Was dem einen der Mauerfall, das war für Holm Friebe (Jg. 1972) und Sascha Lobo (Jg. 1975) die Wende am Aktienmarkt. Welche Freiheit tat sich plötzlich auf, als die New Economy zusammenbrach mit ihren Lügen und Zwängen! "Wir waren hin- und hergetaumelt zwischen Internet-, Trend- und Werbeagenturen, die heiße Luft mit je nach Bedarf angepasster Temperatur verkauften." Nun tat sich ihnen die karge, aber freiere und wärmere Welt rein freiberuflicher Arbeit auf. Das Verwerfen jeder Festanstellung wurde ihnen zum Prinzip, sie gründeten stattdessen die virtuelle Firma "Zentrale Intelligenz Agentur", hinter der sich eine Gruppe bekennender Freiberufler verbarg.Da stellte sich bald die Frage, ob die neue Lebensform und -einstellung nicht eine allgemeinere Bedeutung besaß und also verlangte, im Buch beschrieben zu werden? Eine Blitzumfrage im Freundeskreis ergab den bemerkenswert hohen Freiberufleranteil von 90 Prozent - die Zählung fand an einem Dienstagmorgen um halb vier in der Kneipe statt. "Waren wir einem Phänomen auf der Spur oder überhöhten wir unseren überschaubaren Berliner Nahbereich mythisch, um dem Versacken an Wochentagen eine gesellschaftstheoretische Grundlage zu verpassen?"Die Autoren neigen zur ersten Variante. Sie haben das zu beschreibende Phänomen, ihre Lebensform, "Digitale Bohème" genannt, weil sie erstens vom Internet nicht ablösbar ist, und weil zweitens das Freiberuflertum sich zum Angestelltendasein so verhalte wie einst die Bohème zur Bourgeoisie. Die neuere Entwicklung des Internets habe die Lebensbedingungen geschaffen, die kreativen Köpfen den Ausstieg aus der geistigen Knechtschaft und Entfremdung des Angestelltendaseins ermöglicht.Diese digitale Bohème arbeite in neuen, für Außenseiter oft als Arbeit gar nicht zu erkennenden Formen: man sitzt im WLAN-Café und verfolgt bei Kuchen und Getränk am Laptop sein Projekte, man vermischt freudig Freundeskreis und Arbeit, man verzichtet auf Geld und Rentenansprüche und gewinnt stattdessen an sozialem Respekt, der Währung des Internets.Das ist flott geschrieben und als Manifest verfasst, also auch mit der manifest-typischen Überhöhung einzelner Beobachtungen zu universalen Trends. Reihenweise werden fremde Autoritäten in Zitatketten geschlagen - Benn, Balzac, Bourdieu, Benjamin, Braudel etc. Dafür wird man entschädigt mit dem angenehm manifest-untypischen Aufblitzen von Selbstironie.Vor allem aber folgt auf das Manifest eine umfassende, glänzend geschriebene Darstellung jener neuen Trends im Internet, die unter dem Schlagwort "Web 2.0" zusammengefasst worden sind. Die Frage ist ja, welche wirtschaftliche Basis die Autoren im Internet für eine freiberufliche Bohème-Existenz finden.Eine der Entwicklungen, die das Internet so wohnlich macht für Aussteiger und starke Individuen, ist etwa das von Chris Anderson beschriebene Phänomen des "Long Tail" - will sagen, dass im Internet, anders als im normalen Laden, die meisten Umsätze nicht mit wenigen Massenartikeln gemacht werden, sondern mit vielen kleinen, nur für wenige Liebhaber interessanten Produkten - dem "langen Ende" des Marktes.Nach diesem Prinzip funktioniert Amazon, aber auch Google, das ja seine Werbeumsätze nicht mit DaimlerChrysler und der Citibank macht, sondern mit Millionen Kleinkunden. Kommt hinzu, dass im Internet die Geldströme nicht mehr nur vom Unternehmen zum Kunden fließen, sondern in alle Richtungen. Das wird hier detailreich und klug beschrieben, mit großer Freude am Hingucken, so wie es die Leser der Berliner Zeitung aus Friebes Kolumne "Das nächste große Ding" kennen.Bevor die festangestellten und aller Wahrscheinlichkeit nach ja tatsächlich frustrierten Leser des Buches die Kündigung einreichen, wären allerdings noch einige Fragen zu klären. Dass die Autoren den Markt über den grünen Klee loben, bloß weil sie feste Hierarchien anders nicht tadeln können, ist das eine. Aber: Warum interessieren sie sich so gar nicht für Beziehung, Kinder, Familie? Sie taucht am Anfang kurz auf, als eine der drei bürgerlichen Sphären - Nation, Unternehmen, Familie - die es unbedingt zu überschreiten gelte. Und am Ende fordern sie en passant, Kitas rund um die Uhr zu öffnen und die Altersvorsorge zu subventionieren. Gut gebrüllt, Bohème!Dennoch schließen wir uns dem Klappentext des Schriftstellers Peter Glaser an: "Dieses Buch ist hypermodern, jeder sollte es lesen." Oder, wie man bei Ebay sagt: "Ware wie beschrieben, bin zufrieden, gerne wieder!"------------------------------Foto: olm Friebe, Sascha Lobo:Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Heyne, Berlin 2006. 303 S., 17,95 Euro.------------------------------Foto: Im Café St. Oberholz am Rosenthaler Platz, so schreiben die Autoren, trifft sich die digitale Bohème - bei analoger Bionade.