Missouri an Paul Schockemöhle verkauft! Der beste ostdeutsche Springreiter verliert sein Paradepferd! Holger Wulschner wird die Olympiachance genommen! - Schlagzeilen aus dem Herbst 1995. Eine Parallele zeichnete sich ab. Vier Jahre zuvor hatte Reiter Heinz Blankenburg aus dem sächsischen Moritzburg seinen hoffnungsvollen Hengst Safran an den Stall des Fleischgroßhändlers Moksel im bayrischen Buchloe abgeben müssen. Safran wurde damals als Zweit- oder Drittpferd für den späteren Olympiasieger Ludger Beerbaum gebraucht, Blankenburgs Auswahlkarriere fand ein jähes Ende. Aufschwung Ost zugunsten West. Und nun Wulschner!Der Proteststurm der Pferdessportanhänger in den neuen Bundesländern verebbte jedoch schon vor der ersten Böe. Wulschner selbst nahm "den nur halb informierten" Kritikern den Wind aus den Segeln. "Es war doch alles ganz anders", sagt er und erzählt die Geschichte "ohne armen Ossi und bösen Wessi". Wenige Tage vor dem internationalen Reitturnier in der Deutschlandhalle hatte der 33jährige zum Plausch vor Ort auf dem Reiterhof im mecklenburgischen Passin geladen.Passin - bis zur Wende selbst für die Pferdesportfreunde der DDR ein Ort nirgendwo - wird heute in Anspielung auf den oldenburgischen Hof von Pferdemogul Paul Schockemöhle schon als das Mühlen des Ostens gerühmt. Der Verdienst, aus dem Nichts eine Pferdesporthochburg mit Zukunft geschaffen zu haben, kommt vor allem einem Berliner zu: dem Kaufmann Herbert Herzog. "Es war ganz einfach Zufall", erklärt der Mariendorfer, weshalb es ihn ausgerechnet auf das Dorf zwischen Rostock und Schwerin verschlug. Inzwischen ist die ganze Familie hier engagiert. Ehefrau Renate als Mitglied des Präsidiums des Landesverbandes Mecklenburg-vorpommern, Tochter Cornelia als erfolgreiche Dressur-Juniorin, Zweite bei den Landesmeisterschaften."Ich hätte Missouri nicht verkauft, wenn der Vorschlag nicht von Holger selbst gekommen wäre", bringt Herzog das Gespräch wieder auf das frühere Paradepferd zurück. Wulschners Überlegungen: "Missouri galt zwar nach außen hin aufgrund seiner internationalen Erfolge immer noch als die Nummer eins unseres Stalles, doch intern gesehen hatten Prinz Oldenburg, Azarro und Capriol mächtig aufgeholt. Der Tag nahte, an dem sie dem schon 14jährigen Hengst den Rang ablaufen würden." Also gab Herzog schließlich "für eine sechsstellige Summe" dem Kaufbegehren von Paul Schockemöhle nach.Der Olympiatraum von Holger Wulschner war schon vorher zerplatzt. Dem Mecklenburger hing eine Dopinggeschichte aus dem Jahr 1993 an. Bei einem Turnier in Donaueschingen soll sein Pferd ein leistungsförderndes Mittel bekommen haben. Obwohl die Schuldfrage nie geklärt werden konnte, wurde Wulschner damals international für drei Monate gesperrt. Eine Bestrafung mit Folgen. Damit kam er nach Maßgabe des NOK für Deutschland nicht für Atlanta in Frage. Bundestrainer Herbert Meyer, der den Ostdeutschen als Ersatzmann nominieren wollte, mußte so schweren Herzens auf ihn verzichten.Missouri übrigens hatte seinen Olympiaauftritt - mit dem Team Saudi-Arabiens, das sich in Mühlen bei Schockemöhle auf die Spiele vorbereitet hatte. Wulschner ist extra nachts aufgestanden, um den Ritt seines Ex-Pferdes mitzuerleben. "Er ging super, im ersten Durchgang sogar fehlerfrei."Schon stehen neue Käufer vor dem Hof in Passin. Vor allem der zehnjährige Prinz Oldenburg, aber auch Azarro (elf) und Capriol (acht) locken die Interessenten an. Erst jüngst gab es eine telefonische Anfrage von einem österreichischen Elitereiter. Mäzen Herbert Herzog aber bleibt standhaft. "Wir werden nicht weiter verkaufen. Darauf kann sich Holger verlassen." Wulschner kann so beruhigt bis Olympia 2000 planen. "Mit den drei Pferden bin ich bestens gerüstet, den Kampf um einen Platz in der deutschen Equipe aufzunehmen." Dazu wird es nötig sein, schon jetzt Pluspunkte im Notizbuch von Bundestrainer Meyer zu sammeln. Die nächste Gelegenheit vor heimischen Publikum ist vom 21. bis 24 November beim Treff der Weltelite in der Berliner Deutschlandhalle.Aber auch sein einstiges Paradepferd hat Wulschner nicht vergessen. "Missouri steht in Mühlen und wird vielleicht noch zwei bis drei Jahre für Saudi-Arabien im Einsatz sein." Danach werde der Hengst zurück nach Passin in den verdienten Ruhestand kommen. "Das bin ich Missouri einfach schuldig", sagt Holger Wulschner. +++