Die Sonne scheint über Dresden, weite Teile der sächsischen Landeshauptstadt sind überschwemmt, Tausende haben ihre Wohnungen verlassen, einige Stadtteile sind vom Stromnetz genommen. Es ist heute genau wie 2002. Die Leute rücken in der Not zusammen und helfen sich. Der Ministerpräsident rennt durchs Land und verspricht jedem, der nass geworden ist, 400 Euro auf die Hand.

Und irgendwann ist der Spuk vorbei, nicht nur in Dresden, auch in Passau und Halle, Regensburg und Rosenheim. Schlamm und Müll werden zusammengeschoben. Man wird zusammenrechnen und einige hundert Millionen Euro Schaden feststellen. In ein paar Jahren kommt dann die nächste „Jahrhundertflut“. Und so soll es immer weitergehen? Lässt sich nichts ändern?

Eilenburg in Nordsachsen ist diesmal nicht untergegangen, dort gab es nur minimale Schäden. Grimmas schöne Altstadt hingegen ist komplett abgesoffen – und man hätte es verhindern können. Während die Eilenburger sich nach 2002 eine Schutzmauer gebaut haben, formierte sich in Grimma ein Bürgerwiderstand gegen die angeblich hässliche „Einhausung“ der alten Stadt. Mit Mauer wäre Grimma trocken geblieben, schimpft der Oberbürgermeister. Ähnliches im Dresdner Stadtteil Laubegast, der schon bei Hochwassern ab sieben Meter untergeht. Der Fluss habe auch sein Recht, argumentierten Gegner einer geplanten Schutzmauer. Was wohl all jene davon halten, die im Moment Sandsäcke schleppen oder ihre Möbel wegtragen?

Wände und Mauern müssen her

Es ist höchste Zeit, dass sich etwas ändert. Man kann zwar keine Flutkatastrophen verhindern, aber man kann die Folgen abmildern, zum Beispiel durch Wände und Mauern. Natürlich darf der Staat seine Bürger bei wichtigen Bauprojekten nicht entmachten, wie es dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich am liebsten wäre: Er sei geneigt, dozierte er über mangelhaften Hochwasserschutz, die Mitbestimmung der Bürger bei so einem wichtigen Punkt außer Kraft zu setzen. Was für eine Wahnsinnsidee. In einem Tillich-Deutschland säßen wir heute da mit einem Schnellen Brüter in Kalkar am Niederrhein und einer Atomaufbereitungsanlage im bayerischen Wackersdorf. Demokratie und Rechtsstaat funktionieren nicht ohne Widerspruch und Klageweg.

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Aber: Ist es wünschenswert und richtig, wenn es eine Mehrheit buchstäblich ausbaden muss, weil einer trotzigen Minderheit der ungetrübte Blick auf Fluss, Sonnenaufgänge, Schwäne und Graugänse wichtiger ist als die Sicherheit und das Wohlbefinden vieler? Es ist höchste Zeit, dass auch darüber diskutiert wird. Angesichts der Katastrophe in Sachsen, Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg muss neu austariert werden, was wirklich wichtig für ein Gemeinwesen ist.

Natürlich: Mauern sind keine Lösung gegen Fluten, sie sind nur Schadensbegrenzung, ein Hilfsmittel und höchstens ein kleiner Teil einer Lösung. Wenn sich schon Katastrophen nicht verhindern lassen, ist es doch nötig und sinnvoll, ihre Risiken einzugrenzen. Seit Jahrzehnten mahnen Umweltschützer deshalb, dass Flüsse mehr Platz brauchen, Auenwälder nicht gerodet werden dürfen, an Flussufern nicht übermäßig gebaut werden sollte. Seit Jahrzehnten stimmen ihnen Politiker aller Couleur zu und kündigen an, Deiche zurückzuverlegen, Überflutungsflächen auszuweisen und zusätzliche Flächenversiegelung zu verhindern.

Und die Wirklichkeit? Politiker in Gummistiefeln, betroffen dreinblickende Gesichter, schnelle Versprechungen. Reden, Ankündigen, auf Vergessen hoffen. Um wirklich Platz zu schaffen für überlaufende Flüsse müsste sich die Politik mit den Landwirten anlegen, den Forstbesitzern, den Schrebergärtnern, deren Häuschen womöglich weg müssten. Sie müsste das Bauen am Fluss einschränken und Bodenversiegelung stoppen. Sie müsste den Bürgern etwas abverlangen.

All das passiert nicht. Nach dem Oderhochwasser von 1997 wollte Brandenburg 6000 Hektar Flutungsflächen ausweisen. Bis heute sind es gerade mal 300. Nach 2002 hat Sachsen mehr als eine halbe Milliarde Euro in Hochwasserschutzbauten gesteckt, aber nicht einmal ein Hundertstel der Summe in den Deichrückbau. Seit 2005 gibt es ein neues Hochwasserschutzgesetz. Aber leider auch Ausnahmeregelungen, Schlupflöcher und Uneinigkeit zwischen den Bundesländern.

Noch ein paar Tage, dann ist das Gröbste überstanden. Dann wird aufgeräumt und mit etwas Glück sind die Hausmauern im kommenden Winter wieder trocken. Die Sonne scheint, wir wurschteln weiter.