Der Regisseur Achim von Borries stammt aus München. Es lag für ihn nicht gerade nahe, in seinem ersten Film von der Reise eines Russen nach Berlin zu erzählen. Und doch ist Borries Film der bemerkenswerteste deutsche Spielfilm des Jahres - es hat auch gar nichts zu sagen, dass wir erst August schreiben. Alles begann so: Vor Jahren lernte Achim von Borries einen Ukrainer kennen, der von seinem Traum erzählte, eines Tages nach England zu reisen. Der Mann wollte den Kanal bei Dover mit einer Luftmatratze überqueren - tatsächlich saß er sieben Tage lang im Regen am Strand von Calais und sollte auch später nie an sein Ziel gelangen. Er hielt sich, wie viele Osteuropäer, mit dem Renovieren von Wohnungen über Wasser und betätigte sich ansonsten als Lebenskünstler. Irgendwann war klar, dass Borries die Geschichten dieses Mannes (es waren etliche zusammengekommen) erzählen wollte. Der Ukrainer war vor Jahren als Helfer in Tschernobyl gewesen; jetzt ist er wieder gesund, es geht ihm derzeit gut. Die Vergangenheit ist in "England!", dem ersten Spielfilm von Borries, der Motor einer stillen, aber ungeheuren Rastlosigkeit. Es ist ein kraftvoller Motor, der wie ein trauriger Wind die Seele des Films vor sich her treibt. Rastlosigkeit und Melancholie kommen unwiderruflich zusammen, wenn das Leben befristet ist wie in dieser ohne Furcht vor der eigenen Nacktheit erzählten Geschichte: sie handelt vom größten Verlust (dem des Lebens) und zeigt dabei die denkbar größte Liebe zum Leben. Auch Valeri, der Held von "England!", hat in Tschernobyl gelebt; er nimmt ein tödliches Andenken an diese Stadt mit auf seine Reise. Dieses Andenken überschattet Valeris (durch die Illegalität und materielle Not erzwungene) Lebenskünstlerschaft und kann sie doch nicht zerstören. Von Borries zeigt seinen Helden kaum leidend; "England!" sollte kein Melodram werden. Valeri ist jung und scheint im Vollbesitz seiner Kräfte, doch England wird für ihn mythisches Traumland bleiben: das Mutterland des Pop - der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, doch Valeri bleibt in Berlin hängen.Zwei Drittel des Films drehen sich darum, dass Valeri nach außen hin weiterlebt, als wenn nichts sei - wohl wissend, dass aus seiner Vergangenheit womöglich keine Zukunft wird. Valeri ringt den Tagen die Lust am Dasein und auch die Poesie regelrecht ab, immer wieder aufs Neue, in einer großen und für alle, auch den Zuschauer lohnenden Anstrengung. Der Zuschauer erfährt durch nebenbei ausgelegte Fährten, dass mit Valeri etwas sein muss: alte Zeitungsausschnitte, keine drei Sekunden bringt der Film sie ins Bild. Valeri wollte in Berlin eigentlich nur seinen Freund Viktor besuchen - plötzlich sieht man ihn an einem Grab stehen. In von Borries Film wird wenig geredet - die Bilder erzählen. Auch einen Ikonenmaler hat der Regisseur mal getroffen; nun prüft er in seinem Film einen distanzierten Ikonenmaler schwer, als er ihm Valeri anhängt wie einen Fussel einem schwarzen Anzug. Dann sieht man den Russen die Bruchbude des Künstlers in eine Wohnung zurück-verwandeln, aufräumen und die Wände streichen. Valeri verliebt sich auch, in eine Exilrussin, und lebt diese Liebe aus, als würde jeder Tag ewig dauern. Russen in einem Berliner Winter, der ihnen allenfalls freundliches Desinteresse entgegenbringt. Es gibt Schießbudenfiguren in "England!", Nachtgestalten, Tagfalter, Stinknormale und von keinem zu viel oder zu wenig."England!" ist ein Roadmovie, in dem Freude eine Bemühung darstellt. Ein gutherziger Glücksritter geht hier auf die Reise, und als er ein Ziel akzeptieren muss, das er nicht angesteuert hatte, tut er das - ohne jedoch die Unsitten des Ortes anzuerkennen. Davon erzählt gutes Kino: Hoffnung, Vergeblichkeit, Aneinandervorbei oder Miteinander übersetzt sich ins Bild. Die Kamera (Jutta Pohlmann) ist immer nah an Valeris Gesicht und seinem allmählich versagenden Körper (ausgezeichnet: