Der Herr der Kettensägen betritt die Tanzfläche wie ein Boxer: im schwarzen Seidenkimono, mit stolzem Blick in die Menge. Aus den Boxen dröhnt "Eye of the tiger", ein Klassiker, der einst Rocky im Kino zum Sieg führte. Doch Holger Schrödter ist kein Großmaul und braucht keine Stunts: Alles ist echt.Sonntag abend in der Lichtenberger Diskothek "Tollhaus": Zum ersten Mal hat der 33jährige Artist seine Garage verlassen, in der er seit zwei Jahren täglich ein bis zwei Stunden mit Kettensägen trainiert. Heute abend führt er vor, was sich in ganz Europa kein Mensch traut: mit laufenden Kettensägen zu jonglieren. Stahlkugel im Nacken Zum Warmwerden nimmt er Stahlkugeln: jongliert mit zwei Zehn-Kilo-Kugeln in einer Hand, nimmt eine dritte dazu, schließt seine Arme zum Kreis, läßt die Kugeln in enormer Geschwindigkeit auf ihnen wandern, läßt sie auf den Schultern tanzen. Zwischen den Nummern zuckt er mit seinen zentimeterdicken Brustmuskeln. Das Publikum jubelt.Immer wieder läßt er junge Männer und Frauen die Kugeln in die Hand nehmen. "Viele glauben, da wäre ein Trick", sagt er. Seit zehn Jahren tritt der Berliner, der liegend 170 Kilo hochstemmt, als Kraftjongleur auf. Ungefähr genausolange träumt er von der Nummer mit den Kettensägen. Ein systemtypisches Problem hinderte ihn daran, das Kunststück schon zu DDR-Zeiten einzuüben: Es gab keine Kettensägen. "Ich habe nach etwas Spektakulärem gesucht", begründet er seine waghalsige Wahl. Als ob es nicht schon ziemlich verrückt wäre, eine 25-Kilo-Kugel - die nächste Nummer - im Nacken aufzufangen. Dem Publikum stockt der Atem, als das silberne Geschoß auf ihn niedersaust. Doch das ist alles nur Vorspiel.Holger war nie Holzfäller oder Bauarbeiter. Weil er ein hilfsbereiter Typ ist, hat er allerdings schon öfter ausgeholfen, wenn in einem Garten ein Baum umzusägen war. Das war sein einziger Kontakt mit den Höllenmaschinen. Wie er die Nummer einstudiert hat, verrät er nicht. "Sonst könnten andere das nachahmen."Unter den rund 200 Personen in der Diskothek steht tatsächlich eine Menge Konkurrenz. Zu Holgers Premiere sind an diesem Abend viele Artisten-Kollegen gekommen: ein weiterer Kraftjongleur, ein Zauberer, eine Schlangen-Künstlerin. Doch zum einen sind sie seine Freunde, zum anderen vergeht jedem Interessenten schnell die Lust, als Holger die Sägen anwirft.Die Motoren dröhnen, Bezingeruch zieht durch den dunklen Saal. Mit der rechten Hand wirft er die erste Säge in die Luft, nimmt zwei Zehn-Kilo-Kugeln dazu. Die Leute johlen. Will er wirklich so tun, als seien es harmlose Bälle? Den Mund und die Augen weit aufgerissen, folgt der Jongleur seinem Werkzeug. Einmal, zweimal kreisen Bälle und Kettensäge hoch durch die Luft. Die Menge schreit Plötzlich aber verläßt die Säge ihre Bahn, fällt schräg nach unten. Doch Schrödters Hand ist längst ausgestreckt, um sie zu fangen. Sie greift zu, bekommt die Maschine am Motor zu fassen. Wenige Millimeter von der drehenden Sägekette, wenige Millimeter vom Fiasko entfernt. Die Menge pfeift, schreit, lacht. Sie hat nicht bemerkt, daß es knapp war. "Wenn so was auf der Bühne passiert, wird man ruhiger", wird er später sagen. Der Artist läßt sich nicht beirren, macht weiter. Nimmt die zweite Säge, wirbelt beide gleichzeitig durch die Luft, fängt sie wieder auf, und noch einmal, und noch einmal. Die Sägeketten rasen um die Führungsschiene, das Knattern der Motoren geht im Applaus unter. Weiter, weiter, er gewinnt an Sicherheit, die Sägen fliegen, so, wie er es will. Holger reißt die Arme hoch - geschafft, und die Diskobesucher stehen und schreien die überstandene Spannung und ihre Begeisterung heraus. Schon im Winter will er mit vier Kettensägen auftreten. Er denkt, daß die Nummer bald Routine wird. "Irgendwann ist das wie Fahrradfahren", sagt er. +++