Herr Professor Schnädelbach, Studien sprechen von einem Trend zurück zum Religiösen, wie erklären Sie sich dieses Phänomen?Dafür habe ich keine Erklärung. Ich sehe nur: Die Rede von der Wiederkehr der Religion hat verschiedene Quellen. Es gibt Kirchenvertreter, wie etwa den evangelischen Bischof Wolfgang Huber, die das sehr gerne aufgreifen und mit gewissem Wohlwollen darauf verweisen, dass es doch nicht so schlecht stehe um den Glauben in unserer Kultur. Andere begrüßen dies aus funktionalen Gründen; sie meinen, dass der Glaube das Wertebewusstsein fördere und fromme Menschen anständiger seien. Sie setzen also auf eine Art zivilisierende Kraft des Religiösen.In das Neu-Religiöse fließen aber auch Elemente anderer Religionen ein?Das Phänomen der Patchwork-Religion ist nicht neu, es beginnt nicht erst mit dem Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen. Es findet sich schon innerhalb der christlichen Kirchen. Kaum ein praktizierender Christ hat ja noch eine Gesamtvorstellung von der Theologie. Die katholische Kirche etwa spricht von der fides implicita, dem impliziten Glauben, der nicht in allen Einzelheiten dem Gläubigen gegenwärtig sein muss. Nach ihrer jahrhundertelangen Entwicklung können ja nur noch Experten den Überblick über die gesamte Kirchenlehre behalten. Da ist es nicht schlimm, wenn sich die Menschen selbst aus diesem Fundus bedienen, und sich nur das ein oder andere Stück des Glaubens heraussuchen und anderes ausblenden - etwa die Angst vor dem Jüngsten Gericht. Auch manches andere will einfach nicht zu unserem modernen Lebensgefühl passen.Sie haben den Begriff des "frommen Atheisten" geprägt, was verstehen Sie darunter?Zunächst muss man sagen, der Atheist ist nicht gegen Gott, das wäre ja ein Selbstwiderspruch: Um gegen ihn sein zu können, müsste er ja die Existenz Gottes voraussetzen. Es gibt zwei Sorten von Atheisten. Die einen sind die konfessionellen Atheisten, die sagen: "Ich glaube, dass es Gott nicht gibt"; sie vertreten eine Art Gegenkonfession zum Gottesglauben. Die schwächere Form des Atheismus besteht darin, zu sagen: "Ich glaube nicht, dass es Gott gibt." Hier wird also nichts geglaubt und bekannt. Dabei gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten. Man kennt den achselzuckenden Atheisten, der sagt: "Ich will von dem Thema nichts hören." Dann gibt es den frommen Atheisten, der nicht anders kann als das, was einmal Religion gewesen ist, ernst zu nehmen und vielleicht sogar nicht davor zurückschreckt zu bedauern, dass das Religiöse verloren gegangen ist.Warum bedauert er diesen Verlust?Einmal wirkt da wohl die Vorstellung nach, dass die Welt einmal mehr in Ordnung gewesen sei, als die Menschen noch die Religion geglaubt haben. Ein anderer Grund ist ein persönlicher: Man empfindet den Unglauben als Enttäuschung des kindlichen Bedürfnisses nach Geborgenheit.Außerhalb der Kirche gibt es die sogenannten Kulturchristen .Auch das ist ein Patchwork-Phänomen. Versatzstücke des Christentums sind ja allgegenwärtig. Unsere Kultur ist ja voll davon, nicht nur in der Bilderwelt; auch die große Literatur lässt sich nur schwer verstehen, ohne die Bibel zu kennen. Hier ist die Religion gewissermaßen ein notwendiger Bildungsbestand.Wie in diesen Tagen etwa die Matthäus-Passion von Bach?Es gibt eine sehr starke Ästhetisierung des Religiösen. Das ist nicht nur in der Kirchenmusik der Fall, sondern das geht weit über diesen Bereich hinaus. Vielleicht muss man deshalb klar unterscheiden: Religion ist etwas, was das ganze Leben durchdringt; Religiosität hingegen ist meist nur ein Gefühl mit meist ästhetischer Erlebnisqualität, eine Erweiterung des Erlebnisspektrums, die man heute meist als Spiritualität bezeichnet. Das Gespräch führte P. Riesbeck.------------------------------Foto: Adorno-Schüler Herbert Schnädelbach, 71, lehrte Philosophie an der Humboldt-Uni Berlin.