Ivan Shvedoff), denn Film lebt ja vom Geschick des Einzelnen, und jedes Bild formt eine Meinung: hier ist das Sterben furchtbar - eine schreckliche, eine ultimative körperliche Erfahrung. Der Film vermittelt sie subtil über die Rastlosigkeit des sich gegen das Sterben, die Barschheit und Gleichgültigkeit aufbäumenden Helden. Erst später wird der Tod ein Universum aus zu viel Weite. Zu Ende von Börries Films treibt eine Luftmatratze ins Meer, der Himmel darüber ist von einem lastenden Blau, und dieses Blau will den Zuschauer nicht die Leichtigkeit des Seins entlassen.Es ist schon ein eigenes Wagnis, einen Sterbenden in den Mittelpunkt seines Debütfilms zu rücken und zu einer tröstlichen Figur zu machen. Man muss nicht unbedingt viel erlebt haben, um etwas über das Leben und die Menschen zu wissen. Das Dilemma neuer deutscher Filme sieht Achim von Borries vielmehr darin, dass "die Leute sich hinter spaßigen Filmchen verstecken" und sich scheuen, etwas zu erzählen - über sich. "Wenn man fragt, warum sie genau diesen Film gemacht haben, kommt über den Plot hinaus wenig." Von Borries hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. Er gehört zur ersten Generation deutscher Regisseure, die von der Drehbuchschule Hollywoods geprägt ist. Die Heroen des Neuen Deutschen Films (Schlöndorff, Thome, Herzog, Fassbinder usw.) haben ihren Übervater-Schrecken für diese jungen Filmemacher verloren, manchmal sogar ihre Bedeutung - das ist durchaus auch entlastend und wird gern übersehen, wenn wie in jüngster Zeit die Rede davon ist, dass Profil und Ansehen des deutschen Films verbessert werden muss. Das deutsche Filmfördersystem belohnt gegenwärtig vor allem die schon erfolgreichen Filmemacher. Bundeskanzler Schröder will diese "Referenzförderung" sogar gestärkt sehen. Der Spielfilmdebütant Achim von Borries berichtet, dass er keine schlechten Erfahrungen mit den Fördergremien gemacht habe - die seien alle ganz offen gewesen, als er "England!" konzipierte. Derzeit werden bis zu 18 lange Filme jährlich an der DFFB gedreht; zu deren Präsentation finden sich dann bis zu 60 Fachleute, meist vom Fernsehen, ein, um die viel versprechendsten Talente herauszupicken. In dieser noch vor fünf Jahren undenkbar günstigen Situation liegt auch eine Gefahr - dass die Filmabsolventen sich mit ihren Arbeiten zu früh auf Fernsehformate einstellen. Schwierig ist es für einen Debütanten vielmehr, einen Verleih zu finden. Etliche, wiewohl engagierte und unabhängig von den deutschen Tochterfirmen amerikanischer Kinokonzerne arbeitende Filmverleihe haben "England!" abgelehnt. Bis das Festival von Saarbrücken kam. In Saarbrücken einen Film laufen zu haben, stellt eine "Referenz" dar. "England!" war viel unterwegs, "in ungefähr 25 Ländern, auf irre vielen Festivals", sagt von Borries. Die Firma Neue Visionen, ein Berliner Zwei-Mann-Betrieb, nahm sein Debüt schließlich in den Verleih. "Man darf sich nichts vormachen", findet von Borries, "der Film wird es nicht leicht haben - bei seiner Thematik. Da geht man nicht so spontan rein wie in Planet der Affen . Aber wenn Leute nur unter dem Aspekt Filme machen, dass der Stoff gut ankommen könnte, kann es nix werden." Ignoranz sollte an deutschen Filmhochschulen öfter ein Thema sein. Denn wenn man sich erst einmal in "England!" bemüht hat, dann beginnt man zu fragen: wie soll das nur ausgehen. Dann will man, dass dieser Film nicht zu Ende geht.England! // Deutschland 2000.95 Minuten, Farbe.Regie: Achim von Borries, Drehbuch: Achim von Borries, Karen Astrom, Darsteller: Ivan Shvedoff, Merab Ninidze, Anna Geislerova, Dennis Burgazliev u. a.Premiere: 26. August, 20 Uhr im Filmtheater Hackesche Höfe.Der Film läuft ab 30. 8. auch im Filmtheater am Friedrichshain, Moviemento, Broadway.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Der Regisseur Achim von Borries hat keine Angst, im Film auch von sich zu erzählen.