht. Bei Oberärzten hingegen sei es nicht üblich, ein Führungszeugnis zu verlangen. Deshalb sei der nun wegen schweren Betrugs vor Gericht stehende Postel mit seinen "perfekt gefälschten" Bewerbungsunterlagen im November 1995 vom Ministerium auch angestellt worden.Daß die Unterlagen, dann doch nicht ganz so perfekt waren, das hatte Sippel bis zum gestrigen Donnerstag nicht gemerkt. Erst Postels Pflichtverteidiger Jürgen Fischer wies ihn darauf hin, daß Postel in seinem Lebenslauf schreibt, er habe am Alten Gymnasium in Bremen Abitur gemacht, das gefälschte Reifezeugnis aber von einer Sekundarstufe II an der Bördestraße stammt. Auch der Stempel auf den beglaubigten Kopien hätte den Personalchef stutzig machen müssen weil er angeblich vom Generalbundesanwalt, Außenstelle Berlin, Bundeszentralregister, stammte. Der Anwalt wies auch darauf hin, daß Sippel Postel eingestellt habe, ohne ihm auch nur eine einzige fachliche Frage gestellt zu haben.Teure UnterwäscheDas Geld, das Gert Uwe Postel als "Oberarzt" verdiente, sparte er oder gab es für Statussymbole aus schnelle Autos und teure Unterwäsche. Doch nicht nur damit kam der schlanke, 1,94 Meter große Postel bei Frauen an. Der Mann, verriet eine Ex-Geliebte, sei "ein Ereignis" gewesen, so sensibel und gefühlvoll. Vielleicht hat ihn deshalb eine Staatsanwältin vor der kurz bevorstehenden Festnahme gewarnt. Michael Respondek, Sprecher der Dresdener Staatsanwaltschaft, bestätigte der "Berliner Zeitung", daß gegen die Juristin noch immer ermittelt werde. In Tübingen ermittelt derweil die Staatsanwaltschaft gegen eine Richterin, die Postel auf der Flucht Unterschlupf gewährt haben soll. Der Prozeß um den Hochstapler, der am Donnerstag seine betrügerische Arzttätigkeit teilweise eingestand, wird am heutigen Freitag fortgesetzt.