BERLIN, 12. Mai. Yitzak Ehrenberg ist empört. Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin verlangt in einem Brief von der Publizistin Lea Rosh, den von ihr gefundenen Zahn eines Holocaustopfers aus dem Vernichtungslager Belzec auf dem Berliner Jüdischen Friedhof am Scholzplatz beisetzen zu lassen. Die Vorsitzende des privaten Mahnmalförderkreises stößt mit ihrem Vorschlag, den Zahn in eine Stele des neu eingeweihten Mahnmale einzulassen, bei den Jüdischen Gemeinden deutschlandweit auf Empörung. Einige Stimmen warnen aber auch vor Panikmache.Der Schriftsteller Rafael Seligmann sagte der Berliner Zeitung: "Mich beschäftigt nicht der seelische Zustand einer Frau Rosh, sondern eine Gesellschaft, die dieser Dame und ihrem Aktionismus blindlings folgt." Die beabsichtigte Niederlegung des Backenzahnes in dem Mahnmal bezeichnete Seligmann als "im höchsten Grade unappetitlich". Das verstoße gegen jegliches Gebot der Menschenwürde und gegen alle jüdischen Gesetze der Totenruhe. Die jüdischen Gesetze (Halacha) sehen vor, Tote auf einem jüdischen Friedhof zu beerdigen. "Und zwar jegliche Teile", sagte Seligmann. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass mit dem Zahn eines toten Juden einfach eine geltungssüchtige Dame Werbung in eigener Sache mache.In dem Brief Ehrenbergs, der dieser Zeitung vorliegt, heißt es: "Erstens, den Zahn zu nehmen, um ihn 17 Jahre zu behalten, ist gegen die Halacha, die die Beerdigung des Zahnes verlangt." Viele Menschen seien sehr verstört darüber. Ehrenberg bittet darum, den Zahn so bald wie möglich zu bestatten, "so wie es die Halacha verlangt". "Man sollte die Juden in Ruhe lassen, die Toten und die Lebenden", sagte Chaim Rozwaski, ebenfalls Gemeinderabbiner.Auch Joel Berg, der ehemalige Vorsitzende der Rabbiner in Deutschland, nannte Roshs Vorgehen "völlig abwegig". Es verletzt "unsere Gefühle der Pietät und Humanität." Der menschliche Körper als Schöpfung Gottes habe eine Heiligkeit als Ebenbild des Schöpfers. Dies verleihe dem ganzen Körper sowie seinen einzelnen Gliedern die Unversehrtheit nach dem Tod bis in die Ewigkeit. Nach jüdischem Recht müssten selbst aus Krankheitsgründen amputierte Glieder auf jüdischen Friedhöfen beigesetzt werden. "Vor diesem Hintergrund scheint es ungeheuerlich, was Frau Lea Rosh vorschlägt", heißt es in seiner Stellungnahme. Berlins Gemeindechef Albert Meyer erneuerte am Donnerstag seine Kritik an Lea Rosh. Bei der Mahnmaleinweihung habe er wie viele andere ihr zunächst höchsten Respekt gezollt. "Doch dann haben ihr die Stelen nicht ausgereicht. Sie musste einen Zahn zulegen", sagte Meyer der Berliner Zeitung.Späte UmkehrEs gibt einige wenige Stimmen in den jüdischen Gemeinden, die sich vorsichtiger äußern. "Man kann sicherlich darüber diskutieren, man sollte aber die ganze Sache nicht so hoch hängen, wie es derzeit passiert", sagte Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden Niedersachsens. Fürst kann keine unlauteren Absichten bei Lea Rosh sehen. Er wirft ihr aber eine eine "Publikumsaktion" vor. Der ehemalige Berliner Gemeindechef Alexander Brenner sagt zwar, dass der Vorschlag von Lea Rosh fehl am Platz sei. Doch man dürfe über der aktuellen Debatte nicht vergessen, dass ohne das Engagement der Publizistin das Mahnmal nie errichtet worden wäre. "Jetzt hat sie einen Fehler gemacht. Man sollte aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", so Brenner. Ähnlich äußert sich der Auschwitz-Überlebende Jerzy Kanal, der vor Brenner Gemeindechef war. "Die ganze Angelegenheit ist unüberlegt und unangenehm", sagte Kanal. Doch man sollte an den jahrzehntelangen Einsatz von Lea Rosh denken.Der Vorsitzende der Union der progressiven Juden (UPJ), Jan Mühlstein, sprach sogar von "einer durchaus vertretbaren Geste." Die Totenruhe nach den Maßstäben der Halacha könne ohnehin bei Shoa-Opfern nicht eingehalten werden. Schon deren Einäscherungen - wie zuletzt in Sachsenhausen - seien eigentlich nicht zulässig.Am Donnerstagabend erklärt Lea Rosh plötzlich, dass sie ihren Plan zunächst zurückstelle und sich Rat von religiöser Seite hole.------------------------------Foto: Lea Rosh zeigt den Anstoß der Debatte.